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Badminton-Profi Zwiebler: Schlauer Schläger

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Er war ganz oben, bangte um seine Karriere, legte dann ein bemerkenswertes Comeback hin: Marc Zwiebler will sich bei der Badminton-WM in Indien ganz nach vorne kämpfen. Als Randsportler leistet er im Schatten der Öffentlichkeit Großes - und zahlt einen hohen Preis dafür.

Irgendwann wurde es zu viel, da verlor Marc Zwiebler kurzzeitig den Überblick. Er war noch jung, nicht mal 20 und das größte deutsche Badminton-Talent. Einer, der schon damals seine Gegner demütigen konnte mit seiner Brillanz. Und ein Besessener. 35 bis 40 Wochen im Jahr spielte er, 15 internationale Turniere, Bundesliga. Zwiebler lebte aus dem Koffer, pendelte zwischen seiner Heimat Bonn und dem Olympiastützpunkt in Saarbrücken - und dann saß er eines Tages in einem Hotel, rief seine damalige Freundin an und klagte ihr sein Leid. Es gefalle ihm dort überhaupt nicht, in Norwegen.

"Aber du bist doch in Finnland", sagte die Freundin dann.

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AP

Profi Zwiebler: Zwischen Bildung und Badminton

Sechs Jahre später sitzt Marc Zwiebler in einem Hotel in Hyderabad, Indien, und sagt, dass er es jetzt ruhiger angehen lasse. Es ist Badminton-WM in Hyderabad, Zwiebler spielt am Dienstagabend sein Erstrunden-Match gegen Kevin Gordon aus Guatemala, die Nummer 44 der Welt. "Ein schlagbarer Gegner", sagt Zwiebler.

Zwiebler wurde in diesem Jahr zum dritten Mal Deutscher Meister im Einzel, er hat Boonsak Ponsana aus Thailand zweimal geschlagen, die Nummer eins seines Landes. Gegen Chong Wei Lee aus Malaysia verlor er im März knapp in zwei Sätzen. Chong ist einer der Besten der Welt. Aus dem Talent Zwiebler, das von jedem kleinen Turnier zum nächsten hetzte, ist der beste deutsche Badminton-Spieler geworden.

Wieder.

Die WM in Indien soll nun das nächste Kapitel einer beeindruckenden Sportlergeschichte werden, die von Schmerzen und Verzweiflung handelt, der Angst vor dem Karriereende, von einer langen Pause und einem unglaublichen Comeback. Sie handelt aber auch von den Hürden, die vor einem deutschen Sportler aufgebaut werden, der das Problem hat, nur in einer Randsportart Höchstleistungen zu bringen. Und der gleichzeitig nicht nur Sport im Kopf hat.

Die Geschichte des Marc Zwiebler beginnt 1984 in Beuel, einem Stadtteil von Bonn. Seine Eltern sind Badminton-Größen beim 1. BCB, mehrmalige Deutsche Meister. Seine Schwester spielt auch, hört aber mit 16 auf. Zwiebler gilt als hoch veranlagt, wird 19-mal Jugend- und Juniorenmeister. "Ich kann mich an ein Leben ohne Halle und Badminton nicht erinnern", sagt er. 2003 wird er U19-Europameister. Ein großer Erfolg für ein Land, das den Ruf hatte, Badminton-Diaspora zu sein.

Und Zwiebler will mehr. "Neun Wochen am Stück war ich damals manchmal unterwegs, ich kam nach Hause, hab meine Wäsche gewaschen und bin gleich wieder zum Flughafen", erzählt er. Zwiebler eilt von Turnier zu Turnier, wird immer besser, 2005 zum ersten Mal Deutscher Meister. Er kennt keine Pausen, keine Rast. Und er kennt keine Schmerzen. Die WM in Anaheim im gleichen Jahr, die würde schon noch gehen, auch wenn mittlerweile der Rücken öfter wehtut.

Seit einem Turnier Ende 2005 lassen sich die Schmerzen nicht mehr ignorieren. Irgendwann kann Zwiebler nicht mehr einkaufen gehen, jede Bewegung tut weh. Monatelang ist Zwiebler an die Wohnung gefesselt. Wenn er versucht, mit Freunden in die Stadt zu gehen, muss er sich schon nach fünf Minuten setzen - und mit dem Taxi wieder nach Hause fahren lassen.

Die Diagnose ist ein Schock: Bandscheibenvorfall. Marc Zwiebler ist gerade mal 21, und seine Karriere scheint schon vorbei. "Der Stress hat vielleicht auch die Verletzung begünstigt", sagt Zwiebler heute. Nach diversen Versuchen, den Rücken konservativ zu behandeln, entschließt er sich im August 2006 zu einer Operation. Der Eingriff ist ein großes Risiko, aber er hat Glück. Der Rücken heilt in der Reha. Zwiebler besiegt die Schmerzen und auch die Angst. Er kehrt zurück.

Olympiaqualifikation in letzter Sekunde

Was dann folgt, ist eine der beeindruckendsten Leistungen der vergangenen Jahre. Zwiebler steigt im Sommer 2007 in die Olympiaqualifikation ein, aber er liegt hoffnungslos zurück. "Ich habe nicht mal im Traum an Olympia gedacht", sagt Zwiebler. Selbst bei kleinen Turnieren muss er wegen der langen Abwesenheit in die Qualifikation, aber er gewinnt das erste. Das zweite. Das dritte. Insgesamt siegt er bei sechs Turnieren - und im Januar 2008 auch bei den Deutschen Meisterschaften. Doch erst im allerletzten Moment weiß Zwiebler sicher, dass er bei Olympia dabei sein wird. In Peking schafft er die dritte Runde, was angesichts seiner Vorgeschichte auch eine Sensation ist.

Nur mitbekommen haben sie nicht viele.

Badminton ist eine Randsportart in Deutschland, obwohl Millionen Menschen Federball spielen. Aber genau das ist wohl das Problem. Jeder weiß, dass er ein Dribbling gegen Cristiano Ronaldo verlieren würde oder ein Rückhandduell mit Roger Federer. Aber wer glaubt schon ernsthaft, in einer Stunde gegen einen Badminton-Profi nicht einen Punkt machen zu können?

Zwiebler liebt seinen Beruf, aber wer in Deutschland in einer Randsportart erfolgreich ist, muss viele Kämpfe austragen. Der gegen die mediale Vernachlässigung ist da noch der leichteste. Vor allem, wenn man auch noch studiert.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 13 Beiträge
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1. Kenn´ ihn zwar nicht, aber Super Kerl!
lurn2 11.08.2009
Auch wenn die FH jetzt nicht die Höchste Ausbildungsstufe ist, die ich kenne, schätze ich ihn sehr hoch ein. Ich spiele selbst Badminton, kannte ihn aber nicht, da ich mich eigentlich nur für den Sport selbst und nicht für das große Spektakel Bundesliga interessiere, genauso wie viele gern Radfahren, aber nie "Tour de France" gucken. Seine Karriere ist jedoch sehr erstaunlich, obwohl die Eltern anscheinend von anfang an einen großen Einfluss auf seine Karriereausrichtung gehabt haben müssen. Auch wenn der Artikel am Ende ein wenig vom Thema abschweift und von einem Indischen Hotel erzählt, finde ich ihn eine gelungene Kurzgeschichte, die man gut, und besonders als Badmintonspieler, mal zwischendurch lesen kann, mehr aber auch nicht... Danke für diesen Artikel, MfG aus dem Taunus!
2. Marc
Ansorges 11.08.2009
Schoen das Badminton hier auch mal seinen verdienten Platz bekommt. Es ist bedeutend mehr Aktive als man denkt und der Autor hat recht- es hilft dem Leistungssport Badminton nicht immer,dass die Mehrheit der Leute immer an 'Federball' denkt. Wer jedoch mal Badminton auf hohem Niveau live gesehen hat, wird fasziniert sein von Geschwindigkeit und Athletik. Und natuerlich ist Marc ein Phaenomen- in der Jugend hat er Spieler nass gemacht, die bis zu 5,6 Jahre juenger waren als er... (ich war einer davon ;-) - und vor allem dabei absolut bodenstaendig geblieben! Weiter so!! Und mehr ueber deutsche Athleten in unbekannteren Sportarten! Sven
3. Kommerzialisierung
rabenkrähe 11.08.2009
Zitat von AnsorgesSchoen das Badminton hier auch mal seinen verdienten Platz bekommt. Es ist bedeutend mehr Aktive als man denkt und der Autor hat recht- es hilft dem Leistungssport Badminton nicht immer,dass die Mehrheit der Leute immer an 'Federball' denkt. Wer jedoch mal Badminton auf hohem Niveau live gesehen hat, wird fasziniert sein von Geschwindigkeit und Athletik. Und natuerlich ist Marc ein Phaenomen- in der Jugend hat er Spieler nass gemacht, die bis zu 5,6 Jahre juenger waren als er... (ich war einer davon ;-) - und vor allem dabei absolut bodenstaendig geblieben! Weiter so!! Und mehr ueber deutsche Athleten in unbekannteren Sportarten! Sven
..... Vor allem ist Badminton eine wirklich interessante und abwechslungsreiche Sportart, die aber, wie alle anderen Sportarten im Spitzenbereich schon lange kommerzialisiert ist. Als ich vor mittlerweile gut 30 Jahren einen Badminton-Verein gründete, staunte ich über Internate für Badminton-Spieler, die dort zusammengefaßt lebten und entweder zur Schule gingen oder für einen Arbeitgeber (Sponsor) arbeiteten für den sie gar nicht arbeiteten. In Dänemark ist Badminton seit jeher Nationalsport, dort werden die Federbälle in eigens temperierten Hallen gelagert, damit sie mit besten Flugeigenschaften aufwarten können. Ist ja alles ganz nett, aber als Freizeitsport finde ich diese, wie die meisten anderen Sportarten, interessanter. rabenkrähe
4. blöde titel
kaitou1412 11.08.2009
Hurra, endlich mal ein Nicht-Fussball oder -Formel1 Artikel... Badminton ist ein toller Sport, ist immer eines meiner Highlights bei Olympia. Schade, dass es nur dort ist und man in Deutschland soooo wenig über diesen schön athletischen und schnellen Sport zu hören bekommt. Hab ihn selber lange Zeit gespielt und er kann oft herzzerreissend spannend sein für das Publikum. Ich denke ja sogar spannender als Tennis. Nur in solche "Gelddimensionen" darf Badminton nicht abdriften. Bodenständigkeit ist da recht angenehm. So hat auch die Geschichte hier seinen Charme. Ich kenne Zwiebler nicht, aber schon jetzt ist er mir sympathischer als ein Michael Schumacher. Und ein FH-Abschluss ist keinesfalls schlecht. Die Leute dort haben meisst mehr drauf als manch Uni-Theoretiker. ;) Ich glaube, ich geh mir demnächst mal ein Punktspiel ansehen... oder mehr. :)
5. Badminton in der Presse
jachmann 12.08.2009
Schön mal über Badminton in einem großen Magazin wie dem Spiegel zu lesen. Marc habe ich kurz nach seinem Comeback beim Einsatz im Sudirman Cup 2007 in Glasgow zum ersten Mal live gesehen, wo er eine phantastische Leistung gezeigt hat. Meine persönliche Meinung ist, dass hier die Presse und das Fernsehen ihre Aufgabe der Berichterstattung sträflich vernachlässigen. Auch wenn Badminton bei uns nicht #1 Sport ist, wie in Malaysia oder Indonesien, hat es doch seinen Platz in der regelmäßigen Berichterstattung mehr wie verdient. Und wenn man sich ansieht, was für Sportarten "hypen", nur weil sie im Fernsehen gezeigt werden (siehe Snooker oder Dart) ist auch der Rückschluss meiner Ansicht gültig: Würde es gelingen einen Sport wie Badminton durch die Presse mehr ins Rampenlicht zu rücken, würden die starken Bemühungen des DBV und der Landesverbände Deutschland in dieser Sportart voranzubringen weitere Unterstützung erfahren. Also mein Appell an Alle: Schreibt nicht nur Fußball, sondern z.B. auch davon, dass Bishmisheim erneut den Titel in der 1. Bundesliga gewonnen hat... Tom Jachmann [zugegebenermaßen etwas badmintonverrückt]
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