Deutsche Basketballer bei EM Mehr als nur Schröder

Mit drei Siegen aus fünf Spielen erreichten die deutschen Basketballer souverän das EM-Achtelfinale in Istanbul. Bislang spielt die junge Mannschaft besser als erwartet - was nicht nur am NBA-Star liegt.

Dennis Schröder (vorne)
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Dennis Schröder (vorne)

Von Philipp Awounou


Zehn Jahre ist es her, dass Deutschlands Basketballer die K.o.-Runde einer Europameisterschaft erreichten. Zehn Jahre, in denen der deutschen Mannschaft häufig mehr zugetraut wurde, als sie letztlich leisten konnte. Nun, bei der EuroBasket 2017, ist das Gegenteil eingetroffen: Deutschlands Vorrunde in Tel Aviv verlief besser, als viele es erwartet hatten.

Drei souveräne Siege, eine denkbar unglückliche Niederlage sowie eine weitere gegen einen Titelfavoriten: Die Bilanz des DBB liest sich mehr als solide und reichte in Gruppe B für Platz zwei, im Achtelfinale in Istanbul trifft das Team von Bundestrainer Chris Fleming auf Frankreich (Samstag, 14.15 Uhr, Livestream auf telekomsport.de).

Dort wird erneut Dennis Schröder im Fokus stehen, der sich bislang in Topform präsentierte. 23,6 Punkte pro Partie erzielte der Spielmacher im laufenden Turnier, nur Sloweniens Goran Dragic punktete bislang besser (24,4). Hinzu kommen 4,6 Vorlagen und 1,8 Ballgewinne.

Imposante Statistiken, und doch geben sie nur in Ansätzen wieder, welch großen Einfluss Schröder auf das Spiel seiner Mannschaft hat - und welch steile Entwicklung der NBA-Profi seit der Heim-EM 2015 genommen hat: Der 23-Jährige spielt nach wie vor nicht fehlerfrei, doch er agiert deutlich reifer und kontrollierter als noch vor zwei Jahren, er ist ein überragender Punktesammler und obendrein der verlässliche Anführer, den das jüngste Team des Turniers (25,6 Jahre) braucht.

Das gute Abschneiden der deutschen Mannschaft alleine an Schröder festzumachen, wäre jedoch falsch. Denn auch wenn der gebürtige Braunschweiger zurecht viel Lob erhält, waren die drei deutschen Siege aus fünf Gruppenspielen nicht das Werk eines Alleinunterhalters. Sie waren eine Gemeinschaftsproduktion.

Vor allem die deutsche Verteidigung überzeugt. Bundestrainer Chris Fleming hat ein stabiles Defensivkonzept installiert, das von der Agilität und Einsatzbereitschaft jedes Einzelnen lebt - und von fähigen Individualverteidigern. Karsten Tadda etwa, der auf den Statistikbögen eher unauffällig ist, kümmerte sich regelmäßig um die besten Flügelspieler des Gegners und verschaffte damit Schröder, der ebenfalls stark verteidigt, wichtige Energiereserven für den Angriff. Unter den Körben überzeugt der athletische Power Forward Daniel Theis.

Daniel Theis (l.)
AFP

Daniel Theis (l.)

Es kommt daher nicht von ungefähr, dass vor dem abschließenden Gruppenspiel gegen Litauen nur die Spanier und die Italiener weniger Punkte zuließen als die deutsche Mannschaft (63,8). Daraufhin jedoch zeigten die Balten der DBB-Auswahl ihre Schwächen auf: In der eigenen Zone wurden die deutschen Big Men zeitweise herumgeschubst wie Schulbuben, der Physis und Wucht des litauischen Hünen-Bataillons um Jonas Valanciunas waren Theis, Johannes Voigtmann & Co. nicht gewachsen.

Dass die Deutschen dennoch lange in Schlagdistanz blieben, lag mehrheitlich an Schröder, der sich offensiv nach Kräften wehrte. An diesem Abend fehlte ihm allerdings die Unterstützung, die er in den Spielen zuvor durchaus bekommen hatte: Beim Auftaktsieg gegen die Ukraine überzeugte Mannschaftskapitän Robin Benzing mit 17 Punkten. Beim Erfolg gegen Georgien und bei der bitteren Pleite gegen Israel tat sich Theis als starker Verteidiger und Rebounder hervor. Gegen Italien wiederum bewies Center Voigtmann mit zwölf Punkten, sieben Rebounds und fünf Assists seine offensive Vielseitigkeit.

Probleme hinter der Dreierlinie

Im Duell mit Litauen jedoch schien sich erstmals zu bewahrheiten, was Kritiker im Vorfeld angeprangert hatten: Deutschland agierte im Angriff zu eindimensional, der einzige verlässliche Scorer hieß Schröder.

Eng mit diesem Problem verknüpft ist der deutsche Distanzwurf, der in der Vorrunde noch seltener fiel als es ohnehin zu erwarten war. Die daraus resultierende Dreierquote von 28,6 Prozent ist die drittschlechteste im gesamten Turnier. Sinnbildlich für die Wurfmisere steht Lucca Staiger, der als nominell bester Dreierschütze des DBB desolate 8,3 Prozent seiner Distanzwürfe im Korb unterbrachte.

Bundestrainer Fleming wird diese und weitere Schwächen seines Teams vor dem Achtelfinale gegen Frankreich nicht einfach abstellen können. Heißer Titelkandidat ist der DBB somit weiterhin nicht, doch im Duell mit den favorisierten Franzosen ist Deutschland keinesfalls chancenlos: Dem Gegner fehlen mit Tony Parker, Nicolas Batum und Rudy Gobert die größten Namen, spielerisch ähnelt das Team eher den wurfstarken Italienern als den Litauern. Dieser Stil, das hat die Gruppenphase bewiesen, liegt der deutschen Verteidigung deutlich besser.

Doch nicht nur spielerische Aspekte könnten gegen Frankreich über Sieg und Niederlage entscheiden, auch kulinarische: Nachdem die DBB-Auswahl im dritten Gruppenspiel den Israelis unterlag, speiste die Mannschaft geschlossen beim Italiener. Prompt schlug Deutschland am Folgetag den direkten Konkurrenten Italien. Wie DBB-Präsident Ingo Weiss verriet, will das Team dieses Erfolgsrezept auch für das kommende Achtelfinale anwenden: "Die Jungs wollen in Istanbul noch ein wenig länger bleiben, die haben sich schon erkundigt, welche Kneipen es für ein nettes Essen gibt."

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DieHappy 09.09.2017
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Aber sauber gewonnen. Danke Telekom für den tollen Stream.
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