Armstrong-Darsteller Foster "Es hatte etwas Brutales"

Ben Foster hatte keine Ahnung vom Radsport, und plötzlich sollte er einen der umstrittensten Profis spielen: Lance Armstrong. Hier erklärt der Schauspieler, warum er sich dafür sogar dopte.

Ein Interview von


Zur Person
  • Studiocanal/ Dean Rogers
    Benjamin Foster, 34, spielt in dem Kinofilm "The Program - Um jeden Preis" den ehemaligen Radprofi, Tour-de-France-Sieger und Doper Lance Armstrong. Der Film läuft am 8. Oktober in Deutschland an.
SPIEGEL ONLINE: Mr. Foster, was wussten Sie über Lance Armstrong, bevor Sie zu Lance Armstrong wurden?

Foster: Nicht viel. Ich hatte den Radsport nie verfolgt. Ich wusste, dass er ein amerikanischer Held war und viel Geld für die Krebsforschung eingesammelt hatte. Ich bin ziemlich ahnungslos auf die Figur zugegangen. Ohne Vorurteile. Das hat den Job spannender gemacht. Ich musste sehr viel über ihn und die Welt des Radsports lernen.

SPIEGEL ONLINE: Wie schauen Sie heute auf Armstrong und seinen Fall?

Foster: Es ist einfach, jemanden zu hassen, der ein Lügner und Betrüger ist. Wir hassen ihn dafür, dass er eine so große Schweinerei begangen hat und nicht mal dann aufrichtig mit der Sache umgegangen ist, nachdem er erwischt worden war. Außerdem hat er nicht so offen Abbitte geleistet, wie man es von einem guten Amerikaner erwartet. Aber je genauer man sich Armstrongs Geschichte anschaut und sie zu verstehen versucht, desto komplizierter erscheint sie. Jeder, der sich Fragen zu dem Fall stellt, wird merken, dass es keine klare Grenze zwischen Gut und Böse gibt.

Studiocanal
SPIEGEL ONLINE: Was soll denn gut an Armstrong gewesen sein?

Foster: Er war ein Tyrann, aber er beschützte ein Imperium, das Leben rettete: seine Krebsstiftung. Der Mann hinter dem Auftritt ist für mich viel interessanter als der Auftritt an sich. In der Vorbereitung auf die Dreharbeiten war es mir wichtig, dass ich ein Gefühl, eine Empathie für einen Mann bekomme, der von der Öffentlichkeit nicht gerade gemocht wird.

SPIEGEL ONLINE: Und das haben Sie geschafft, indem Sie sich vor Augen hielten, dass er trotz allem eine gute Seite besaß?

Foster: Ja. Jemand, der andere Menschen dazu bringt, insgesamt etwa eine halbe Milliarde Dollar zu spenden, ist nicht nur böse. Außerdem log er nicht als Einziger. Alle taten es. Jeder Rennfahrer, den man damals fragte, sagte: "Nein, ich habe nie gedopt!" Alle spielten sie ihre Rolle in dem Theater. Und Armstrong war eine Kreation von uns allen, wir haben ihn erst so riesengroß werden lassen. Wir wollten daran glauben, dass er den Tod besiegt hatte und nun andere rettete. Das sagt auch viel über uns und unsere übersteigerten Erwartungen aus. Ich hoffe, dass der Film eine Diskussion darüber eröffnet.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie an die Figur Armstrong herangegangen?

Foster: Ich hatte nur sechs Wochen Zeit. Aber es gibt sehr viel Videomaterial, um sich ein Bild über ihn zu machen. Ich habe Bücher gelesen und mit Leuten gesprochen, die ihn gut kennen, mit Menschen, die mit ihm zusammengearbeitet hatten.

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"The Program": Tour de Lance
SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie dabei gelernt?

Foster: Der Radsport ist detailversessen, zum Beispiel, wenn es um die Übersetzungen der Gänge geht. Wir hätten in dem Film viel falsch machen können. Es war deshalb wichtig, dass wir uns mit Leuten umgaben, die diese Welt in- und auswendig kennen und die bei der Tour de France als Mechaniker oder Ernährungsberater mitgemacht hatten. Wir haben sogar Computerdaten über Armstrongs Sitzposition aufgetrieben und mich an diese Position angepasst, damit ich so ähnlich wie er im Sattel saß.

SPIEGEL ONLINE: Warum war das so wichtig?

Foster: Sein Stil war sehr auffällig. Sein Rücken war wie ein Buckel, so tief beugte er sich herunter. Er besaß eine entenartige Art, in die Pedale zu treten. Er tanzte nicht, wenn er die Berge hochfuhr, sondern kämpfte mit dem Rad. Es hatte etwas Brutales.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben unlängst gesagt, Sie hätten zu Dopingmitteln gegriffen, um sich besser auf die Rolle vorzubereiten. Was hat das gebracht?

Foster: Ich habe es unter strenger ärztlicher Aufsicht gemacht. Mich hat es persönlich interessiert, zu verstehen, was Doping mit einem anstellt. Weshalb es die Leute machen.

SPIEGEL ONLINE: Und?

Foster: Ich habe ein besseres Gefühl dafür bekommen, worum es sich dreht. Doping funktioniert. Es formt deinen Körper, du kannst länger durchhalten, erholst dich schnell, hast mehr Energie.

SPIEGEL ONLINE: Armstrong nahm viele verschiedene Dopingmittel. Welche nahmen Sie?

Foster: Ich habe vor einiger Zeit entschieden, darüber nicht im Detail zu sprechen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie von vornherein bestimmte Mittel ausgeschlossen?

Foster: Natürlich. Schließlich experimentierst du mit Chemie in deinem Körper. Deswegen war es so wichtig, regelmäßig meine Werte von Ärzten überwachen zu lassen. Ich wollte sicherstellen, dass mein Körper nicht aus der Balance gerät. Vor allem ist es gefährlich, wenn du von dem Zeug wieder loskommen willst. Unglücklicherweise muss man andere Medikamente nehmen, um wieder normale Werte zu erreichen. Beim Blutzuckerspiegel zum Beispiel. Es war ein kalkuliertes Risiko.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie jetzt wieder sauber?

Foster: Ja, aber es hat eine Weile gedauert. Und es ist nichts, was ich anderen Schauspielern unbedingt empfehle. Es ist nichts für jeden.

The Program - Um jeden Preis

    UK/F 2015

    Originaltitel: The Program

    Regie: Stephen Frears

    Drehbuch: John Hodge

    Darsteller: Ben Foster, Chris O'Dowd, Jesse Plemons, Lee Pace, Guillaume Canet

    Produktion: Working Title, Studio Canal

    Verleih: Studio Canal

    Länge: 103 Minuten

    Start: 8. Oktober 2015



insgesamt 3 Beiträge
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suhlerin 09.10.2015
1. Einem der größten Betrüger
der Sportgeschichte wird auch noch ein Film gewidmet. Na bravo. Super Vorbild.
dont_think 09.10.2015
2.
Jaja. Betrüger wird man doch erst dann. wenn es etwas zu betrügen gibt. Ich schaue mir weiterhin die TdF an - weil ich selbst Radsport betrieben habe und sehen möchte, wie Sportler an ihre Leistungsgrenze gehen. Mit oder ohne.
taglöhner 10.10.2015
3.
Auch wenn ich sehr sauer auf Armstrong bin: Die Leidensfähigkeit der Fahrer und die beispiellose Härte dieses Sports machen für mich jeden zum Helden, der eine Tour de France auch nur durchsteht.
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