College-Basketball-Pioniere Loyola Kämpfer für Bürgerrechte

Die kleine katholische Universität Loyola aus Chicago steht im Halbfinale der College-Meisterschaft. Wie 1963. Damals ging es um viel mehr als Sport. Eine Geschichte aus einer dunklen Zeit in Amerika.

NCAA Photos via Getty Images

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Die heutigen Spieler der Basketballmannschaft der Loyola Ramblers waren noch lange nicht geboren, als ihre Universität 1963 amerikanische Sportgeschichte schrieb. Das kann man von Sister Jean Dolores Schmidt nicht sagen. Die Jesuiten-Nonne war 1963 schon eine Mittvierzigerin. Aber erst jetzt, mit 98 Jahren, ist Schmidt zur Medienberühmtheit über Chicago hinaus geworden.

Denn das Basketballteam der Jesuiten-Universität aus Chicago hat es überraschend bis ins Halbfinale des College-Turniers geschafft, das sogenannte "Final Four". Es wird im Alamodome von San Antonio ausgetragen, vor vermutlich 40.000 Zuschauern - mit Sister Jean am Spielfeldrand wie bei jedem Spiel der Ramblers.

Schmidt ist offizielle Kaplanin der Mannschaft. Faktisch kümmert sie sich aber um mehr als geistlichen Beistand. Als Porter Moser 2011 von der Universität als Basketballcoach verpflichtet wurde, fand er Analysen der Stärken und Schwächen aller Spieler auf seinem Schreibtisch vor, wie er der "New York Times" erzählte - verfasst von Sister Jean.

Sister Jean Dolores Schmidt wird von Aundre Jackson umarmt.
REUTERS/ USA Today Sports

Sister Jean Dolores Schmidt wird von Aundre Jackson umarmt.

Das Finale von 1963 hatte Schmidt im Fernsehen verfolgt. Damals gewannen die Ramblers den nationalen Titel. Das war nicht vor allem deshalb bemerkenswert, weil Loyola in der ersten Runde mit einem 111:42 gegen Tennessee Tech den bis heute höchsten Sieg feierte, der jemals in "March Madness" erzielt wurde.

Es war bemerkenswert, weil Loyola in der zweiten Runde auf die Mississippi State University traf. Der Bundesstaat Mississippi hatte damals den höchsten Bevölkerungsanteil von Afroamerikanern in den USA. Zugleich gab es keine Schulen und Universitäten, an denen Schwarze und Weiße gemeinsam unterrichtet wurden. So spielten für das Team der Mississippi State University nur Weiße. Und nicht nur das - in der Praxis lehnten es Mannschaften aus Mississippi damals kategorisch ab, gegen andere Teams anzutreten, in denen schwarze Sportler mitwirkten.

Heimlich nachts über die Staatsgrenze

1963 aber entschlossen sich die Betreuer der Mississippi State Maroons, sich über den Wunsch des damaligen Gouverneurs Ross Barnett hinwegzusetzen und gegen Loyola anzutreten - obwohl die Ramblers mit mehr schwarzen als weißen Sportlern antraten. Loyola-Coach George Ireland hatte seinerseits gegen ein ungeschriebenes Gesetz des College-Sports verstoßen und mehr als drei Afroamerikaner in der Startaufstellung berücksichtigt.

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College-Erfolg von Loyola: Basketball für Bürgerrechte

In einem Radiobeitrag zum 50. Jahrestag des historischen Spiels erzählte Jimmy Wise, der damalige Teammanager von Mississippi State, dass der Trainerstab heimlich den Staat verlassen habe, um in Michigan gegen Loyola antreten zu können. Mitten in der Nacht verließen die Coaches um Cheftrainer "Babe" McCarthy in einem Bus den Staat, bevor ein staatliches Verbot sie erreichen konnte. Die Sheriffs waren bereits auf dem Weg gewesen.

Die Zeitung "Jackson Daily News" hatte zuvor ein Foto des Loyola-Teams abgedruckt und die Leser aufgefordert, mit Protestbriefen an die Universitätsleitung zu verhindern, dass das Spiel stattfinde. Die Ereignisse von damals werden im 2013 erschienenen Dokumentarfilm "One Night in March" des Regisseurs Robbie Coblentz nacherzählt.

Währenddessen bekamen die Spieler der Ramblers Hasspost. Kapitän Jerry Harkness, der später in der NBA spielen sollte, erinnert sich: "Das ist etwas gruselig, denn sie wissen, wo du bist, und sie schicken dir Post, in der stand: 'Hört sofort auf' und 'Ihr spielt besser nicht mehr gegen weiße Teams in diesem Turnier'.

Sie spielten dann aber doch. Fans oder Studenten aus Mississippi waren nicht mit nach Michigan gereist, wie Maroons-Center Bobby Shows sagt. Die Atmosphäre sei dennoch sportlich-fair gewesen. Am Ende siegte Loyola 61:51 und zog eine Woche später sogar ins Finale ein. In Louisville besiegten die Ramblers die Cincinnati Bearcats in der Verlängerung. Zu Beginn des Spiels waren sieben von zehn Spielern auf dem Platz Afroamerikaner. Es war das erste College-Finale der amerikanischen Geschichte, in dem mehr Schwarze als Weiße mitwirkten.

Marques Townes, der aktuelle Star von Loyola
AFP

Marques Townes, der aktuelle Star von Loyola

Eine so große Bedeutung kann das aktuelle Final Four in San Antonio nicht erreichen, komme, was wolle. Im Halbfinale in der Nacht auf Sonntag (0.09 Uhr, TV Dazn) heißt der Gegner Michigan Wolverines. Die spielen mit dem Berliner Moritz Wagner. Und vier Afroamerikanern. Aber das wird nicht mehr die Geschichte des Spiels sein.

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insgesamt 2 Beiträge
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palerider78 31.03.2018
1. Danke
für den historischen Hintergrund dieses Spiels. Auch wenn ich den Moe und den Wolverines die Daumen drücke, ist diese Story um Sister Jean herzerwärmend. Trotzdem findet die Cinderella Story um Loyola heute ihr Ende Go Blue!
palerider78 01.04.2018
2. Und so kam es dann auch
Nach schwacher erster Halbzeit haben sich die Wolverines mit einem herausragenden Moritz Wagner (24 Punkte, 15 Rebounds) zusammengerissen und stehen am Montag Abend im Finale. Ann Arbor steht Kopf! Go Blue!
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