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Ausstellung zu Rechtsextremismus im Sport: Plattitüden gegen rechts

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Fotostrecke: Gesicht zeigen gegen rechts Fotos
DPA

Bundespräsident Joachim Gauck hat in Berlin eine Ausstellung zum Thema "Rechtsextremismus im Sport" eröffnet. Statt über die Ursachen rechter Strömungen zu informieren, wird viel Prominenz ins Bild gesetzt - und mit Kalendersprüchen betitelt.

Der frühere Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, Theo Zwanziger, hat mal den Satz gesagt: "Wenn ich Rechtsextremist wäre, ich wüsste, was ich zu tun hätte: Ich ginge in einen Sportverein." Der Satz taucht als Zitat in der neuen Ausstellung "VorBILDER - Sport und Politik vereint gegen Rechtsextremismus" auf. Ein Satz mit Widerhaken. Ein Satz, bei dem das Nachdenken so richtig anfangen müsste.

Aber Nachdenken - darum geht es in der Ausstellung bedauerlicherweise nicht, die Bundespräsident Joachim Gauck am Mittwochabend im Deutschen Historischen Museum von Berlin eröffnet hat. Vielmehr wird Polit- und Sportprominenz ins Bild gerückt. Es wird Gesicht gezeigt, aber mehr nicht.

Das Konzept der vom Bundesinnenministerium initiierten Ausstellung ist klar: Ein Politiker und ein Sportler treffen sich zu einem gemeinsamen Fototermin, das Treffen wird von den Fotografen Bernd und Angelika Kohlmeier im Bild festgehalten, und die beiden Prominenten versichern einander, dass sie irgendwie sehr gegen Rechtsextremismus sind. Das ist letztlich die gesamte Botschaft.

"Wir lassen uns nicht aufs Glatteis führen"

Das Ganze wird unter, nennen wir es, plakative Überschriften gestellt: Wenn Hammerwerferin Betty Heidler mit dem hessischen CDU-Minister Boris Rhein zusammensitzt, wird getitelt: "Wir wissen, wo der Hammer hängt." Über dem Treffen von Bundesinnenminister Thomas de Maizière mit Skispringerin Carina Vogt ist zu lesen: "Gemeinsam den Absprung schaffen." Wenn Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil und Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus aufeinandertreffen, lautet die Überschrift, na klar: "Anpfiff für Toleranz." Und wenn Eishockeytorwart Leonardo Conti dabei ist, muss es schlicht und einfach heißen: "Wir lassen uns nicht aufs Glatteis führen."

Über Ursachen von Rechtsextremismus im Sport, darüber, warum Sportvereine besonders anfällig und attraktiv für rechte Aktivitäten sind und wie man Rechtsextremen im Verein wirkungsvoll entgegentritt - also über all das, was in dem Satz Zwanzigers mitschwingt -, darüber verrät die Ausstellung nichts.

Stattdessen lernen die Besucher, dass beim Treffen von Sachsens Landesvater Stanislaw Tillich mit Volleyballerin Myrthe Schoot viel gelacht wurde. Als Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz und HSV-Torwart René Adler sich in der HafenCity trafen, war es dagegen bitterkalt. Und für FDP-Politiker Hermann-Otto Solms, der sich Ex-Nationalspieler Gerald Asamoah als Partner ausgesucht hatte, war "Gerechtigkeit immer schon ein großes Thema".

Asamoah erzählt von Beleidigungen nach der Heim-WM

Als Asamoah zur Ausstellungseröffnung erzählt, wie er nach der Heim-WM 2006 mehrfach rassistisch beleidigt worden sei, sagt er fast nebenbei: "Damals hätte ich mir auch mehr Unterstützung von Kollegen aus der Nationalmannschaft gewünscht. Die gab es leider nicht." Noch so ein Satz, der wie ein Fremdkörper neben den ästhetischen Bildern vom Miteinander der Sportler und Politiker steht.

Die Kampagne kann dabei mit renommierten Namen glänzen, vor allem aus der Politik. Gauck, de Maizière, SPD-Politiker Wolfgang Thierse, die grüne Frontfrau Katrin Göring-Eckart. Bundestrainer Joachim Löw traf sich mit Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann auf der menschenleeren Tribüne des Stuttgarter Stadions. Man darf davon ausgehen, dass sie bei ihrem Meinungsaustausch nicht ausschließlich über die Bedrohungen des Rechtsextremismus geredet haben werden.

Bundestagspräsident Norbert Lammert hatte sich mit Langstreckenläufer Jan Fitschen verabredet. Fitschen wird zitiert: "Ich habe auf meinen Reisen die Welt kennengelernt, und das bereichert mein Leben." Ein Satz, der den politischen Gehalt dieser Schau recht bündig zusammenfasst.

Eine Ausstellung, die eine politische Botschaft suggeriert, aber am Ende unpolitisch bleibt. Gut gemeint ist selten die kleine Schwester von gut gemacht.

De Maizière wünschte sich zur Eröffnung, dass diese Ausstellung, die in Berlin ihren Anfang nimmt und dann bundesweit gezeigt werden soll, "jeden Winkel unseres Landes erreicht". Es sollen schließlich auch Garmisch-Partenkirchen und Husum erfahren, dass Gerechtigkeit für FDP-Politiker Hermann-Otto Solms immer schon ein großes Thema war.

"VorBILDER - Sport und Politik vereint gegen Rechtsextremismus" ist bis zum 14.9. im Deutschen Historischen Museum in Berlin und danach bis zum 31.10. im Glockenturm des Berliner Olympiastadions zu sehen. Anschließend wird die Ausstellung bundesweit gezeigt. Eintritt frei.

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insgesamt 14 Beiträge
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1. Danke dafür!
Dengar 11.09.2014
Das ist Journalismus wie ich ihn mir wünsche, Herr Ahrens. Kritisch und die, nun ja fast schon Debilität dieser Ausstellung aufdeckend. Die Bildzitate muten in der Tat genauso plakativ und platt an wie die Slogans von Wahlplakaten. Da haben sich wohl mal wieder Politiker im Glanz der Sportler sonnen wollen und das bei einem solch sensiblen Thema. Danke noch einmal für diesen ausgezeichneten Artikel.
2. wirkungslose Image-Kampagnen
campdavid 11.09.2014
Diese Ausstellungen, genau wie Fifa Banner, Werbespots oder Kampagnen von Fernsehsendern haben bei der eigentlichen Zielgruppe, nämlich Menschen die rassistischem Gedankengut nahe stehen, genau NULL Wirkung. Niemand der sich gedanklich auf einen solchen Pfad begeben hat wird sich von so einem Blödsinn auf magische Art und Weise umstimmen lassen. Nichts desto trotz hat dieser ganze Rummel eine Funktion, sie dient nämlich schlicht und ergreifend als Image-Kampagne für die Institution, den Sender oder die Person. Mit einem fast schon beleidigend banalen Statement wie "gegen Rassismus" eckt man schliesslich so gut wie nirgends an, und so kann man sich ohne großen Aufwand ein wenig Glanz ins Fell streichen. So plump, so wirklungslos, so durchschaubar und doch weiterhin so vebreitet.
3. Gut!
walu 11.09.2014
Well done Peter Ahrens! So einen guten Beitrag dürfen Sie gerne öfter schreiben
4. Eigentor...
Renti 11.09.2014
Wie kommt es bloss, dass der Sport sich so an die Marketingabteilung der Politik verkauft? Ein vertane Chance, die Möglichkeiten und Herausforderungen zu zeigen, die in Sportvereinen zum Thema Rassismus stecken. Danke für den kritischen Beitrag!
5. Ausnahme-Berichterstattung
rosskal 11.09.2014
Bei aller Kritik, die immer wieder gegenüber den schlechtgemachten Spiegel-Artikeln geäußert werden muss, lesen wir hier ausnahmsweise mal keine Hofberichterstattung. Danke dafür!
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