Kerbers knappes Halbfinal-Aus Schwergewichts-Tennis ohne Deckung

Hinfallen, Aufstehen, Weitermachen: Angelique Kerber hat bei den Australian Open ein großes Halbfinale gespielt - und ganz knapp verloren. Aus der Niederlage zieht sie dennoch neue Kraft.

Angelique Kerber
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Angelique Kerber

Aus Melbourne berichtet Philipp Joubert


Simona Halep saß auf der blauen Bank, die Augen aufgerissen. Ärger, Zynismus, Ungläubigkeit, ein hysterisches Lachen - in Sekundenrhythmus rutschten die Gefühlsregungen über das Gesicht der bestplatzierten Tennisspielerin der Welt.

Die kleine Frau mit dem großen Pep in den Schlägen sah in diesem Moment wahrlich nicht so aus, als verschnaufe sie lediglich einen Seitenwechsel lang beim Stand von 5:6 im dritten Satz ihres Australian-Open-Halbfinals gegen Angelique Kerber. Nein, Simona Halep sah aus, als sei sie am Ende einer langen Wüstenreise angelangt. Ein Ende, an dem ihr Angelique Kerber auch noch die letzte, rettende Wasserflasche entrissen hatte.

Kerber, die Frau mit den größten Houdini-Qualitäten im Tennis, zäh bis zur Selbstaufgabe, hatte Minuten zuvor mit enormer Chuzpe und kräftiger Rückhand zwei Matchbälle abgewehrt. Direkt im Anschluss entriss sie Halep den Aufschlag, hatte nun selbst die Chance, bei eigenem Service doch noch ins Finale des ersten Grand-Slam-Turniers des Jahres einzuziehen. Auch sie erspielte sich zwei Matchbälle. Doch dieses Mal war es Halep, die die Wucht ihres Körpers in jeden Schlag warf. Hier ein Ball auf die Linie, dort eine Vorhand in die Ecke gewuchtet.

Mit "Uhs" und "Ahs" aus jedem Eck

Modernes Tennis, das ist häufig ein Armdrücken um die Grundlinie - ein subtiles Verschieben von Kräften, ein langsames Manövrieren des Gegners bis zu diesem kurzen Moment, in dem sich eine Chance zum Angriff bietet. Der denkwürdige Donnerstagnachmittag in Melbourne war viel besser in einer anderen Analogie aufgehoben: Simona Halep gegen Angelique Kerber, das war in der letzten Stunde Schwergewichtsboxen. Und zwar ohne Deckung. Mit lauten "Uhs" und "Ahs" aus jedem Eck, brüllenden Zuschauern und schnaubenden Spielerinnen, die in die Knie gingen und doch jedes Mal wieder aufstanden.

Auch wenn Kerber letztlich nach 140 Minuten, die sich für alle Beteiligten doppelt so lang anfühlen mussten, verlor. Die ehemalige Weltranglistenerste ist wieder dort angekommen, wo sie 2016 stand: Zwar nicht ganz oben im Ranking, aber doch unter den besten Tennisspielerinnen der Welt - und ganz nah bei sich selbst als die nie aufgebende Kerber. Denn so kolossal das Match endete, so absurd war der Beginn. Mit geschickten taktischen Nadelstichen und innerhalb von nur zwölf Minuten war Halep auf 5:0 im ersten Satz davongezogen. Kerber wirkte beim 15. Match in 26 Tagen einfach nur platt und kämpfte doch weiter.

Finalistin Simona Halep
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Finalistin Simona Halep

Als Kerber zwei Stunden nach Matchende im Pressekonferenzraum saß, und gefragt wurde, wo sie denn die Kraft für diesen physischen und emotionalen Kraftakt gefunden habe, lachte sie. "Das würde ich auch gerne wissen", sagte sie und fügte an: "Ich weiß, dass ich alles aus mir raushole, selbst wenn da gar nichts mehr drin ist. Mein Herz war einfach da."

Kerber nimmt die Niederlage gelassen auf

Kerber, der man sonst nach bitteren Niederlagen häufig die Erschütterung ansieht, war dieses Mal erstaunlich aufgeräumt. Sie beschrieb die Wende der vergangenen Wochen, das Hintersichlassen des Jahres 2017, als das Selbstvertrauen fehlte, sie auf dem Court erstarrte, Matches wie das heutige in Stundenfrist an ihr vorbeiliefen: "So ein Spiel wie heute ist etwas, das ich mitnehmen werde für den Rest des Jahres. Dass ich wirklich einfach wieder von Match zu Match gehe, nicht mehr zu weit nach vorne schaue, nicht mehr zurückgucke, sondern es einfach wieder genieße, Tennis zu spielen."

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Kerber bei den Australian Open: Comeback der Freude

Das gilt besonders an dem Ort, an dem ihr erstaunlicher Aufstieg vor zwei Jahren mit dem Gewinn ihres ersten Grand-Slam-Titels begonnen hatte - und von dem sie auch dieses Mal besondere Erinnerungen mitnimmt: "Ich habe gespürt, dass die Fans auf meiner Seite waren, mich angefeuert haben. Hier zu spielen, ist für mich etwas Besonderes - das wird es auch immer bleiben."

Nachdem Kerber die ersten Wochen des Jahres und dessen unerwartete Erfolge hatte Revue passieren lassen, kam Halep. Schaute man nur auf ihre Körpersprache, die gefalteten Hände und den Kopf, der vor Erschöpfung in die Schultern gesackt war, mochte man gar nicht glauben, dass hier eine saß, die am Samstag endlich den Ruf der Unvollendeten abstreifen kann.

Doch die Spielerin, die schon so oft nah dran gewesen, dann doch gescheitert und wieder aufgestanden war, lachte schon bei der ersten Antwort - und hörte in den nächsten zehn Minuten nicht mehr auf. Nur noch ein Sieg fehlt zum lang ersehnten Grand-Slam-Erfolg. Wenn der am Samstag endlich gelingt, wird sie wohl an den Moment denken, an dem die Aufholjagd begann: am Donnerstag, auf der blauen Bank.



insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
mostly_harmless 25.01.2018
1.
Kerber war offensichtlich extrem schlecht drauf und hat dennoch mit der aktuellen Nr. 1 der Welt auf Augenhöhe gespielt. Wenn sie DARAUS keine Kraft zieht, woraus dann?
derdude57 25.01.2018
2. Zum Hingucken
am frühen Morgen war das Spiel für michmanchmal einfach zu spannend. Erstaunlich was die beiden Protagonistinnen für Nerven und Stehauf-Qualitäten haben. Das Match wäre von der Dramatik her auch eines Endspiels würdig gewesen.
klaus.karl 25.01.2018
3. Ich fand...
...Kerber spielte den Säbel, Halep das Florett. Kerber war fast immer die Gejagte, auch in vorhergehenden Spielen. Bewundernswert, wieviel Kraft sie dennoch bis zum Schluss übrig hatte. Wenn sie so weiter macht, wird sie wieder ganz oben landen.
kopi4 25.01.2018
4.
Wenn Halep am Samstag gewinnt ist die korrekte Formulierung. Auf der anderen Seite wird Wozniacki stehen, die andere Spitzenspielerin die seit Jahren ihrem ersten Grand Slam nachrennt. Im Falle des Falles wird Halep dann eventuell eher die 3. Runde gegen Lauren Davis als Beginn ansehen. Ein endloser Zermürbungskampf, Abwehr von 3 Matchbällen, 15:13 im dritten Satz.
Attila2009 26.01.2018
5.
Zitat von mostly_harmlessKerber war offensichtlich extrem schlecht drauf und hat dennoch mit der aktuellen Nr. 1 der Welt auf Augenhöhe gespielt. Wenn sie DARAUS keine Kraft zieht, woraus dann?
An Kraft dürfte es Kerber wahrscheinlich bei ihrer Muskelmasse nicht fehlen.
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