Football-Talent Björn Werner: Superheld made in Germany

Von Heiko Oldörp

Björn Werner hat geschafft, was keinem Deutschen zuvor gelang: Er ist in der ersten Runde der NFL-Talentauswahl vom Football-Team der Indianapolis Colts gewählt worden. Der Weg in die stärkste Liga der Welt war hart, doch nun gilt er als Wunderwaffe mit Starpotential.

American Football: Werner, beinhart! Fotos
Getty Images

Als das Warten vorbei und sein NFL-Traum Wirklichkeit geworden ist, gibt's für Björn Werner einen Kuss von Ehefrau Denise. Vor wenigen Sekunden hat NFL-Boss Roger Goodell in der New Yorker Radio City Music Hall bekanntgegeben, dass sich die Indianapolis Colts an 24. Stelle der 2013-Draft, der Talentauswahl, für "Bjorn Wörnör" entschieden haben. Der 22 Jahre alte Defensive End aus Berlin bekommt rasch ein blaues Colts-Cap in die Hand gedrückt, geht auf die Bühne zu Goodell, der ein Trikot des künftigen Arbeitgebers für ihn hat. Werner spricht von einer "großartigen Organisation", zu der er jetzt komme, und dass er es kaum erwarten könne, seine Mitspieler zu kennenzulernen. Denn er wolle unbedingt beweisen, dass die Colts mit ihm eine gute Wahl getroffen haben.

Knapp 2500 Kilometer entfernt verfolgt Patrick Steenberge in Nordtexas die TV-Live-Übertragung aus New York. Dass Björn Werner als erster Deutscher bei der Talentauswahl in der ersten Runde unter Vertrag genommen wird, hat er neben seiner eigenen Einstellung und den Trainern vor allem dem 61-jährigen Steenberge zu verdanken - wenngleich dieser SPIEGEL ONLINE bescheiden sagt: "Björn hat die ganze Arbeit geleistet, ich habe ihm nur ein wenig die Richtung gewiesen."

Als Werner fünf Jahre alt ist und in Berlin in den Kindergarten geht, gründet Steenberge 1996 in den USA seine Firma "Global Football", mit der er Amateur-Football-Events organisiert. Steenberge ist ein Jahr später die treibende Kraft bei der Premiere der Global Junior Championship, einem Turnier für Nachwuchsmannschaften, das vor dem Super Bowl in der Gastgeberstadt des NFL-Endspiels ausgetragen wird. Er merkt schnell, dass es nicht nur in Amerika talentierte Footballer gibt, sondern überall auf der Welt. Vor allem in Europa.

"Aber es gab für sie keinen organisierten Weg hierherzukommen", sagt Steenberge. Und als die NFL Europe 2007 eingestellt wird, scheinen sämtliche Verbindungen über den Atlantik abzubrechen. Zumal in Amerika 1,5 Millionen Teenager Football spielen - ein reichhaltiger Pool also für die College-Teams, aus denen die besten Spieler in die NFL wechseln. "Die Trainer hier werden keine Kids in Deutschland suchen, es sei denn, es handelt sich um einen Überflieger", weiß Steenberge. Doch er hat einen dieser Ausnahmespieler ausfindig gemacht. In Berlin, beim Football-Team der Adler.

"Von den Regeln wussten wir gar nichts"

"Björn wurde mir empfohlen, seitdem er 14 Jahre alt war", erinnert sich Steenberge. Seinen Scouts sind Größe, Schnelligkeit und Entschlossenheit des Deutschen aufgefallen. Werner hat bis zu seinem zwölften Lebensjahr Fußball gespielt, als ihn ein Kumpel dazu überredet, doch mal zu den Footballern der Adler zu kommen. Er nimmt das Angebot an und "verliebt" sich sofort. Als er den Eltern von seinem neuen Sport erzählt, sind diese skeptisch. "Von den Regeln wussten wir gar nichts", sagt Vater Andreas.

Ab 2005 spielt Werner unter Nachwuchscoach Jörg Hofmann. Und der weiß nach nur einer Saison, "dass ich ihn irgendwie nach Amerika bringen musste. In Deutschland würde er sein Talent verschenken." Von Hofmann hört Werner erstmals, wie viel Potential in ihm steckt. "Er meinte, ich sollte auf eine Highschool gehen, von dort zum College und dann in die NFL." An der US-Ostküste sucht Steenberge derweil nach Highschools, die Interesse an internationalen Schülern haben und deren Ausbildung mitfinanzieren wollen. Jährlich bringt er fünf Football-Talente nach New England, 2007 ist Werner einer von ihnen. Er kommt zur Highschool in Salisbury im Bundesstaat Connecticut und zum Team von Trainer Chris Adamson. Diesem ist Werner beim Anschauen der Scouting-Videos sofort aufgefallen. "Ein 15-Jähriger, der gegen 17-, 18-Jährige spielt und wie ein Superheld aussieht. Die Idee, ihn für drei Jahre bei uns zu haben, war unglaublich erfreulich", so Adamson.

Doch nach nur einem Jahr fliegt Werner zurück nach Deutschland. Ihn plagen Heimweh und Liebeskummer. In Salisbury hat er alles, was er als Footballer braucht, aber eben nicht Freundin Denise. Aber Steenberge und Adamson geben nicht auf. Telefonate, E-Mails, weitere Anrufe - fast ein Jahr lang. "Ich habe ihm gesagt, dass er echtes Potential hat und mindestens ein College-Stipendium im Wert von 200.000 Dollar bekommen könnte", so Steenberge. Zur zwölften Klasse ist Werner wieder an der Highschool und entscheidet sich 2010 für ein Business-Studium an der Florida State University.

Jubel für den Mann mit der Rückennummer 95

Das Football-Programm der Seminoles gehört zu den Top Ten in Amerika, zu den Heimspielen kommen im Schnitt 75.000 Zuschauer. Sie bejubeln vor allem den Mann mit der Rückennummer 95. Werner entwickelt sich unter Chefcoach Jimbo Fisher zum Star des Teams. "Er wird als einer der ganz großen Football-Spieler in die Geschichte der Florida-State-Universität eingehen", betont Fisher. "Björn hört nie auf, mich zu beeindrucken", ergänzt Defensive Coordinator D.J. Eliot. Werner gibt das Lob gerne zurück. "Sie haben mir ein Stipendium gegeben und mich so trainiert, dass ich heute der Footballer bin, der ich eben bin", sagt er SPIEGEL ONLINE. Finanzielle Hilfe braucht er künftig nicht mehr. Werner wird in Indianapolis einen Vertrag über mehrere Millionen Dollar unterschreiben.

Und dennoch vergisst er bei allem Jubel in New York nicht Patrick Steenberge, "ohne dessen internationales Programm ich jetzt nicht hier wäre". Kurz vor der Draft hat Steenberge Werner noch eine E-Mail geschrieben, Glück gewünscht und erwähnt, dass seine Entwicklung ihn stolz mache. "Er ist mit dem Mädel verheiratet, das der Grund war, warum er damals zurück nach Deutschland gegangen ist. Und er wurde in der ersten Runde gedraftet", sagt Steenberge. "Es scheint, als wäre alles für ihn aufgegangen. Björn hat gezeigt, dass der amerikanische Traum Wirklichkeit werden kann."

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