Deutsche Basketball-Spielerin Gülich Weltklasse in Teilzeit

Als Kind wurde sie wegen ihrer Größe gehänselt, heute spielt Marie Gülich in den USA, in der besten Frauen-Basketballliga der Welt. Dass sie gleichzeitig auch in Italien unter Vertrag steht? Für Frauen normal.

Marie Gülich
Getty Images/ Joshua Huston/ NBAE

Marie Gülich

Von Philipp Awounou


Auf Twitter und Instagram nennt sich Marie Gülich mary_gulitsch. Es ist die Verschriftlichung der Art, wie US-Amerikaner ihren Namen aussprechen. Auch Lisa Borders, die Präsidentin der Frauen-Basketballliga WNBA, gab Gülichs Namen am 12. April falsch wieder - doch das spielte keine Rolle. Wichtig war, dass sie ihn überhaupt sagte. An der zwölften Stelle der Draft 2018 verkündete sie nämlich, wen die Phoenix Mercury als neuestes Teammitglied auswählten: "Mary Gulitsch".

In jenen Sekunden wurde Gülich zur dritten Deutschen, die den Sprung in die beste Frauen-Basketballliga der Welt geschafft hat: nach Marlies Askamp (1997-2002) und Linda Fröhlich (2002-2007), zwei Koryphäen des deutschen Frauenbasketballs. "Dass ich es einmal so weit schaffen würde, hätte ich nie gedacht", sagt die 1,94 Meter große Gülich. Dabei zieht sie schon seit Kindertagen Aufmerksamkeit auf sich - oft mehr als ihr lieb ist.

"In der Schule wurde ich immer angeguckt", erinnert sich die Centerspielerin, die mit 13 Jahren bereits 1,90 Meter maß und wegen ihrer Größe von Mitschülern gehänselt wurde. Als die Mutter einer Freundin eines Tages sah, wie deprimiert Gülich deshalb von der Schule nach Hause kam, schickte sie sie zum Basketballtraining: Das Mädchen sollte lernen, ihre Größe als etwas Gutes zu verstehen.

Gülich zählt zu den besten Basketballerinnen der Welt

Der Plan ging auf. Mehr noch: Das orangefarbene Leder wurde zu Gülichs Lebensinhalt. Ausbildung im Basketball-Internat, Zweitliga-Debüt mit 17, mit 20 der Umzug in die USA ans College in Oregon State: Heute, elf Jahre nach ihrer ersten Trainingseinheit gehört die 24-Jährige zu den besten Basketballerinnen der Welt.

Marie Gülich (l.) im Trikot der Oregon State Beavers (2016)
AFP

Marie Gülich (l.) im Trikot der Oregon State Beavers (2016)

"Die WNBA ist überwältigend, das Niveau ist enorm hoch", sagt Gülich, die in Phoenix an der Seite von Britney Griner und Diana Taurasi spielt, zwei der größten Stars im Frauenbasketball. Von ihren hochklassigen Teamkolleginnen will die Deutsche lernen, gibt aber auch zu, zu Beginn ihrer ersten WNBA-Saison Anpassungsschwierigkeiten gehabt zu haben: "Der Rollenwechsel war sehr schwer. Am College war ich ein Star, hier muss ich mich hinten anstellen."

Nach 30 von 34 Saisonspielen kommt Gülich, die für ihre Größe eine gute Passgeberin ist und sehr teamdienlich spielt, auf rund fünf Einsatzminuten pro Partie. "In Zukunft möchte ich noch besser Fuß fassen und länger auf dem Feld stehen", so die Centerspielerin, die in Phoenix einen Vierjahresvertrag unterschrieben hat.

Wäre Gülich ein Mann, würde ihr dieses Arbeitspapier Millionen bescheren. Keine Liga bezahlt ihre Athleten besser als die milliardenschwere NBA, das männliche Pendant der WNBA. Aktuell liegt das jährliche Durchschnittsgehalt der Herren bei 7,1 Millionen, die Lohnobergrenze bei rund 35 Millionen US-Dollar.

Anders die Lage in der WNBA: Dort beträgt das Maximalgehalt 115.000 Dollar pro Jahr. Richtig gelesen: das Maximalgehalt. Ungefähr dieselbe Summe verdient NBA-Champion Stephen Curry, aktuell Topverdiener der Herren, an einem einzigen Tag.

Sieben Tage Pause - dann geht es nach Italien

WNBA und NBA unterscheiden sich nicht nur hinsichtlich ihrer Popularität und Finanzkraft, sondern auch in Bezug auf die Saisondauer. Die WNBA ist eine "Summer League", gespielt wird lediglich zwischen Mai und September.

Sobald unter den zwölf Teams der Meister gekürt ist, hat Gülich sieben Tage Zeit zur Erholung. Dann geht es nach Italien - denn auch dort hat die Deutsche einen Vertrag unterschrieben: bei Colpo Reyer Venezia.

Im Herrenbereich wäre dieses Phänomen unvorstellbar, bei den Frauen ist es alltäglich - beziehungsweise alljährlich: Der Großteil der WNBA-Profis spielt während der Wintermonate in Europa oder Asien, auch aufgrund der Verdienstmöglichkeiten: Gülichs Teamkollegin Taurasi etwa erhält in Phoenix das WNBA-Maximalgehalt, 115.000 US-Dollar. In Russland dagegen, bei UGMK Jekaterinburg, verdient sie mehr als das Zehnfache: Rund 1,5 Millionen Dollar jährlich. Ein Superstar als Teilzeitkraft.

"Manchmal frage ich mich schon, warum man das als Frau machen muss. Warum Männer das ganze Jahr NBA spielen können und im Sommer Pause haben, während wir zwölf Monate bei mehreren Teams durchspielen", sagt Gülich. Vor allem bei den erfahreneren Spielerinnen merke sie, welche Belastung das bedeute: "Mit der Zeit macht es den Körper müde. Das geht auf die Knochen."

Beschweren will sich Gülich aber nicht. Sie lerne gerne neue Länder kennen und freue sich auf die Zeit in Venedig, sagt sie. In Italien wird die Deutsche nicht nur zusätzlich verdienen, sondern auch sportlich eine größere Rolle einnehmen als in Phoenix. Und wer weiß: Vielleicht schaffen es die Italiener ja sogar, Gülichs Namen richtig auszusprechen.

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insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
supergrobi123 12.08.2018
1. Also ich kann das erklären...
Die unterschiedliche Bezahlung ist logischerweise eine Folge des mangelnden Kundeninteresses. Wer das kritisieren möchte, möge sich mal an die eigene Nase fassen und sich fragen, bei welchem Damenteam man denn zuletzt eine Dauerkarte und Merchandisingprodukte gekauft hat.
koch-51 12.08.2018
2. Es war eine mehr
Kleine Ergänzung, eine weitere deutsche Spielerin spielte bereits in der WNBA, Martina Weber bei den New York Liberty
aggro_aggro 12.08.2018
3. Russland?
Wieso wird Damenbasketball in Russland so viel besser bezahlt? Wahrscheinlich auch im Rest Europas, zumindest was die Topstars angeht. Das kann ja nicht allein am Zuschauerinteresse liegen, Basketball, auch bei Frauen ist in den USA doch wahrscheinlich bei der Jugend deutlich beliebter als irgendwo anders. Die Gehaltsobergrenze ist festgelegt, und zwar auf einen für Profisport recht niedrigen Betrag - wieso ist das so? 115.000 Dollar sind die eine Sache, ein halbes Jahr arbeitslos zu sein und womöglich nicht zu wissen ob man "im Team" ist die andere Sache. Profisport ist das eigentlich nicht.... die Frauen müssen für nach dem Sport und für das Winterhalbjahr ja etwas anderes arbeiten.
cs01 12.08.2018
4.
Ich frage mich, warum die überhaupt in der WNBA spielen, wenn man in Europa offensichtlich besser verdienen kann. Wenn ich, wie die im Artikel erwähnte Spielerin in Russland 1,5 Mio verdiene, dann muss ich doch nicht für ein Zehntel zusätzlich meinen Körper ruinieren.
Der_schmale_Grat 13.08.2018
5. @cso1
Sehr wahrscheinlich, weil die USA im Frauenbasketball einfach seit gefühlten Ewigkeiten die Nummer eins ist. Dort spielen die besten Spielerinnen der Welt und jeder will dabei sein. Aber die Bezahlung bleibt ein Witz.
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