Golf Was macht eigentlich Bernhard Langer?

Bernhard Langer steht seit 40 Jahren für den Golfsport in Deutschland, ans Aufhören denkt er nicht. Inzwischen ist er 60 - und bricht weiter Rekorde.

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Die Recherche-Serie
Über viele Nachrichten und Menschen wird eine Zeit lang sehr ausführlich berichtet - dann verschwinden sie wieder aus den Schlagzeilen. Wie entwickeln sich die Themen weiter, was wurde aus den Personen? Das erklären wir in dieser Serie.
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Der 27. August 2018 ist ein Montag. Bernhard Langer feiert an diesem Tag seinen 61. Geburtstag. Die Chancen stehen gut, dass der Golfer die Schläger dann vielleicht doch mal in der Ecke stehen lassen kann. Turniere auf der lukrativen Champions Tour in den USA gehen in der Regel von Donnerstag bis Sonntag. Den Mittwoch und oft auch schon den Dienstag nutzt Langer für die Vorbereitung, auch wenn er die meisten Turnierkurse schon Dutzende Male gespielt hat. Den Montag aber hält sich Langer, den selbst andere Legenden eine "Golf-Maschine" nennen, frei. Immerhin.

Profisportler, die den 30. Geburtstag hinter sich haben, werden seltener. Und den 40. Geburtstag erleben nahezu alle Athleten im leistungssportlichen Ruhestand. Im Golfsport ist die Halbwertszeit eines Profilebens etwas verlängert. Langer nennt Golf "die schwierigste Sportart, die ich kenne". Heißt: Routine hilft. Die Bewegung ist ebenso technisch wie kraftvoll, der Kopf, der mit dem Alter an Erfahrung gewinnt, entscheidet mehr als ein dicker Bizeps und eine beeindruckende Marathon-Zeit.

Dennoch ist auch für Golfer irgendwann Schluss. Der legendäre Jack Nicklaus gewann sein letztes Major mit 46. Das war damals eine Sensation. Tiger Woods kämpft seit Jahren mit Wehwehchen. Er ist 42. Sein bislang letztes Major gewann er mit 32. Langer spielte zuletzt 2016 um den Sieg beim Masters, dem ersten Major des Jahres, mit. Er war damals 58.

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Bernhard Langer: Die "Golf-Maschine" denkt nicht an den Ruhestand

So langsam hat er das Alter eines nichtsportlichen Ruheständlers erreicht. Das Wettkämpfen will Langer dennoch nicht sein lassen. In der vergangenen Saison feierte er beeindruckende sieben Turniersiege und führte zum achten Mal in neun Jahren die Geldrangliste auf der Champions Tour, der Tour der Golfer über 50, an. "Ich denke nicht, dass meine Motivation je schwinden wird", sagt er. Vom Fußballplatz mussten sie ihn schon wegzerren - die Verletzungsgefahr. Der Traum vom Helikopter-Skiing lebt aber.

"Mein Kopf denkt immer noch, er wäre in einem 20-, 30-jährigen Körper. Ich bin sehr wettbewerbsorientiert, in allem, was ich tue", sagt er. Wenn er mit 60 noch Turniergolf spielt, dann richtig. Und so erfolgreich, dass ihm die US PGA Tour, die die Champions Tour veranstaltet, den Titel "Benjamin Button" verpasst hat: "In einer Zeit, in der seine Kollegen alle kürzere Bälle schlagen, dafür um die Hüfte etwas fülliger werden, scheint er immer besser zu werden."

Die Gegner wissen den Rotwein nach der Runde zu schätzen, die dicke Zigarre und das ausgiebige Essen. Langer schloss sich schon früher nach getaner Arbeit im Hotelzimmer ein und machte seine Fitnessübungen, er verzichtet fast gänzlich auf Alkohol und achtet abgesehen von seiner Vorliebe für Desserts sehr auf die Ernährung.

Langer steht für Golf wie Becker und Graf für Tennis - zusammen

Aus dieser Hingabe erwuchs eine Dominanz, die im Golf auch in den besten Zeiten eines Tiger Woods nicht so ausgeprägt war. Langer selbst sagt, er hätte nie besseres Golf gespielt als zuletzt. Nicht, als er die erste Nummer eins der Welt war, 1986. Nicht, als er zweimal das Masters gewann, 1985 und 1993. Wer Bilder von damals sieht und sie mit denen von heute vergleicht, merkt, dass manch anderer in fünf Jahren mehr altert als der immer gut gebräunte Schwabe mit den leichten Wellen im blonden Haar, der nicht nur im Ausland für Golfsport in Deutschland steht, so wie Boris Becker und Steffi Graf für Tennis stehen - nur eben zusammen. 1985 spielten 67.332 Deutsche auf 179 bespielbaren Plätzen Golf. Heute sind es mehr als zehnmal so viele, auf mehr als 700 Anlagen.

Schon 2001 wurde er in die Hall of Fame des Golfsports berufen - für viele das Ende, für Langer einer von vielen Anfängen. 2018 geht er in sein 43. Jahr als Profi.

Langer mit Boris Becker (Mitte) und Franz Beckenbauer
imago/ Sammy Minkoff

Langer mit Boris Becker (Mitte) und Franz Beckenbauer

"Winning never gets old, Siegen wird nie langweilig", sagt Langer, der seit Jahrzehnten in Boca Raton, Florida, lebt. Auch die vier Kinder, die er gemeinsam mit seiner US-amerikanischen Ehefrau Vikki aufzog, bekommen das zu spüren. "Er hat uns nie gewinnen lassen", verriet Tochter Christina einmal im Golf Channel.

Es sei denn, Papa tritt mit dem Nachwuchs im Team an. Als er mit seinem Sohn Stefan einst ein Vater-Sohn-Turnier gewann und der sich von dem Preisgeld ein teures Auto kaufen wollte, gab es jedoch gleich ein Veto: "Das wäre viel zu einfach gewesen. Luxusartikel muss man sich erarbeiten", sagte Langer damals. Seine Mutter behielt auch dann ihren Job als Kellnerin, als der Sohn zum Top-Verdiener wurde.

Langer nennt die Bibel "seine Gebrauchsanweisung für das Leben". Werte sind Langer wichtig. "Wie ich Leuten begegne, wie ich auf die Welt und die Politik schaue, mein Glaube beeinflusst alles." Schon früh gründete er einen Bibelkreis auf der Tour. Es gibt ihn bis heute, auch viele junge Stars schauen dort vorbei.

"Die perfekte Runde ist immer das Ziel"

Der Guardian sieht in Langer "eine Oase des kühlen Bestrebens im Sportzeitalter von Hype und Hysterie". Als er vor einem Jahr von US-Präsident Donald Trump in eine Tirade gegen illegale Wähler hineingezogen wurden, suchte Langer schnell den Weg zurück in den medialen Schatten.

In Ruhe lässt es sich besser an der Perfektion arbeiten. Vor wenigen Wochen verriet ein US-Reporter Details einer Begegnung mit Langer. Der Golfer war acht Minuten zu spät zum Interview gekommen und darüber sehr unglücklich gewesen, Langer hasst Unpünktlichkeit, vor allem die eigene. Er müsse sich entschuldigen, sagte Langer. Er habe Schläger getestet mit einem Analyse-System und darüber die Zeit vergessen.

Was wurde eigentlich aus...
    Außerdem in dieser Serie erschienen: Nokia, Hamburgs Ex-Bürgermeister Ole von Beust, Talkshowmoderatorin Arabella Kiesbauer, Ehec, Steinkohlebergbau, Radstar Jan Ullrich, Ägyptens Ex-Diktator Hosni Mubarak, Aids, Deutschlandstipendium, Transrapid, Dioxin, Prokon, Chatportal Knuddels, "Costa Concordia" und viele mehr.
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Auch im 43. Profijahr schlägt die Suche nach Perfektion sogar manche Wertvorstellung. "Die perfekte Runde ist immer das Ziel", sagt er. Und: "Es geht immer ein bisschen besser, überall, natürlich. Und wenn Bernhard Langer einen halben Schlag pro Runde sparen kann, dann sind das zwei Schläge pro Turnier."

Es gibt sie zuhauf, die Geschichten über die Detailversessenheit des Maurersohns Langer und die Ursprünge seines nachhaltigen Erfolgs. Einmal soll er auf einer Runde seinen Caddie gefragt haben, wie weit es von einem kleinen Sprinkler-Kopf im Boden, in dessen Nähe der Ball lag, bis zum Loch sei. Der Gefragte rechnete und antwortete dann: "176 Yards." Langer hakte nach: "Von der vorderen Seite des Sprinklers oder der hinteren?"

Kritik am umstrittenen Puttstil lässt Langer kalt

Langer war einst Mitglied der europäischen "Big Five", die in den 1980ern die Vormachtstellung der US-Golfer brachen. Der Engländer Nick Faldo, der Spanier Seve Ballesteros, der Schotte Sandy Lyle, der Waliser Ian Woosnam und Langer wurden zwischen April 1957 und März 1958 geboren, sie gewannen Majors, führten die Weltrangliste an. Jedoch nur einer von ihnen gewinnt immer noch Turniere.

Langer mit Ursula von der Leyen (links)
imago/ Sven Simon

Langer mit Ursula von der Leyen (links)

Weil er auch dann nicht aufgab, als ihn mehrfach das von Golfern gefürchtete nervöse Zucken beim Putten heimsuchte. Viermal kämpfte Langer mit dem sogenannten Yips. Die Erinnerung an die mitunter sportlich tragischen Folgen nennt er im Gespräch mit der Global Golf Post "niederschmetternd". Negativer Höhepunkt war ein verpasster kurzer Putt im Ryder Cup 1991, der den USA den Sieg über Europa bescherte.

Langer fand die Lösung in einem verlängerten Putter, dem Schläger für die Putts. Als dieser Puttstil 2016 verboten wurde, entwickelte Langer seinen eigenen, nicht unumstrittenen Putt-Stil. Manch Beobachter kritisiert einen möglichen Regelverstoß. Langer, der beste Putter der Senioren-Tour, sagt: "Neid ist menschlich."

Langer ist inzwischen bei weit mehr als hundert Profi-Titeln angekommen. Natürlich muss er schon lange niemandem mehr etwas beweisen. Doch darum ging es Langer nie. Der Weg ist sein Ziel. Und der Weg ist ein langer. "Ich habe noch einige Jahre in mir", sagt er. Und: "Ich bin ein ganz normaler Mann, der glücklich ist, dass er mit einem Spiel sein Leben bestreiten kann."

Ein Spiel, das er allerdings sehr ernst nimmt.



insgesamt 2 Beiträge
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janfred 22.01.2018
1. Durch und durch ein Vorbild
Ich habe ihn auf dem Golfplatz von Bad Ems mal erlebt, als ich als Jugendlicher Caddy war und er am Anfang seiner Profikarriere. Im Gegensatz zu anderen Spielern hat er auch nie die übertriebene Arroganz gezeigt, wie ich es bei vielen anderen Spielern damals erlebt habe. Damals war Golf eigentlich noch wirklich elitär. Langer kommt ja auch aus normalen Verhältnissen. Der Vater war, soviel ich weiss Maurer. Ein Golffan wird auch weiterhin interessiert alle Tuniere verfolgt haben, an denen Langer die letzten Jahre teilgenommen hat. Es gibt nur eine Sache an Langers Golfstil zu bemängeln, jedenfalls von nicht wenigen Mitspielern; Er spielt ein sehr langsames, überlegtes Golf und braucht deshalb bei jedem schlag etwas länger. Ich glaube John Daly hat es mal so gesagt. "Wenn ich mit Langer auf die Runde muss, nehme ich mir einen Rasierapparat mit."
michaellesch1956 22.01.2018
2. Martin
Endlich wird ein deutscher Sportler der weltweit das größte Ansehen genießt von einer deutschen Zeitung gewürdigt! Oh tempora oh mores !Das h war ein bisschen Ironie! Ich bin Bernhard Langer in manchen Momenten begegnet Herr Langer ist ein Gentleman von Scheitel bis zur Sohle .Er ist ein Mann der Deutschland weltweit noch Ehre macht! Mit nachdenklichen Grüßen!
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