Judo-WM für geistig Behinderte Viel mehr als Therapie

Als Therapiesport für Menschen mit Downsyndrom ist Judo schon lange anerkannt, nun fand in Köln die erste Weltmeisterschaft für Judoka mit Handicap statt - mit großem Erfolg für deutsche Athleten.

Philipp Awounou

Von Philipp Awounou, Köln


Die große Konstante in Victor Gdowczks Leben ist Judo. Mit acht Jahren stand er erstmals auf der Matte, 20 Jahre später gehört er zu den erfolgreichsten G-Judoka Deutschlands: Der 28-Jährige ist Europameister, achtfacher deutscher Meister, Gewinner der British Open, der Dutch Open und zahlreicher weiterer Wettbewerbe. Das G in "G-Judo" steht für gehandicapt, Victor Gdowzok hat das Downsyndrom.

Sein Vater Klaus Gdowczok ist Vorsitzender des inklusiven gemeinnützigen Vereins VG Project und eine der treibenden Kräfte hinter der Verwirklichung von Victors großem Traum: der ersten offiziellen Judo-Weltmeisterschaft für geistig behinderte Judoka, die am vergangenen Wochenende in Köln stattfand. Der Weg dorthin war weit.

Um sich in Form zu bringen, trainierte Viktor Gdowczok im Vorfeld des Turniers sechs Wochen lang täglich: eine Einheit am Vormittag, eine am Nachmittag. Samstag war Ruhetag, was bedeutete, dass er da nur einmal trainieren musste. Jeden Tag Bettruhe um 20 Uhr. Zwölf bis dreizehn Stunden Schlaf waren nach einem strapaziösen Trainingstag keine Seltenheit. Wer Weltmeister werden will, muss eben ausgeruht sein.

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G-Judo-WM: Höchstleistungen mit Handicap

Gdowczok senior eilte derweil von Meeting zu Meeting. Er und sein Team kämpften lange dafür, dass die G-Judo-WM überhaupt stattfinden konnte.

In Köln steht für Victor Gdowczok und weitere 104 WM-Teilnehmer aus 13 Nationen am ersten Turniertag das sogenannte "Divisioning" auf dem Programm: Unter der Aufsicht qualifizierter Coaches absolvieren die G-Judoka eine halbstündige Trainingseinheit, anhand derer sie in zwei Gruppen eingeteilt werden, je nach Beeinflussungsgrad ihrer Behinderung.

"Bei der Einteilung kommt es vor allem auf die Erfahrung der Coaches an. Sie müssen die Konkurrenzfähigkeit der Athleten treffend einschätzen", sagt Ben Spijkers, der das Divisioning leitet. Der ehemalige Weltklasse-Judoka - er gewann 1988 Olympia-Bronze - gibt den locker trabenden G-Judoka Anweisungen: auf den Bauch legen, weiterlaufen. Auf den Rücken legen, weiterlaufen. Bewegung einfrieren, weiterlaufen. Gdowczok, der Schwierigkeiten hat, sich klar zu artikulieren, wird auf Level 2 eingestuft, der vergleichsweise schwächeren Leistungsklasse. Zusätzlich werden die Athleten in die im Judo üblichen Gewichtsklassen aufgeteilt.

G-Judo hilft, die Alltagsmotorik zu verbessern

Einige Athleten haben Schwierigkeiten mit alltäglichen Dingen wie dem Zubinden der Schuhe oder dem Anlegen ihres Judo-Gurts, wenden in den Kämpfen aber komplexe Wurftechniken an. Der Belgier Kristof Meeus etwa muss bis zum Startpunkt des Kampfes dirigiert werden. Als der Kampfrichter "Hajime" ruft und den Wettstreit eröffnet, merkt man davon nichts mehr, Meeus gewinnt und wird später Vizeweltmeister.

"Mit G-Judo erreichen wir Menschen, die vom Schicksal härter getroffen wurden als die meisten von uns. Es ist toll zu sehen, wie der Sport ihnen hilft, ihre Selbstständigkeit und Alltagsmotorik zu verbessern", sagt der Pädagoge Wolfgang Janko, Leiter des Referats für G-Judo im Deutschen Behindertensportverband.

Auch Victor Gdowczok betrieb G-Judo zunächst aus therapeutischen Zwecken, um seinen Alltag besser bewältigen zu können. Mittlerweile ist er der weltweit einzige Judoka mit Downsyndrom, der einen Meistergrad, den 1. Dan, erwerben konnte. In seinem ersten Kampf benötigt der Kölner keine zehn Sekunden, um seinen kroatischen Gegner erstmals auf den Rücken zu befördern. "Waza-ari", einen Teilpunkt, bekommt er dafür.

Wenige Augenblicke später fixiert er Kopf und Schulter seines Kontrahenten so fest unter seinem wuchtigen Körper, dass dieser aufgibt. Jubel in der Halle, Sieg für Lokalmatador Gdowczok nach nicht einmal einer Minute.

Deutschland ist Vorreiter

Professor Tomoo Hanana und Sportlehrer Shunici Saito gefällt, was sie sehen. Sie sitzen in Anzügen am Mattenrand und machen sich Notizen. Hanana, Träger des 7. Dan und damit Judo-Großmeister, wurde gemeinsam mit Saito, der deutsch spricht und dolmetscht, vom japanischen Judoverband nach Köln geschickt, um das Turnier zu verfolgen. "Wir sind zwar das Geburtsland des Judo, aber G-Judo steckt bei uns noch in den Anfängen. Wir sind hier, um von Deutschland zu lernen."

G-Judo wird bislang hauptsächlich in Europa betrieben, insbesondere in Deutschland und den Niederlanden. Die Vorreiterrolle der Bundesrepublik spiegelt sich auch in der Erfolgsausbeute wieder: 30 von insgesamt 72 Medaillen gewinnen die deutschen G-Judoka am Ende, mehr als jede andere Nation.

Victor Gdowzcok geht allerdings leer aus. Nach seinem gelungenen Einstand verliert er zwei seiner drei Anschlusskämpfe knapp und verpasst das Halbfinale. In seiner Startklasse setzt sich João Ferreira aus Brasilien durch, der einzige Nichteuropäer des Turniers. Gdowczok nimmt sein Abschneiden gelassen, denn er ist sich sicher: "Die nächste WM wird kommen."

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