Badminton-Spieler Xie und Lin Chinas Traumpaar

Es ist die anrührendste Liebesgeschichte der Olympischen Sommerspiele in Peking. Der wilde Lin Dan und die schöne Xie Xingfang sind begnadete Badmintonspieler - und ein Paar. Fast wäre es eine goldene Beziehung geworden. Doch nur einer der beiden konnte triumphieren.

Von Ullrich Fichtner, Peking


Badminton ist die Kunst, den Gegner ständig auf dem falschen Fuß zu erwischen, die Grundschläge heißen Clear, Drive, Smash und Drop, und wer sie so gut beherrscht wie Lin Dan und Xie Xengfang, kann seine Konkurrenten in den Wahnsinn treiben. Das olympische Turnier schenkt den beiden einen magischen Moment, als sie am Dienstagabend einmal zeitgleich und nebeneinander auf Court 2 und 3 in der Halle der Pekinger Technologie-Universität um Vorrunden-Siege kämpfen.

Badminton-Asse Xie (l.) und Lin: Liebe und Medaillen
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Badminton-Asse Xie (l.) und Lin: Liebe und Medaillen

Lin hat es mit Ng Wei aus Hongkong zu tun, dem 20. der Weltrangliste, den er in zwei Sätzen abfertigt. Um 19.48 Uhr verwandelt er den ersten Matchball und kann gerade noch den Kopf wenden, um zu sehen, wie seine geliebte Xie ihr Spiel gewinnt, in derselben Minute, um 19.48 Uhr. Sie schlägt die Weißrussin Olga Konon glatt, ebenfalls ohne Satzverlust, ebenfalls federleicht, wie mühelos. Aber von der Leichtigkeit des Siegens abgesehen, könnten die beiden kaum unterschiedlicher sein.

Lin ist ein großer, gutaussehender Junge, Jahrgang 1983, der athletische, dynamische Typ, er lässt das Publikum teilhaben am Leidensweg zu seinen Siegen, schneidet telegene Grimassen, ballt die Siegerfaust, er führt sich manchmal wie ein Amerikaner auf. Aber er ist Chinese zu 100 Prozent. Schon als Kind von fünf Jahren wurde er eingespeist in Chinas Sportmaschinerie, die Eltern suchten eine Beschäftigung für den hyperaktiven Sohn, der krankhaft bewegungsfreudig war, ein kleiner Choleriker, der ständig und überall aneckte.

Als er neun war, entdeckten Trainer sein wildes Talent, er übte bald täglich zwei Stunden vor der Schule, noch im Morgengrauen, und noch einmal fünf Stunden nach dem Unterricht. Mit zwölf wurde er Internatsschüler, ein kleiner Sportkader in Peking, der in Trainingspausen auch mit Marxismus-Leninismus gefüttert wurde und zu den schönsten Hoffnungen Anlass gab.

Aber das Heimweh nach der Mutter fraß ihn auf, sein Vater hat es in einem Interview beschrieben, zu manchen Zeiten schickte der junge Lin Dan jeden Tag einen Brief nach Hause, traurige, wütende Briefe, die von den unendlichen Mühen seines Aufstiegs erzählen, lange bevor er die dominierende Figur des Welt-Badminton wurde.

Xie Xingfang ist Jahrgang 1981, sie sieht ebenfalls wie ein großer Junge aus, aber ist dabei der kränkliche, zerbrechliche Typ. Sie geht auf Storchenbeinen herum und schwingt dünne Arme, in Wettkampfpausen sieht sie immer unendlich müde aus, so als wäre ihr jede Anstrengung eine zuviel. Wirklich ist ihre Körpersprache die einer alten Frau, man meint, eine Phlegmatikerin vor sich zu haben, aber das ändert sich schlagartig, wenn der Federball zum Aufschlag freigegeben ist.

Wenn Xies Körper Fahrt aufnimmt, bewegt sie sich wie eine rasend schnelle Marionette, im falschen Kostüm könnte sie ein bizarrer Clown sein, aber sie ist die überlegene Badminton-Spielerin unserer Zeit, und beim olympischen Turnier kann jeder Laie sehen, warum: Ihr Ballgefühl ist atemberaubend, ihre Reichweite immer überraschend, ihre eckige Schnelligkeit enorm. Aus dem Wirbel ihrer überlangen Gliedmaßen wischt sie die Bälle als tödliche Stopps übers Netz oder schlägt Schmetterbälle mit kühler Präzision an die äußersten Ränder des Spielfelds, und selbst die Zeitlupe klärt kaum auf, wie sie das alles zustande bringt.

Lin und Xie, sie fanden zueinander im Jahr 2006. Die Weltmeisterschaften in Madrid standen an, und natürlich gewannen beide den Titel. Alle Zeitungen Chinas druckten damals ihr Bild, das die Herzen rührte: Lin war zu sehen, der seiner neuen Freundin einen Kuss gab, er ließ sich mit der Liebeserklärung zitieren, alle seine künftigen Erfolge seien von nun an ihr gewidmet, und das war im zugeknöpften China eine Sensation. Die Jugend des Landes hatte gleich zwei neue Rollenmodelle: das Biest und die Schöne, Ying und Yang, Lin und Xie.

In Xie Xingfangs Internet-Blog fragen besorgte Mädchen, wie ihr Idol das aufbrausende Temperament des Freundes erträgt. Und sie schreibt zurück, Lin sei ganz anders, nett und lieb, und nur auf dem Spielfeld werde sein Killerinstinkt wach. Ansonsten gibt sie Tipps, wie man besser Badminton spielt, worauf es beim Schlägerhalten ankommt, und manchmal berichtet sie von Reisen zu Turnieren, erzählt Anekdoten aus Hongkong und Macao, von den French, German und den All England Open, dem Wimbledon der Badminton-Spieler, Wettkämpfe, die sie und Lin zuletzt immer wieder im Doppelpack für China gewannen.

Aber Badminton ist die Kunst, den Gegner auf dem falschen Fuß zu erwischen, und im Finale der Damen Samstag erwischt es Xie Xingfang. Überlegen ist sie ins Endspiel um die Goldmedaille eingezogen, hat in vier Spielen zuvor nur einen Satz abgeben, im Viertelfinale die für Deutschland stark spielende Xu Huaiwen bezwungen, aber jetzt, im entscheidenden Moment, kann sie zum ersten Mal seit langem ihre chronische Müdigkeit nicht überwinden. Sie verliert. Ihre Gegnerin, die 33-jährige Chinesin Zhang Ning, Goldmedaillengewinnerin von Athen, Nummer zwei der Weltrangliste, die ihre Karriere schon beenden wollte und von den Trainern zum Weitermachen überredet werden musste, hat den besseren Tag, den größeren Willen. Im dritten, entscheidenden Satz holt Xie zwar einen 5:13-Rückstand noch einmal auf, macht sieben Punkte in Folge, aber am Ende unterliegt sie.

Xie nimmt es hin, wie sie auch ihre Siege hinnimmt, das schöne, stille Gesicht unbewegt, in den Augen nur ein wenig mehr Melancholie vielleicht als sonst. In ihrem Blog hat sie einmal geschrieben, sie arbeite daran, ihre Gefühle stärker mit dem Publikum zu teilen, sie leide selbst unter ihrer Schüchternheit, und leider fielen ihr die großen Gesten sehr schwer. Aber zu ihrem Glück gibt es Lin Dan, Super-Dan, dessen Leidenschaft locker für zwei reicht.

Er triumphiert am Sonntag. Er schlägt, nachdem er im Turnier schon die halbe Weltelite aussortiert hat (etwa Chen Jin und Peter Hoeeg Gade), am Ende auch den Malaysier Chong Wei Lee 21:12 und 21:8, der für sein Land die erste Goldmedaille der olympischen Geschichte hätte holen können. Aber Lin weiß es zu verhindern. Am Ende schreit er sein Glück in die Halle hinaus, er badet im Jubel und jubelt zurück. Viele Mädchen in China denken in diesem Moment an Xie Xingfang. Und träumen von einem Mann, der auch ihnen seine Siege schenkt.



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