BBL-Star Tucker: Bambergs Bester

Von Sebastian Finis

Zu gut für Deutschland, zu schlecht für die NBA? P.J. Tucker ist ein MVP-Kandidat in der Basketball-Bundesliga. Doch der 26-Jährige spricht schon von Abschied - und will sich in den USA durchsetzen. Das Basketball-Magazin "FIVE" stellt Bambergs selbstbewussten Topscorer vor.

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Bambergs P.J. Tucker: MVP-Kandidat in der Basketball-Bundesliga

P.J. Tucker bekommt den Ball an der Dreierlinie, täuscht mit zwei Crossover-Dribblings den Drive an, steigt dann jedoch blitzschnell hoch - und trifft gegen 2,08-Meter-Mann Robin Benzing. Auf der anderen Seite des Feldes räumt er den gegnerischen Center Chevon Troutman bei einem vermeintlich einfachen Korbleger im Fastbreak spektakulär von hinten ab.

Szenen wie diese von Tucker im Prestige-Duell der Brose Baskets gegen Bayern München sind keine Seltenheit. Eigentlich ist P.J. Tucker zu gut für die deutsche Basketball-Liga. Der 26-jährige Allrounder aus North Carolina sticht in Bamberg heraus. Mittlerweile ist er effektivster Akteur, Topscorer und bester Verteidiger beim zweimaligen Double-Gewinner. In Zahlen bedeutet das 14,2 Punkte, 6,1 Rebounds, 1,4 Assists und 1,2 Steals pro Partie.

Sein Trainer Trainer Chris Fleming sagt über ihn: "Wir haben einen so kreativen und vielseitigen Spieler wie P.J. gesucht. Er ist unheimlich physisch und athletisch und hat eine ganz aggressive Spielweise."

Es ist vor allem Vielseitigkeit, die den US-Amerikaner auszeichnet. "P.J. kann von der Zwei bis zur Vier in der Offense und Defense eingesetzt werden", sagt Ex-Nationalspieler Ademola Okulaja: "Gegen große Gegenspieler nutzt er seine Schnelligkeit und Explosivität aus und zieht zum Brett. Gegen kleine hat er mit seiner Masse und Kraft einen Vorteil unterm Korb."

Tucker: "Ich kann auch Point Guard oder Center spielen"

Tucker sagt selbst ganz selbstbewusst: "Egal gegen wen ich spiele, es gibt immer etwas, worin ich besser bin als mein Gegner. Die Position, auf der ich dabei stehe, ist mir ziemlich egal. Ich kann auch Point Guard oder Center spielen." Mit 1,96 Meter hat Tucker die Größe eines Shooting Guards, aber den Körper und die Athletik eines Power Forwards. Seine Armspannweite von 2,13 Meter hilft ihm in der Defense bei Steals, Blocks und Rebounds.

Der heute 26-jährige Tucker wurde in Deutschland geboren. Sein Vater war bis zum Mauerfall in der US Army am Stützpunkt Mannheim stationiert. Erst 1990 ging es zurück in die Staaten. In Raleigh, der Hauptstadt des US-Bundesstaates North Carolina, wuchs P.J. auf.

"Wenn du mich mit sieben, acht Jahren gefragt hättest, was ich später gerne einmal machen möchte, hätte ich dir damals schon gesagt, dass ich Basketballprofi werden will", sagt Tucker. "Es gab nie etwas anderes in meinem Leben."

Der Sprung in die NBA kam zu früh

Tucker wird schnell zum Star an der High School. Es gibt kaum ein College, welches nicht in der Folge um seine Dienste buhlt, schließlich ist er einer der besten High-School-Spieler des Landes. Tucker entscheidet sich für die University of Texas. In seiner dritten Spielzeit gelingt ihm an der Seite der heutigen NBA-Spieler LaMarcus Aldridge und Daniel Gibson der Sprung ins Elite Eight des NCAA-Turniers. Mit 30 Erfolgen in der Saison 2005/2006 spielt das Team die meisten Siege in der Geschichte der University of Texas ein. Tucker hat großen Anteil und meldet sich als Junior zusammen mit Aldridge und Gibson 2006 zur NBA-Draft an.

Ein Fehler. Die Scouts monieren, dass Tucker für die Position des Power Forwards zu klein sei. Für einen Small Forward sei er ein zu schlechter Werfer, als Shooting Guard sei er nicht schnell genug und mit unzureichendem Ballhandling ausgestattet.

Zu Tuckers Enttäuschung wird er erst in der zweiten Runde an 35. Stelle von den Toronto Raptors gezogen. Die Konkurrenz ist zu groß, Tucker kann sich nicht durchsetzen. Nach nur 17 Spielen wurde er in die D-League zu den Colorado 14ers abgeschoben. "Für mich war es schrecklich", hegt Tucker noch heute einen Groll auf die damalige Situation. "Ich habe es gehasst, runterzugehen. Es war definitiv eine harte Zeit für mich."

Der Traum von der NBA lebt weiter

Ohne Chancen in der NBA richtet sich Tuckers Blick in Richtung Übersee. Er heuert in Israel bei Hapoel Holon an, einem Vorort von Tel Aviv. Dort wird der Amerikaner 2007/2008 prompt MVP der israelischen Liga sowie mit seinem Team Meister, womit er die 14-jährige Siegesserie von Maccabi Tel Aviv beendet.

Es folgten weitere Stationen in der Ukraine, erneut Israel, Griechenland und Italien. Dann lockte ihn Bamberg - und machte Tucker zu einem der bestbezahlten Spieler der Liga.

Bei den Brose Basekets spielt er nach anfänglichen Schwierigkeiten mittlerweile wie ein potentieller Liga-MVP - und macht sich so für andere Clubs interessant. Denn seinen Traum von der NBA hat Tucker noch längst nicht aufgegeben. In der Summer League will er sich bei einem der 30 NBA-Clubs empfehlen.

Sein jetziger Coach traut ihm den Schritt zu. "Ich glaube, dass er mit 1,96 Meter groß genug ist, um in der NBA zu spielen", so Fleming. Besonders in Bamberg habe er durch die Arbeit mit Assistenztrainer Stefan Weissenböck seinen Wurf und sein Ballhandling extrem verbessert. Also genau die Fertigkeiten, die NBA-Scouts an ihm bislang kritisierten. Ob diese Fortschritte reichen, um einen der raren Verträge in den USA abzugreifen, bleibt fraglich. Und zumindest in Bamberg wäre niemand traurig, wenn es am Ende nicht reicht.

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Basketball-Glossar
REUTERS
Zu einem Basketballteam gehören fünf Akteure. Auf der Eins spielt der Point Guard (Aufbau). Die Zwei hat der Shooting Guard inne, dessen vornehmliche Aufgabe es ist, Punkte zu erzielen. Die Drei ist der Small Forward, eine wendige Flügelkraft mit einem guten Wurf. Spieler, die auf der Zwei oder Drei eingesetzt werden können, heißen "Swingmen". Die Vier ist der Power Forward, ein kräftiger Spieler, der durch seine Größe auch für Rebounds prädestiniert ist. Auf der Fünf spielt der Center, der zumeist in Korbnähe agiert. Die Positionen Eins und Zwei bilden den Backcourt, Drei bis Fünf sind der Frontcourt.

BBL-Meister und MVPs seit 2000
Jahr Team MVP der Saison
2014 FC Bayern Malcolm Delaney (Bayern)
2013 Bamberg John Bryant (Ulm)
2012 Bamberg John Bryant (Ulm)
2011 Bamberg DaShaun Wood (Frankfurt)
2010 Bamberg Julius Jenkins (Berlin)
2009 Oldenburg Jason Gardner (Oldenburg)
2008 Berlin Julius Jenkins (Berlin)
2007 Bamberg Jerry Green (Ludwigsburg)
2006 Köln Jovo Stanojevic (Berlin)
2005 Bamberg Chuck Eidson (Gießen)
2004 Frankfurt Pascal Roller (Frankfurt)
2003 Berlin Jovo Stanojevic (Berlin)
2002 Berlin Wendell Alexis (Berlin)
2001 Berlin St. Hutchinson (Leverkusen)
2000 Berlin Wendell Alexis (Berlin)