Extremlauf Braveheart-Battle Einmal durch die Hölle, bitte!

50 Hindernisse auf 26 Kilometern, dazu eiskaltes Wasser, Stromschläge und zum Abschluss der "Todeshügel": Beim Braveheart-Battle gehen die Läufer weit über die eigenen Grenzen hinaus und leiden wie selten zuvor in ihrem Leben. Ein Selbstversuch durch die Läuferhölle.

Von Ibrahim Naber, Münnerstadt


Angst. Selbstzweifel. Panik. Eine furchtbare Kombination dieser drei Dinge dominiert meine Gedankengänge, als ich im Pulk der 3000 Läufer stehe. Packe ich das? Auf was lasse ich mich überhaupt ein? Es ist diese große Ungewissheit, die einen schier verrückt macht. Ein kollektives Niederknien reißt mich abrupt aus meinen Gedanken. Andächtige Stille. Organisator Joachim von Hippel ruft mit dem Braveheart-Gebet die Grundtugenden des Laufes in Erinnerung - Tapferkeit und Mut. Die Läufer strecken ihre Fäuste gen Himmel und johlen. Dann ist es so weit, es geht los in die Läuferhölle. 26 Kilometer, 50 Hindernisse und rund 2400 Höhenmeter müssen beim Braveheart-Battle im bayerischen Münnerstadt überwunden werden.

Die Hölle entpuppt sich trotz einer Außentemperatur von nur vier Grad zunächst als vergleichsweise harmlos. Kleine Wände und Barrikaden sind zu erklimmen, die ersten kleinen Gewässer zu überqueren. Alles läuft nach Plan. Bis das erste große Hindernis auf mich wartet - der "Hangman".

Über ein acht Meter langes Metallgerüst soll ich mich wie ein Affe über die ein Grad kalte Lauer hangeln. Verdammt, ist das glitschig. Mein Hangel-Versuch scheitert kläglich. Ich falle hinab ins eiskalte Wasser und erstarre. Alles in mir zieht sich zusammen. Ich ringe nach Luft und werde von einem Läufer aus dem Wasser gezogen. Neben mir übergibt sich derweil ein Anderer. Noch 23 Kilometer und rund 45 Hindernisse liegen vor mir. Warum habe ich eigentlich 59 Euro dafür bezahlt, nur um jetzt schon zu leiden wie selten zuvor in meinem Leben?

Ausruhen wird per Stromschlag bestraft

Es geht bergauf. Und wie. Mehrere metertiefe Matschgruben gilt es hintereinander zu bewältigen. Es ist ein Desaster. Ich finde keinen Halt im glitschigen Schlamm. Doch dann erfahre ich erstmals, was den Geist dieses Laufs ausmacht. In jeder Grube ziehen mich andere Läufer den steilen Matschhang hinauf oder weisen mir den besten Weg. Ich bin beeindruckt. Es hilft hier tatsächlich ein jeder dem anderen. Bestzeiten? Erfolge? Zweitrangig. Das Gemeinschaftsgefühl zählt.

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Extremlauf Braveheart Battle: Hauptsache Leiden

Die Strecke kennt dagegen weniger Gnade. Nach den Matschgruben geht es gleich fünfmal serpentinenartig für jeweils 400 Meter die Wälder hoch und runter. Rund 30 Prozent Steigung durchschnittlich, es ist das L'Alpe d'Huez des Braveheart-Battles. Ich kraxele hinter Hunderten anderen Läufern die Wälder hoch und renne beim Abstieg jedes Mal über Wurzeln und gegen mehrere Bäume, da bremsen fast unmöglich ist. Ich sehne mich nach einer Trainingseinheit von Felix Magath - die käme im Vergleich wohl einer Entspannungskur gleich.

Zum Abschluss der Tortur kommt der "Todeshügel"

Ich merke schnell, wie viel Kraft die Anstiege gekostet haben. Als ich bei Kilometer zwölf durch Matschgruben robbe und mich kurz aufrichten will, werde ich sofort durch Stromstöße bestraft. Ich hatte vergessen, dass ein Elektrozaun über mir ist.

Kurze Zeit später erreiche ich "Loch Ness", den legendären Schlammsee, das Hindernis aller Hindernisse. 60 Meter durch das eiskalte Wasser, in dem man unter Kanus durchtauchen muss. Ich tauche unter und spüre sofort, wie mein Puls hochschnellt. Von allen Seiten Stöhnen, Prusten, Schreie des Leidens. Ich schreie mit. Kurz habe ich das Gefühl, bewusstlos zu werden. Panikattacken überkommen mich. Doch ich schaffe es ans andere Ufer, wo mehrere Läufer bereits von Sanitätern behandelt werden. Insgesamt 55 Einsätze hat der Rettungsdienst am ganzen Tag. Knochenbrüche, Platzwunden, Kopfverletzungen und Verkühlungen sind der Grund.

Mein Akku ist im roten Bereich. Die ersten Male haben sich meine Oberschenkel bereits verkrampft. Ein Glück, dass es nun lange geradeaus über Felder und Wiesen geht. Doch selbst das ist schon eine Qual. Als ich an einem Bahngleis zwei Männer sehe, die Bier trinken und Gummibären essen, fange ich an zu träumen. Ich schaue in die Gesichter meiner Mitläufer. Nichts geht mehr. Auch bei ihnen.

Durch Dickicht und Dornbüsche wanke ich dem Ziel entgegen. Krämpfe und kleine Schnittwunden machen die letzten Meter zur Tortur. Ich fühle mich so schwach wie niemals zuvor. Ich möchte nur noch ins Warme, etwas essen und trinken. Dann der letzte Berg, "Killing Hill", mit 45 Grad Steigung. Es muss ein extrem armseliger Anblick sein. Meine Beine klappen immer wieder vor Erschöpfung zusammen, ich ziehe mich an Wurzeln irgendwie den Hang hoch. Die letzte Runde durchs Stadion ins Ziel verläuft wie in Trance. Ich nehme kaum mehr etwas wahr. Außer, dass ich tatsächlich angekommen bin.



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insgesamt 56 Beiträge
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Seite 1
murx1206 10.03.2013
1. Brothers in Arms
Ich war auch dabei und kenne die Leiden. Ja, es war wirklich hart, hat aber auch sehr viel Spaß gemacht, weil sich fast alle einander geholfen haben. Kritisch sehe ich nur die Start Organisation (die letzte Gruppe musste 1h Stunde warten, was absolut schlecht ist. Für den Rest der Veranstaltung - Daumen hoch
gsa 10.03.2013
2. Wie kann man nur so bekloppt sein?
Wenn man das cool findet, OK. Aber warum dann klagen? Wénn man bange ist, dann braucht man nicht mitmachen. Wenn man die Herausforderung sucht (NEUDEUTSCH für challenge) ist das auch OK , aber lasst uns Leser bitte damit in Ruhe. Unwichtig, nicht unterhaltsam. Weg damit.
cosmicspirit 10.03.2013
3. Wer's nötig hat, hat's nötig...
Unsere Großväter/mütter kannten noch das Unbequeme im Alltag, wo man/frau Härte zeigen musste. Heutzutage muss das offenbar als Spielerei ersetzt werden. Diese Herren und Damen sollten immer mit dem Rad zur Arbeit oder zum Einkauf, dann hätte das Unbequeme wenigstens einen Sinn. Aber da wird's wohl meistens per "Pesrkutsche" sein, denn da schaut keiner zu.
Spottvogel 10.03.2013
4. Wie kann man nur so bekloppt sein - die Zweite... ;-)
Man braucht nicht mitZUmachen: Wer brauchen ohne zu gebraucht, braucht brauchen gar nicht zu gebrauchen. Bitte erst selber alles richtig machen und dann für andere entscheiden wollen, was diesen zu gefallen hat. ICH fand den Artikel gut!
comanchedriver 10.03.2013
5. Ruhe sanft!
Es ist soo schön, wenn der Schmerz vergeht!
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