Bilanz der Tour auf Korsika: Fehlerfaktor Mensch

Von Korsika berichtet

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AP/dpa

Radprofi Kittel: Die Durchsagen nicht verstanden - und gewonnen

Der Ausflug nach Korsika wird einen festen Platz in den Chroniken der Tour de France finden. Dafür sorgten Tiere auf der Strecke, feststeckende Busse im Ziel - und ein Deutscher, der 47 Jahre nach Rudi Altig zum Auftakt erstmals wieder ins Gelbe Trikot fuhr.

Die Insel Korsika ist anders als das französische Festland, das merkt man schon an den Städtenamen: Porto-Vecchio klingt nicht nur italienisch. In der südlichen Hafenstadt der Insel sprechen die Einwohner auch einen Dialekt, der nah an dem der sardischen Nachbarn ist. In der Inselhauptstadt Bastia im Norden hingegen gibt es zwei Jahrhunderte nach der Übergabe Korsikas an Frankreich noch immer Menschen, die sich zur früheren Schutzmacht Genua hingezogen fühlen.

Daher ließ die Unabhängigkeitsbewegung "Corsica Libera" zum Start der 100. Tour de France erklären, dass die Rundfahrt im "Ausland" stattfinde und somit in einer Reihe mit London, Lüttich und Rotterdam stehe. Franzosen vom Festland quittieren solche Schmähungen meist mit Schweigen und irritiertem Kopfschütteln.

Ausland hin oder her, das Peloton rollte über Korsika, wo die Regionalregierung immerhin zehn Millionen Euro in den Ausbau der Straßen investiert hatte. Dass es auf der Insel dennoch zu Problemen kam, lag am Fehlerfaktor Mensch.

Auf der zweiten Etappe etwa ließ ein Zuschauer seinen Hund auf die Strecke laufen. Aufgeschreckt vom kollektiven Sirren von knapp 200 Rennrädern, die in schneller Fahrt nahten, rannte das arme Tier erst nach links, dann nach rechts, dann wieder nach links. Als sein Besitzer hinzueilte, war das Peloton schon da. Im letzten Moment warf Herrchen sich nach rechts aus der Schussbahn, das Hündchen ging zur anderen Seite ab.

Buspanne löste Chaos im Peleton aus

Der Tag davor verlief nicht so glimpflich. Der Teambus von Orica war im Zieltor stecken geblieben. "Man hat mir gesagt, dass ich fahren soll. Da bin ich dann durchs Ziel gefahren und plötzlich kam ich nicht mehr weiter", beschrieb der Busfahrer Garikoitz Atxa die Situation. Die Organisatoren hatten das Tor schon abgesenkt.

Weil der Bus sich nicht mehr bewegte, verlegte die Rennleitung das Ziel kurzerhand drei Kilometer nach vorn. Als der Bus - durch Ablassen der Luft in den Reifen - dann doch noch aus der Sprintzone schlich, wurde alles wieder aufs ursprüngliche Ziel rückverlegt. Das wiederum löste Chaos im Peloton aus. Jeder Fahrer hatte einen anderen Stand.

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Panne bei Tour de France: Ein größeres Tor würde dem Bus gut tun
"Manche Fahrer haben den Sprint für die neue Marke vorbereitet, andere für das reguläre Ziel", sagte Omega-Sportdirektor Rolf Aldag. Auf minus drei Kilometer war etwa André Greipel gepolt. Im Vorwärtsstürmen kollidierte er mit Tony Martin, der vom ursprünglichen Zieleinlauf ausging. Martin stürzte und "verlor viel Pelle", wie Martins Mentor Aldag die zahlreichen Wunden beschrieb. Greipel ging der Kettenheber verloren, weshalb für ihn der Sprint ausfiel.

Dem Team um die deutschen Sprinter Marcel Kittel und John Degenkolb half sprachliche Inkompetenz. Keiner in der Truppe hatte die Durchsagen auf französisch verstanden, ungerührt wurde der vereinbarte Plan durchgezogen. Ergebnis: Sieg und Gelb für Kittel. Bis zu Rudi Altig ins Jahr 1966 muss man in den Tour-Chroniken zurückblicken, um einen deutschen Auftakterfolg zu finden.

Greipel hingegen, der selbst gern in Altigs Fußstapfen getreten wäre, meinte nach verpasstem Gelb auf der ersten Etappe und fehlender Kraft auf den folgenden Abschnitten durchs hüglige Inselinnere nur: "Ich bin froh, wenn wir diese Insel verlassen". Nicht einmal zum Urlaub werde man ihn hier wieder sehen, versicherte er.

Das freilich ist nicht der Effekt, den diese Tour der Inselökonomie geben sollte. Mit 100 Millionen Euro Einnahmen für das Hotel- und Gaststättengewerbe und neuen Urlaubsinteressierten rechnen die Regionalpolitiker. Ein beträchtlicher Teil der aktuellen Einnahmen landet dem Filmemacher Maga Ettori zufolge in den Taschen der korsischen Mafia. "Sie ist in den Branchen, in denen hier viel Geld zu machen ist, fest verankert", sagt der Regisseur, der gerade mit "Le Dernier Clan" einen Spielfilm über die korsische Mafia fertigstellt.

Wichtigster Wirtschaftszweig der Insel sind Hotel- und Gaststättengewerbe. Laut Ettori sorgte die Mafia auch dafür, dass angekündigte Streiks der Mitarbeiter der Fährgesellschaften ausblieben. Die Ruhe dient dem Geschäft.

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insgesamt 5 Beiträge
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1. Ja ja Tom...
BettyB. 02.07.2013
Und all die anderen Rennen haben eben auch ihren festen Platz...
2. Didi Thurau
wanniii 02.07.2013
Spiegel schreibt: "Bis zu Rudi Altig ins Jahr 1966 muss man in den Tour-Chroniken zurückblicken, um einen deutschen Auftakterfolg zu finden". Dietrich (oder Didi) Thurau gewann am 30.06.1977 den Prolog der Tour de France, trug als Deutscher das Gelbe 15 Tage lang!
3.
Werner655 02.07.2013
Wer will eigentlich noch von der Doping-Veranstaltung wissen? Froschschenkel sind von der Speisekarte ja auch gestrichen!
4. Überflüssig
mrmink 02.07.2013
Die Tour der uneinsichtigen und pharmazeutisch angetriebenen Drahtesel. Wann wird dieses unnötige und unnütze "Spektakel" denn endlich eingestellt. Und Korsika ist eine traumhaft schöne Insel. Jeder der schonmal dort Urlaub gemacht hat wird dies bestätigen.
5.
Ragnarrök 02.07.2013
Zitat von sysopAP/dpaDer Ausflug nach Korsika wird einen festen Platz in den Chroniken der Tour de France finden. Dafür sorgten Tiere auf der Strecke, feststeckende Busse im Ziel - und ein Deutscher, der 47 Jahre nach Rudi Altig zum Auftakt erstmals wieder ins Gelbe Trikot fuhr. http://www.spiegel.de/sport/sonst/bilanz-der-tour-de-france-auf-korsika-a-908878.html
Rätselhaft. Ich hatte bisher angenommen ich kenne mich mit der (recht einfachen) Radtechnik aus. Aber Kettenheber? Kenne ich nicht. Reifenheber - ja. Vermutlich ist der Umwerfer (vorne) gemeint, vllt. auch noch das Schaltwerk (hinten). Oder noch wahrscheinlicher im "fiel" die Kette vom Kettenblatt. Das kommt mal vor beim hektischem Schalten wenn der Umwerfer nicht 100%tig eingestellt ist. Dann die Kette beim fahren wieder drauf zu bekommen klappt meist -wenn sie nicht verklemmt ist- aber man verliert, weil antriebslos, etliche Meter. Eher gut über 100/200-300 und man muss neu beschleunigen. Beim sprintenden Feld hat man als Einzelfahrer keine Chance mehr. MfG.
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Jacques Anquetil Frankreich 5 1957-1964
Greg LeMond USA 3 1986-1990
Louison Bobet Frankreich 3 1953-1955
Philippe Thys Belgien 3 1913-1920
*alle Titel wegen Dopings aberkannt