Baseball-Champions Houston Astros Ein (fast) perfektes Märchen

Die erste Baseball-Meisterschaft der Houston Astros ist eine sehr amerikanische Geschichte. Sie handelt davon, wie man wieder aufsteht, wenn man am Boden liegt. Leider auch von Rassismus.

George Springer (r.) und Carlos Correa
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George Springer (r.) und Carlos Correa


Was für eine Geschichte: Vor vier Jahren waren die Houston Astros noch eins der schlechtesten Teams in der Major League Baseball. Doch zwei Monate, nachdem ihre Heimatstadt von Hurrikan "Harvey" verwüstet wurde, haben die Astros ihren ersten Meistertitel gewonnen. Eine der amerikanischsten Sportarten beendete ihre Saison mit einem Happy End, das amerikanischer kaum sein könnte.

Als "Harvey" Ende August aus der Karibik kommend aufs US-Festland traf, waren die Folgen verheerend. Allein in Texas starben 88 Menschen, fast 50.000 Häuser wurden beschädigt oder zerstört. Nie zuvor richtete ein Hurrikan einen so hohen wirtschaftlichen Schaden an, die Schätzungen belaufen sich auf knapp 200 Milliarden Dollar.

"Harvey" und die Folgen

Das tief gelegene Houston gehörte zu den am härtesten getroffenen Städten, über 30.000 Menschen mussten evakuiert und in Notunterkünften untergebracht werden. Natürlich war auch der Sport betroffen. Der Auftakt zur texanischen College-Football-Saison fand ausnahmsweise in Louisiana statt, und die Houston Astros wichen für drei Spiele nach Florida aus.

Es war ein entscheidender Moment in der Saison der Astros, obwohl sie schon vorher als sicherer Playoff-Anwärter galten. 2013 hatte das Team noch 111 Spiele verloren, sich danach aber kontinuierlich gesteigert und den Kader gezielt verstärkt. Am Ende dieser Saison standen sie bei 101 Siegen und waren damit das dritterfolgreichste Team der Liga. Der Hurrikan änderte nichts an der Qualität der Mannschaft, aber an ihrer Einstellung.

Als die Astros nach Houston zurückkehrten, führte sie ihr erster Weg nicht ins heimische Stadion oder aufs Trainingsgelände, sondern ins George R. Brown Convention Center, in dem über 8000 Evakuierte untergebracht waren. "16 unserer Spieler sind mitgekommen", sagte Präsident Reid Ryan dem "Rolling Stone". "Normalerweise kommen fünf oder sechs Jungs zu solchen Terminen. Dass die halbe Mannschaft dabei sein wollte, war überwältigend."

Wie fast alle Profisportler sind Baseballspieler Legionäre, die meist wenig Bezug zu der Stadt haben, in der sie gerade aktiv sind. Aus dem 25-Mann-Kader, der während der World Series zum Einsatz kam, ist nur Pitcher Will Harris in Houston geboren. Im entscheidenden siebten Spiel kam er nicht zum Einsatz.

Doch das Unglück sorgte dafür, dass sich auch Stars wie der Puerto Ricaner Carlos Correa oder der spätere Final-MVP George Springer noch mehr mit der Stadt identifizierten. In jedem Spiel seit "Harvey" trug die Mannschaft große Aufnäher mit dem Schriftzug "Houston Strong" auf der Brust, dem Slogan, der die Menschen in der Metropole enger zusammenrücken ließ. Außerdem spendete das Team aus Zuschauereinnahmen vier Millionen Dollar für die Soforthilfe.

Es war ein starkes Zeichen, und die Botschaft kam an. John Boyd, Journalist beim "Houston Chronicle" und bekennender Astros-Fan, dankte den Spielern in einem offenen Brief für die Geste, die den Bewohnern der Stadt Kraft gegeben habe, und sagte ihnen volle Unterstützung für die anstehende World Series zu.

Das entscheidende fünfte Spiel

Das zahlte sich aus: Die Astros gewannen zwei ihrer drei Heimspiele in der Finalserie gegen die Los Angeles Dodgers, darunter das dramatische und spektakuläre Spiel fünf, mit dem sie den Grundstein für die spätere Meisterschaft legten. In dieser Partie hatten sie viermal zurückgelegen, jeweils ausgeglichen und sich schließlich im zehnten Inning, sozusagen der ersten Verlängerung, den 13:12-Sieg gesichert.

Die fünfte Begegnung allein hatte genug Dramatik für die gesamte Finalserie. Manche US-Experten feierten das Spiel als eines der besten in der 114-jährigen Geschichte der World Series und sahen die Art, in der die Astros immer wieder zurückkamen, als Sinnbild für den Wiederaufbau der Stadt Houston nach der Verwüstung.

Das Märchen wäre perfekt - hätte es nicht einen entscheidenden Schönheitsfehler.

Der Fall Gurriel

Im vierten Inning kam der Kubaner Yuli Gurriel an den Schlag, als zwei Bases besetzt waren. Mit einem Homerun bescherte Gurriel den Astros den Ausgleich zum zwischenzeitlichen 4:4 und sorgte damit vielleicht für die entscheidende Wende in der Finalserie. Das Problem: Eigentlich hätte Gurriel gar nicht auf dem Feld stehen dürfen.

Nachdem er in Spiel vier einen Homerun gegen den in Japan geborenen Pitcher Yu Darvish erzielt hatte, zog Gurriel mit seinen Händen die Augen zu Schlitzen und sagte "chinito" ("kleiner Chinese"). Die rassistische Beleidigung sorgte zu Recht für Empörung und brachte Gurriel neben einer Geldstrafe und einem verordneten "Bewusstseinstraining" auch eine Fünf-Spiele-Sperre ein. Diese wurde allerdings für die laufende World Series ausgesetzt und in die kommende Saison verschoben.

Commissioner Rob Manfred begründete die Entscheidung damit, dass er nur Gurriel, nicht aber das gesamte Team der Astros bestrafen wolle. Die Sperre während der laufenden Finalserie zu vollstrecken, wäre ein einmaliger Vorfall gewesen.

Und ein starkes Zeichen gegen Rassismus.



insgesamt 2 Beiträge
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meineeine001 02.11.2017
1. Starkes Zeichen!
Ja, es ist wirklich ein starkes Zeichen jemanden für 5 regular season Spiele zu sperren. Was einige ja nicht wissen, ein Team hat ja nur magere !!162!! regular season Spiele! Er ist für ganze 3% der Spiele gesperrt. Die Houston Astros sollten lieber die Saison gleich abschenken. Sie sollen sie nur so lange auf ihn zerzichten können. Also schenkt die Saison ab und tankt für einen besseren Draftposition. Das ist wirklich ungerecht, dass das Team für eine Rassistische Entgleisung eines Spielers so hart bluten muss. Vorsicht! Vorgestellter Text kann Ironie enthalten!
Americanet 03.11.2017
2.
Wenn der Deutsche was zum Thema Baseball zu sagen hat, dann selbstverständlich nur mit erhobenem Zeigefinger. Es steht außer Frage, dass Gurriel großen Mist gebaut hat, für den er sich postwendend entschuldigt hat. Die Begründung der Verschiebung der Strafe ist für mich nachvollziehbar; übrigens hätte Gurriel nach den Regularien auch Einspruch gegen eine Bestrafung einlegen können und wäre dann zumindest im nächsten Spiel ohnehin noch mit dabei gewesen. Er verzichtete auf seinen Einspruch. Und das Wichtigste: Yu Darvish hat sich sofort geäußert, die Entschuldigung angenommen und gesagt, dass er die verhängte Strafe als gerecht empfindet. Also, blöde Geschichte, die sauber aufgearbeitet und aus der Welt geschafft wurde. Herzlichen Glückwunsch an die Astros, die es mit erstklassigem Baseball dieses Jahr wirklich verdient haben.
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