Australian Open Schnelle Plätze in Melbourne - ein Versehen mit Zukunft?

Ist schnelles oder langsames Tennis attraktiver? Diese Frage stellt sich seit jeher. Auf schnellem Untergrund gab es bei den Australian Open im vergangenen Jahr ein Spektakel. Vieles deutet auf eine Wiederholung hin.

Roger Federer beim Training in der Rod-Laver-Arena
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Roger Federer beim Training in der Rod-Laver-Arena


Als Turnierdirektor Craig Tiley in den vergangenen Tagen über die Anlage der Australian Open ging, konnte er ahnen, ob Roger Federer gut auf ihn zu sprechen sein würde. Oder eher Rafael Nadal. Oder Novak Djokovic.

Turnierdirektor Tiley ist dafür verantwortlich, wie die Tennisplätze beschaffen sind. Springen die Bälle schneller ab als im Vorjahr? Langsamer? Wie nehmen sie Drall an? Begünstigen sie Angreifer? Oder Defensivkünstler? Tiley machte vor einem Jahr vor allem Offensivfreund Federer eine Freude, denn die Australian Open waren 2017 so schnell wie lange nicht mehr. Tiley musste sich zum Ende gar Vorwürfen aussetzen, die Plätze absichtlich für den Schweizer beschleunigt zu haben - um diesem beim Überraschungssieg zu helfen. Aber wie beschleunigt man Plätze?

Viele Jahre galten im Profitennis folgende Regeln: Auf Hartplatz siegten die Offensivspieler, auf Sand die Grundlinienspieler, auf Rasen die Serve-and-Volleyexperten, in der Halle auf Teppich ebenso. Seit Beginn der Nullerjahre haben sich die Beläge jedoch angeglichen, alles wurde langsamer, Teppich gibt es nicht mehr. Im einst rasanten Wimbledon änderte man angeblich gar die Grasmischung, dazu kamen leichtere Schläger, starrere Saiten und eine verbesserte Athletik der Profis. Die Folgen: Auch Sandwühler siegten plötzlich auf Rasen und Hartplatz von der Grundlinie, riskantes Spiel wurde immer weniger belohnt, die verschiedenen Spielstile verschwanden nach und nach. In letzter Zeit aber fordern viele wieder mehr Tempo.

Achtung, Geschwindigkeitskontrolle!

Die Tenniswelt ist in zwei Lager gespalten. Die einen wollen schnellere Plätze, den anderen sind sie nach wie vor zu schnell. Jeder fordert, was ihm liegt. Das Nadal-Camp preist die Faszination langer und herausgespielter Punkte; die Gegenseite verweist auf die Herrlichkeit von Serve-and-Volley und spektakulärer Winner. Auch unter Fans ist umstritten, welche Beläge besser sind. Für viele gilt das australische Marathon-Finale 2012 zwischen Djokovic und Nadal auf dem recht langsamen Court als eines der besten Spiele aller Zeiten - für andere war es ein Sechs-Stunden-Match mit immergleichen Ballwechseln.

Ausverkaufte Rod-Laver-Arena 2017 - selten waren die Beläge schneller
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Ausverkaufte Rod-Laver-Arena 2017 - selten waren die Beläge schneller

Der internationale Tennisverband teilt die Geschwindigkeiten der Tennisplätze in fünf Kategorien ein: "Slow", "Medium Slow", "Medium", "Medium Fast", "Fast". Wobei die Einteilung mit Vorsicht zu genießen ist: So ist der Hauptplatz beim Masters in Indian Wells langsamer als der in Miami, aber natürlich fliegt der Ball in der kalifornischen Wüste schneller als im luftfeuchten Miami, wo der Filz schwer wird. Und in Cincinnati spielt man den ultraschnellen Ball der Firma Penn - offiziell liegt das Turnier vom Platztempo her jedoch nur im Mittelfeld.

Überblickt man die Daten, die für 2017 von den größten Turnieren veröffentlicht wurden, fand kein Grand-Slam-Turnier oder Masters-Event auf einem schnellen Platz statt. Lediglich zwei zogen mittelschnelle Beläge auf - unter anderem die Australian Open.

Ein Zufall mit Folgen?

In Melbourne wiegelte Turnierdirektor Tiley die Vorwürfe einer Federer-Bevorzugung im Vorjahr ab. Er gestand aber ein interessantes Detail: Man versehe alle Plätze jährlich mit einer neuen Schicht. Den Hauptplatz, die Rod-Laver-Arena, habe man früher neu aufgelegt.

Wenn Plätze mit dem sogenannten Plexicushion-Belag aber neu beschichtet werden, steigt das Tempo des Platzes immer mehr an. Die Rod-Laver-Arena hat sich durch die zeitliche Verschiebung also bereits an den Anfangstagen 2017 gespielt wie an den Finaltagen 2016 - und sie wurde im Turnierverlauf noch schneller.

Ein Zufall, der größtenteils mit Wohlwollen aufgenommen wurde. Die Australian Open 2017 waren vor allem bei den Männern das mit Abstand spannendste Major-Turnier des Jahres. Überraschungen (Djokovic-Aus in Runde zwei), Sensationsspieler (Mischa Zverev siegte mit klassischem Serve-and-Volley über Andy Murray) und ein denkwürdiges Retro-Finale (Sieg von Federer über Nadal).

Was aber erwartet uns in diesem Jahr - werden die Australian Open 2018 ähnlich schnell wie 2017? Gut möglich. "Wir haben die Plätze genauso verlegt wie im letzten Jahr", verriet Tiley, "die meisten Spieler fanden das gut." Aber natürlich werden sich andere wieder beschweren. Für sie hat Tiley eine logische Antwort parat. "Wir müssen 51 Plätze herrichten. Es ist unmöglich, auf allen dieselbe Geschwindigkeit hinzubekommen."



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jean-baptiste-perrier 15.01.2018
1. Richtige Mischung!
Ich gehe jetzt mal von den Bedingungen bei den letztjährigen Australian Open aus. Das war doch ein guter Kompromiss. Einerseits hatte Nadal im Endspiel im fünften Satz selbst alle Möglichkeiten das Ding für sich zu entscheiden. Federer spielte/spielt Serve-and-Volley ja nur zwischendurch als eine zusätzliche Option. Es gab zahlreiche auch längere Ballwechsel im Endspiel als auch in anderen Partien. Andererseits war es Mischa Zverev möglich mit seinem hundertprozentigen Serve-and-Volley und Chip-and-Charge Andy Murray in die Knie zu zwingen. Die Plätze boten also für allle Spieler unterschiedliche taktische Optionen. So kann es weitergehen. Man sollte natürlich nicht ins Extrem verfallen. Die goldene Becker-Ära der 80er und frühen 90er Jahre in Wimbledon war objektiv betrachtet (ohne nationale Brille) rein spieltechnisch recht langweilig. Damals gab es oft extrem kurze Ballwechsel weil Serve-and-Volley alles dominierte. Ich denke da z.B. an das legendäre Halbfinale 1991 zwischen Stefan Edberg und Michael Stich indem im Durchschnitt der Ball zweimal hin und her flog bevor einer den Punkt machte. Von daher denke ich, dass man aktuell einen guten Kompromiss gefunden hat.
ulisses 15.01.2018
2. Alles in Ordnung
Die Organisatoren der Turniere reagieren auf die Veränim Tennis, um es weiterhin interessant für den durchschnittlichen Zuschauer und fair für alle Spieler zu halten. In den 90zigern wurde das Spiel zu schnell. Weil selbst Edberg als Serve n Volley Supermann nicht mehr ein großer Favorit war und mehr und mehr Aufschlagmonster wie Ivanisevic, Krajcek, Sampras etc dominierten, musste etwas geschehen. Der Rasen in Wimbledon wurde widerstandsfähiger und langsamer, auch die Bälle. Teppichböden gibt es gar nicht mehr. Alles richtige Entscheidungen. Wer es anders meint, sollte sich mal youtube Videos von alten Wimbledon Finals zwischen Becker, Stich, Sampras und Ivanisevic anschauen. Es war langweilig. In den vergangenen zehn Jahren war ein gegenteiliger Trend zu beobachten. Die Ballwechsel wurden immer länger, meistens auch spektakulärer. Aber allzu lang sollten sie auch nicht sein. Persönlich finde ich Sandplatztennis und mittelschnelle Hartplätze am attraktivsten.
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