Skandal im australischen Cricket "Schmeißt sie alle raus!"

Cricket galt in Australien als Gentleman-Sport - bis Schlagmann Cameron Bancroft vor laufenden Kameras betrogen hat. Das Land schämt sich. Auch der Premierminister ist "bitter enttäuscht".

Cameron Bancroft
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Cameron Bancroft


Der australische Cricket-Profi Cameron Bancroft hat das erreicht, wovon Millionen Kinder im Commonwealth träumen: Im November 2017 eröffnete der 25-Jährige als Schlagmann die legendären "Ashes" zwischen Australien und England. Spätestens seit diesem Moment galt er in seiner Heimat als Volksheld. Bis zum vergangenen Wochenende.

Während des dritten Tests der Länderspielserie gegen Südafrika holte Bancroft ein gelbes Stück Tape aus der Tasche und ließ es vor laufenden Kameras vorne in seiner Unterhose verschwinden. Ein Stück Klebeband, mit dem er zuvor den Ball bearbeitet hatte, um dessen Flugeigenschaften zu verändern. Und alle Welt hat es gesehen.

Cameron Bancroft wird in flagranti erwischt
Getty Images

Cameron Bancroft wird in flagranti erwischt

Im Cricket gibt es einen Begriff für diese streng verbotene Bearbeitung des Spielgeräts durch künstliche Materialien: "Ball tampering", Ball-Manipulation. Und seit Samstag ist der dazugehörige Wikipedia-Eintrag um einen so unrühmlichen wie kuriosen Eintrag reicher. Nachdem Bancroft überführt worden war, hatten Kapitän Steve Smith und Vizekapitän David Warner eingeräumt, den Schlagmann angestiftet zu haben.

Cricket ist vor allem in jenen Ländern populär, in denen Großbritannien einst die Kolonialmacht war. Und die Australier sind eine Weltmacht. Sie gewannen vier der vergangenen fünf World Cups und sind amtierender Champion. Ihre Länderspielserie gegen England, genannt "The Ashes", ist das traditionsreichste sowie bedeutendste Duell dieses Sports. In der Vergangenheit hatten die Australier der Konkurrenz gerne unsaubere Methoden vorgeworfen. Nun haben sie selbst ihrem Gentleman-Sport die Ehre genommen.

Zeitungen titeln "Betrüger" und "Schande"

Zeitungen im gesamten Commonwealth titelten in fettgedruckten Lettern "Betrüger" oder "Schande" und forderten: "Schmeißt sie alle raus!" Der australische "Guardian" lieferte eine detaillierte Chronologie von "Tampergate" unter der Überschrift "Wie das australische Cricket in Südafrika implodierte". Australiens Premierminister Malcolm Turnbull ist "schockiert und bitter enttäuscht".

Der australische Cricketverband reagierte sofort: Kapitän Smith wurde ebenso wie Vize Warner für zwölf Monate gesperrt, Bancroft bekam neun Monate Einsatzverbot. Da Warner als Anstifter ausgemacht wurde, darf der 31-Jährige nie mehr als Kapitän fungieren. Chefcoach Darren Lehmann, der von dem Betrugsplan des Trios angeblich nichts gewusst hat, bleibt zunächst im Amt.

Steve Smith
AP

Steve Smith

Warner und Smith kostet der Skandal weit mehr als ihre Gentleman-Ehre. Die indische Profiliga wird die beiden ebenfalls sperren. Der 28-jährige Smith hätte dort für einen Zweimonatsvertrag bei den Rajashtan Royals aus Jaipur 1,5 Millionen Euro erhalten sollen, Warner die gleiche Summe bei den Sunrisers aus Hyderabad. Außerdem drohen wichtige Sponsoren-Deals für die Werbe-Millionäre zu platzen. Bei Warner ist die erste Kündigung bereits eingegangen.

sak/mmm/(sid

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lesenbildetimmernoch 28.03.2018
1. 2 Fragen
Ich kenne mich mit Cricket überhaupt nicht aus, daher habe ich dazu zwei Fragen: 1. Kann man mit dem bloßen Auge nicht sehen, dass der Ball getampert ist? 2. Die Flugeigenschaften ändern sich doch für beide Teams, oder? Inwiefern macht das Sinn, den Ball zu manipulieren? Vielen Dank für die Aufklärung
frenchie3 28.03.2018
2. @1 wikipedia und Cricketball eingeben
Die Oberfläche wird rauh und darf nur von Hand/auf der Hose poliert werden. Ob zusätzliches polieren mit irgendwas tatsächlich si krass den Flug beeinflußt oder ob das eine Glaubensfrage ist ist mir auch nicht bekannt
aggro_aggro 28.03.2018
3. Verrückte
Ich habe mich das auch gefragt und es mir erklären lassen. Cricket ist ein sehr merkwürdiger Sport, der für uns absolut ungewohnte Traditionen hat. Die Benimmregeln sind sehr streng "Unzufriedenheit mit der Schiedsrichterentscheidung zeigen" ist schon ein Verstoß. Der Ball wird zu Beginn jedes Spielabschnitts ausgetauscht und ist dann sehr glatt. Im Verlauf eines Abschnittes wird der Ball immer rauher und verändert seine Eigenschaften. Das ist Teil des Spiels, Zuschauer geben den Ball immer zurück, damit der Verlauf nicht gestört wird und wenn mal ein Ball kaputt geht wird er mit einem vergleichbar abgenutzten Ball ersetzt. Da immer nur eine Mannschaft Angriffsrecht hat wirken sich Veränderungen des Balles einseitig aus. Die andere Mannschaft beginnt ihren Angriff dann mit einem neuen Ball. Cricketspiele dauern manchmal mehrere Tage, mit mehrmaligem Wechsel des Angriffsrechtes. Jedenfalls ist es für die Wurftechnik entscheidend ob der Ball neu und glatt (=schnell) oder abgenutzt und rau (kann mit Spin Kurven fliegen) ist. Verschiedene Werfer sind bei verschiedenen Abnutzungszuständen besser. Am Effektivsten ist es, wenn der Ball einseitig abgenutzt ist. Es ist erlaubt den Ball zu polieren, aber ohne künstliche Zusätze (Spucke und Schweiß sind ok). Es ist erlaubt den Ball absichtlich so auf den Boden zu werfen, dass sich bestimmte Stellen abnutzen, wird aber nicht gern gesehen. Zucker in der Spucke (Bonbons oder so) ist schon verboten. Kurz: Wenn der Ball früher im Spiel rau ist, oder einseitig rau ist, kann ein bestimmter Werfertyp Flatterbälle werfen wenn der Schlagmann (noch?) nicht damit rechnet. Cricket ist ein sehr merkwürdiger Sport.
wk2017 28.03.2018
4. @2fragen
Jede Seite bekommt einen separaten Ball. Durch tampering bewegt sich der Ball in der Luft uns nach dem Aufschlag auf dem Boden nicht in die zu erwartende Richtung...der Schläger hat dadurch weniger Chancen zu treffen bzw. Wird überrascht! Hoffe da hilft.
melcsi 28.03.2018
5.
Der Ball wird an einer Seite bearbeitet, damit die Flugeigenschaft leicht verändert wird. Dieses macht es für den Schlagmann schwieriger, die Flugrichtung des Balles einzuschätzen. Und ja, wenn man den Ball in der Hand hält, man kann sehen, daß die eine Seite glatt ist und die andere "bearbeitet". Naja, irgendwann wird der Ball dann ausgetauscht. Da gibt es dann Regeln dafür.
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