Autobiografie Ex-DDR-Sportfunktionär bestätigt flächendeckendes Doping

Thomas Köhler war einst Top-Funktionär im DDR-Sport - in einem Buch gibt er nun staatlich koordiniertes Doping zu. Auch Kinder sollen regelmäßig behandelt worden sein. Seine eigene Beteiligung spielt er herunter, die Folgen verharmlost er.

Ehemaliger Funktionär Köhler: "Es blieb nichts übrig, als Dopingmittel zu gestatten"
dpa

Ehemaliger Funktionär Köhler: "Es blieb nichts übrig, als Dopingmittel zu gestatten"


Hamburg - Fast 20 Jahre nach der Wiedervereinigung hat Thomas Köhler als erster Top-Sportfunktionär flächendeckendes Staatsdoping im DDR-Sport zugegeben und Kinderdoping im Schwimmen eingestanden. In seinem Buch "Zwei Seiten der Medaille", das der Nachrichtenagentur dpa vorliegt und am Donnerstag im Handel erscheint, bricht der frühere Vizepräsident des Deutschen Turn- und Sportbunds (DTSB) sein Schweigen und unterstellt auch Top-Athleten eine Mitwisserschaft. "Alle Mittel wurden im Einvernehmen mit dem Sportler verabreicht", schreibt Köhler.

Weil Anfang der siebziger Jahre die Chancengleichheit für DDR-Sportler im Ost-West-Vergleich nicht mehr gewährleistet gewesen sei, "entschied sich die damalige Sportleitung für den Einsatz ausgewählter anaboler Substanzen in einer Reihe von Sportarten", schreibt der Rodel-Olympiasieger von 1964 und 1968, beispielsweise Oral-Turinabol (siehe Kasten links). "Wenn also die DDR weiterhin im internationalen Sportgeschehen erfolgreich mithalten wollte, blieb nichts weiter übrig, als den Einsatz von Dopingmitteln zu gestatten."

Die DDR-Verantwortlichen hätten sich für eine "sachgerechte und medizinisch kontrollierte Anwendung ausgewählter Dopingmittel" entschieden. Laut Köhler waren 1989 in den DDR-Sportclubs 90 Fachärzte tätig. Dazu kamen Verbandsärzte in sämtlichen Sportarten, Mediziner an den Sportschulen und Forschungsärzte in Leipzig und Kreischa. Köhler: "Die Vergabe von Medikamenten erfolgte unter strengster Beachtung der ärztlichen Sorgfaltspflicht." Schwere gesundheitliche Zwischenfälle oder sogar Todesfälle, die in anderen Ländern durchaus vorgekommen seien, wären in der DDR nicht passiert. Doch die zahlreichen Gerichtsurteile zugunsten geschädigter Sportler allein zwischen 1998 und 2000 widerlegen ihn.

Vor allem im Schwimmen wurde gedopt

Der Sportfunktionär räumt ein, dass sogar Minderjährige gedopt wurden. "Wenn Sportler bereits ab dem 16. Lebensjahr beteiligt wurden, geschah das vor allem unter Beachtung ihres biologischen Reifegrades." Dies sei vor allem im Schwimmen passiert. Inzwischen habe sich gezeigt, dass sogar noch jüngere Sportler gedopt wurden, "Anabolika an Spartakiadesportler vergeben wurden". Köhler verteidigt sich: "Über derartige Verletzungen unserer Nachwuchskonzepte hatte ich keine Kenntnisse und hätte diese auch nicht geduldet."

Köhler unterstellt dafür seinem Vorgesetzten Manfred Ewald Mitwisserschaft. "Die Verantwortung war so verteilt, dass bis auf den Präsidenten des DTSB jeder nur so viel wusste, wie für seinen Bereich erforderlich war." Ihm fehle zudem jedes Verständnis, wenn Sportler heute alle Schuld den Ärzten, Trainern und Funktionären zuschieben. "Es stimmt nicht, dass Sportler, die es ablehnten, unerlaubte Mittel zu nehmen, ihre Kaderzugehörigkeit verloren hätten." Als Beispiele nannte Köhler die Rodlerinnen Ute Rührold, Margit Schumann und Eva-Maria Wernicke, die wegen der Angst um ihre Figur Doping immer ablehnten - und trotzdem bei den Olympischen Spielen und WM Medaillen gewannen.

"Konsequenzen nicht genügend beachtet"

Köhler gibt aber zu: "Aus heutiger Sicht haben wir Verantwortlichen des DDR-Leistungssports in der Dopingproblematik eine Reihe möglicher Konsequenzen nicht genügend beachtet, und nicht alle damaligen Entscheidungen können unter Berücksichtigung dieser Umstände gerechtfertigt werden. Auch haben wir damit verbundene Risiken offensichtlich unterschätzt. Wie zum Beispiel die unkontrollierte Anwendung durch Sportler, die nicht zum Kaderkreis gehörten, oder die Einnahme überhöhter Dosierungen zum einseitigen Vorteil."

Außerdem erklärt Köhler: "Zu unseren gepflegtesten Geheimnissen gehörte die Zahlung von Valutaprämien." Nur für die ersten drei Plätze bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen standen Devisen zur Verfügung. Für einen Weltmeistertitel erhielt der Sportler "Forumschecks" im Wert von 3000 D-Mark. 1988 gab es für einen Olympiasieger sogar 6000 D-Mark in Form der begehrten Gutscheine, mit denen im "Intershop" Westwaren eingekauft werden konnten.

jar/dpa

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Seite 1
bilch_76, 14.09.2010
1. Na sowas
Die Täterä hat also tatsächlich ausgiebig Doping betrieben - what a news... Und der tumbe deutsche Westen war die ganze Zeit zu doof, dieser dort fast wissenschaftlich betriebenen "Unterstützung" etwas halbwegs adäquates entgegenzusetzen. Darob ist man heut noch sauer. Gedopt hat man ebenfalls, aber mehr rumdilletiert, unterm Strich oft ohne Erfolg. Deswegen wird jetzt gern und feste mit dem Finger auf die pösen DDR-Buben gezeigt. Wirkt sehr unsouverän zudem immer auch leicht revanchistisch. Abgesehen davon ist es eine ziemliche Heuchelei. Was übrigens immer gern unterschlagen wird zu erwähnen: Die notwendige Grundlagenforschung im Sport (zB. Bewegungs- und Trainingsmethodik etc.) hat man dort auch auf wesentlich höherem Niveau betrieben, denn dies war die wesentliche Grundlage für die Leistungen. Die Mär, dass Pillen einwerfen reichte, um großartige Leistungen zu erzielen, ist höchst albern. ---Zitat--- Vor allem im Schwimmen wurde gedopt ---Zitatende--- Schönen Gruß an Kristin Otto beim ZDF...
dernurbs 14.09.2010
2. lächerlich..
Lächerlich.. ich weiß aus erster Hand das 1988 noch hoch begabte Kinder (ca. 8-9 Jahre alt) unter der Prämisse für die Sportschulen requiriert wurden das sie wachstumsverändernde Substanzen einnehmen. Soll heißen man trat an die Eltern heran und bot an: Wenn ihr bereit seid, dass euer Kind solche Sachen nimmt dann ermöglichen wir ihm eine Karriere als Leistungssportler. Wer dagegen war wurde nicht gezwungen –> aber verbaute seinem Kind damit die Karrieremöglichkeit (kein zukünftiger Leistungssportler ohne Doping). Somit gehe ich davon aus, dass sehr viele Leistungssportler die aus DDR Kaderschmieden stammen früher oder später einmal mit staatlich verordnetem Doping in Berührung gekommen sind.
ken_x 14.09.2010
3. flächendeckendes Doping
naja hat doch wirklich jeder gewusst, der regelmäßig Frauen die aussahen wie Männer für die DDR hat siegen sehen. Und dass nur die gedopt haben war ja äußerst unwahrscheinlich, bei den Männern konnte man das eben nicht schon am Äußeren erkennen.
n.holgerson 14.09.2010
4. ....
Zitat von bilch_76Die Täterä hat also tatsächlich ausgiebig Doping betrieben - what a news... Und der tumbe deutsche Westen war die ganze Zeit zu doof, dieser dort fast wissenschaftlich betriebenen "Unterstützung" etwas halbwegs adäquates entgegenzusetzen. Darob ist man heut noch sauer. Gedopt hat man ebenfalls, aber mehr rumdilletiert, unterm Strich oft ohne Erfolg. Deswegen wird jetzt gern und feste mit dem Finger auf die pösen DDR-Buben gezeigt. Wirkt sehr unsouverän zudem immer auch leicht revanchistisch. Abgesehen davon ist es eine ziemliche Heuchelei. Was übrigens immer gern unterschlagen wird zu erwähnen: Die notwendige Grundlagenforschung im Sport (zB. Bewegungs- und Trainingsmethodik etc.) hat man dort auch auf wesentlich höherem Niveau betrieben, denn dies war die wesentliche Grundlage für die Leistungen. Die Mär, dass Pillen einwerfen reichte, um großartige Leistungen zu erzielen, ist höchst albern. Schönen Gruß an Kristin Otto beim ZDF...
Haben sie den Artikel überhaupt verstanden? Wer zeigt denn "mit dem Finger auf die pösen DDR-Buben"? Lesen sie mal aufmerksamer! Um es ihnen zu verdeutlichen, ein "Ossi" schildert doch über die Verhältnisse in der DDR! Mit keinem Wort wird doch über den "Westen" geschrieben bzw. dass dort alles anders (besser) war. Fakt ist, dass endlich mal ein hoher Funktionär bestätigt, was allgemein bekannt ist: Es gab Staatsdoping in der DDR. Und ihre naive Behauptung, es wäre eine Mär, dass Doping die Grundlage für den Erfolg des Ostsportes ist, ist doch ein Produkt ihrer Fantasie. Denken sie doch mal 1 Minute nach, bevor sie so was schreiben. Wenn Doping also nicht entscheidend war, wieso musste die DDR dann Staatsdoping betreiben? Selbstredend ist Trainingsmethodik... wichtig. Nur bei einer WM bzw. Olympia treffen die besten Sportler der Welt aufeinander. Und da hat sich die DDR eben mit Doping den nötigen Vorteil erlangt. Wie naiv muss man denn sein um die Vergangenheit sich so zurechtzubiegen, dass man glaubt, die DDR war der ganzen Welt in Bezug auf Trainingsmethodik... überlegen? Passt aber in ihr Weltbild, oder?
seine_unermesslichkeit 14.09.2010
5. ...
Zitat von ken_xnaja hat doch wirklich jeder gewusst, der regelmäßig Frauen die aussahen wie Männer für die DDR hat siegen sehen. Und dass nur die gedopt haben war ja äußerst unwahrscheinlich, bei den Männern konnte man das eben nicht schon am Äußeren erkennen.
Wunderbar parodiert wird das im Agentenfilm "Top Secret".
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