Kerber-Niederlage gegen Collins Laut schlägt leise

Angelique Kerber ist bei den Australian Open ausgeschieden - mit ihrer höchsten Grand-Slam-Pleite überhaupt. Während Kerber danach mit sich selbst beschäftigt war, kündigte Siegerin Danielle Collins Großes an.

Angelique Kerber
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Angelique Kerber

Von Philipp Joubert


Nach dem Match ging es um die Sache mit dem Schrei.

Als ein Journalist Angelique Kerber danach fragen wollte, wie sie diesen gewaltigen Urschrei ihrer Gegnerin erlebt hatte, zog Kerber die Augenbrauen hoch. "Ich habe nicht auf ihre Seite des Courts geschaut", sagte sie. Also gar nicht erlebt, sollte das vielleicht heißen. Oder: Dass sie mit ihrer eigenen Leistung beschäftigt war. Die war nämlich bemerkenswert schlecht gewesen.

0:6, 2:6 unterlag Kerber der US-Amerikanerin Danielle Collins. DieAustralian Open enden für die beste deutsche Tennisspielerin im Achtelfinale. Nie hat Kerber bei einem Grand Slam höher verloren.

Nach dem Satzverlust: Toilettenpause

Collins, 25, war durch das Match gestürmt, als gelte es einen Boxkampf zu bestreiten. Kaum zwanzig Minuten waren vorbei, da hatte sie den ersten Satz für sich entschieden und 13 Gewinnschläge geschafft. Dann ging Kerber in Richtung Katakomben. Toilettenpause.

Diese Auszeit führte zu Verwunderung und Nachfragen in der Pressekonferenz nach dem Duell. Falls Kerber die Unterbrechung primär zum Nachdenken und Neuausrichten nutzen wollte - eine zündende Idee kam ihr nicht. Einem schnellen Break für Kerber zu Beginn des zweiten Satzes folgte der sofortige Aufschlagsverlust. Den Urschrei von Collins gab es gleich hinterher.

Nach 56 Minuten war Kerber erlöst. Für die Wimbledonsiegerin ist die Niederlage doppelt bitter. Die Chance, ihren mittlerweile drei Grand Slam Titeln einen weiteren hinzuzufügen, schien groß, weil das Teilnehmerfeld bei diesen Australian Open offen schien wie selten.

Vor dem Turnierstart hatten schließlich elf Spielerinnen die Aussicht gehabt, Melbourne als Weltranglistenerste zu verlassen. Wohl doppelt so viele hatten vor den zwei Wochen realistische Siegchancen. Kerber wird sich zudem grämen, dass sie Collins' aggressivem Spiel nichts entgegen setzen konnte. Es ist die alte Malaise ihrer Karriere. Obwohl Kerber die beste Abwehrspielerin der Welt ist: An einzelnen Tagen ist sie zu bezwingen. Seit ihrem Triumph in Wimbledon im vergangenen Juli hat sie kein Endspiel mehr erreicht.

"Das wird jetzt öfter passieren"

Collins ist von einem Grand-Slam-Finale weit entfernt, sie hatte vor diesem Turnier noch nicht einmal ein Match bei einem Grand Slam gewonnen. Die Rolle der Bescheidenen liegt ihr aber offenbar nicht. Beim Siegerinneninterview kündigte sie an: "Ich sag euch, so Siege, das wird jetzt öfter passieren."

Collins ist mittlerweile geübt darin, ihre Geschichte aus Entschlossenheit und Durchhaltvermögen zu erzählen. Einst war sie eine der besten Juniorinnen des Landes, aber den Eltern fehlte die entsprechende Reisebörse, um die Tochter zu großen internationalen Turnieren zu schicken. Der Ausweg erwies sich als Glücksweg. Denn Collins erhielt ein College-Stipendium, arbeitete sich von der Ersatzspielerin an der University of Florida zur Spitzenspielerin für die University of Virginia.

Danielle Collins
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Danielle Collins

Zwei überraschende Titel bei den Stundentenmeisterschaften später und einem Aufstieg auf der Frauentour, wie ihn keine Collegespielerin im vergangenen Jahrzehnt geschafft hat, wirkt Collins besonders entschlossen. Schon nach ihrem Durchbruch im vergangenen Frühling hatte sie in einem Interview angekündigt: "Ich habe Interessen abseits des Tennis. Ich bin intelligent und habe den Ehrgeiz, mit meiner Ausbildung weiter zu machen, wenn ich mit dem Tennis fertig bin. Aber im Moment würde ich verrückt werden, wenn ich nicht jeden Tag spielen würde."

Ihr Spiel wirkt unkonventionell und variabel, die Angriffsmethoden sind brachial, vor allem aber lebt Collins von ihrem Selbstvertrauen. Sie ist keine, die Scheu vor dem großen Moment hat. Auch in der Pressekonferenz kündigte sie auf ihre eigene Art an, dass sie zu bleiben gedenkt. "Jede bekommt die Gelegenheit, einen Stück vom Kuchen abzubekommen", sagte sie. "Meine Zeit dafür ist jetzt."



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spiegelneuronen 20.01.2019
1. Zverev ist nun der letzte Deutsche in AUS-tralien 2019
Das was Collins dort spielte war tatsächlich außergewöhnlich. Brachialschläge bei sehr heher Kontrolle - schnell und genau. Die Fitness wirkte wie aus der Steckdose. Es war kein Entspannungsmoment erkennbar, nicht einmal nach dem Match. Collins macht auch immer mal längere Pausen von Monaten und steigt dann spektakulär ein. Insgesamt sehr unkonventionell. Das bisher tollste Match war allerdings das von Tsitsipas gegen Federer. Tolles Tennis und sehr fair.
peterpretscher 20.01.2019
2. Laut(Collins) schlägt leise(Kerber)
Wer ist Danielle Collins? Wieder verliert Kerber gegen eine Unbekannte und angeblich hat der neue Trainer von Kerber, Schüttler, ihren Aufschlag um 15 km verbessert. Höchste Grand-Slam Pleite (6:0, 6:2) von Kerber! Wer versteht das?
tombadil1 20.01.2019
3. @peter
Hast du das Spiel denn gesehen? Dann wüsstest du nämlich was da los war. Collins hatte schlichtweg einen unglaublich guten Tag, während Angie einen gebrauchten erwischte. Solche Tage gibt’s im Sport einfach. Ich spiele selbst auch seit vielen Jahren Tennis. Nur zum Zeitvertreib früher neben der Schule und nun neben dem Studium her. Ich kann dir aus eigener Erfahrung sagen: auch wenn man - gerade im Training wenn man häufig gegen den selben Gegner/mit dem selben Trainingspartner spielt -normalerweise eigentlich mühelos gewinnt, gibt es einfach Tage da ist man selbst mit dem falschen Fuß aufgestanden. Hat dann der Andere einen besonders guten Tag erwischt, bekommt man eben mal eine Packung. Auch wenn man die nächsten 20 Male wieder deutlich gewinnt.. Solche Tage gibt’s einfach und bei Angi und Danielle war‘s heute eben eine unglückliche Konstellation. Oder eine glückliche, je nachdem aus welcher Sicht man das Ganze betrachtet. Generell bin ich aber sehr glücklich mit der Entwicklung von Angelique Kerber. Sie beginnt so etwas wie Druck bei eigenem Aufschlag zu entwickeln und etwas aggressiver zu spielen. Das spart auf lange Sicht Kräfte da dadurch die Punkte kürzer gehalten werden und sie nicht ständig Bälle aus den Ecken kratzen und kontern muss, was bisher ihre größte Stärke war.
TS_Alien 20.01.2019
4.
Das Niveau im Damentennis ist stellenweise erschreckend schwach. Dennoch wundert es einen, wie so manche Top-Spielerin ohne Gegenwehr gegen Unbekannte regelrecht untergeht. Da fehlt es an Kampfgeist. Das ist mit das Schlimmste.
Trollflüsterer 20.01.2019
5.
Zitat von TS_AlienDas Niveau im Damentennis ist stellenweise erschreckend schwach. Dennoch wundert es einen, wie so manche Top-Spielerin ohne Gegenwehr gegen Unbekannte regelrecht untergeht. Da fehlt es an Kampfgeist. Das ist mit das Schlimmste.
Spiel gesehen? Ach nicht?! Gegen diese Gegnerin, in dieser Form, hätte heute jede im Feld verloren. Jede.
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