Cambridge-Ruderer Grütjen Ziiieeeh, Langer!

Beim 160. Boat Race auf der Themse ist Helge Grütjen der einzige Deutsche. Dabei hatte er noch nie ein Ruder in der Hand, bis er 2010 nach England kam. Nur vier Jahre später wird er sich im Cambridge-Achter mit Oxford duellieren.

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Hamburg - Helge Grütjen schüttelt den Kopf. "Manchmal kann ich es selbst nicht glauben", sagt der Duisburger. Am Sonntag (18 Uhr, TV: Eurosport) wird er dort bei der 160. Auflage des prestigeträchtigsten Ruderrennens der Welt zwischen den Universitäten Cambridge und Oxford im hellblauen Cambridge-Achter sitzen - als einziger Deutscher. Dabei hatte der Physiker mit Rudern "überhaupt nichts am Hut", als er 2010 für seine Promotion nach England kam.

14 Zigaretten pro Tag habe er damals geraucht und 20 Kilogramm mehr gewogen, sagt Grütjen. Mit einer Körpergröße von 2,04 Metern komme man in der ruderverrückten Stadt aber nicht an einem Boot vorbei, und so habe er sich von Kommilitonen überreden lassen.

"Meine Anfänge waren bescheiden. Die Idee schien absurd, einmal am Boat Race teilzunehmen", sagt der 26-Jährige. "Ich habe trotzdem alles versucht. Und es hat gereicht." Grütjen ist bereits der 23. deutsche Starter, aber der erste, der zuvor in seinem Heimatland keine Erfahrung im Rudern hatte. Die meisten seiner Vorgänger traten als Weltmeister oder zumindest als Teil der Nationalmannschaft an.

Grütjen nahm im vergangenen Jahr immerhin schon einmal an dem traditionellen Rennen zwischen der Putney-Bridge und Mortlake teil, damals noch im Reserveteam. "Wir haben unglücklich verloren. Mir war sofort klar, dass ich noch nicht fertig damit bin, und ich habe drei Tage später wieder mit dem Training begonnen", sagt er.

Lebensstil komplett geändert

Von da an trainierte er wie ein Besessener, mehrmals am Tag; er habe sehen wollen, "wie weit ich es schaffen kann. Ich habe meinen Lebensstil komplett geändert, bin als Langschläfer plötzlich um sechs Uhr morgens aufgestanden", sagt er. Nur seine Promotion in angewandter Mathematik und theoretischer Physik, für die er Tür an Tür mit dem berühmten Physiker Stephen Hawking arbeitet, hatte weiterhin Vorrang.

Es wurmte den ehrgeizigen Grütjen, dass 2013 nicht nur das Rennen des Ersatzteams, sondern auch das Hauptrennen an die Rivalen aus Oxford gegangen war. Dabei hat Cambridge in der Historie einige Siege Vorsprung: Die "Hellblauen" führen die Gesamtbilanz der Regatta, die auf das Jahr 1829 zurückgeht und inzwischen Jahr für Jahr von etwa 200.000 Zuschauern verfolgt wird, mit 81 zu 77 Siegen an. Nur einmal, 1877, ging das Duell unentschieden aus; dreimal endete das Rennen damit, dass eines der Boote unterging.

Auch in diesem Jahr sehen die Buchmacher Oxford vorne. "Sie sind wesentlich erfahrener", gibt Grütjen zu. Auf seiner Position im gegnerischen Boot sitzt der kanadische Olympiasieger Malcom Howard, zwei weitere Olympioniken sind im Team.

Bei Olympia 2016 in Rio de Janeiro wäre auch Grütjen gerne dabei: "Das ist nicht mein erstes Ziel, aber schön wäre es sicher", sagt er. Ruder-Bundestrainer Ralf Holtmeyer hält diesen Traum zumindest nicht für ausgeschlossen: "Wenn er wirklich was drauf hat, wäre es nicht zu spät."

psk/dpa/sid



insgesamt 2 Beiträge
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marcusaemiliuslepidus 06.04.2014
1. nichts besonderes
Ich habe auch erst vor einem Jahr in England an der Uni angefangen und bin schon bei allen englishen Cups dabei. Das Race zwar nicht, aber dafür trainiert er doch schon 4 Jahre. Die Lernkurve ist extrem hoch und die Leistungsteigerung ist eigendlich fast nur vergleichbar mit Lauftraining, genauso natürlich der Verfall wenn man mal eine Woche gar nichts macht. Bei uns an der Uni ist es so das die Novizen am ersten Tag, 10 min Trockenübung am Ergo machen und dann nochmal 5 min die Basics erklärt bekommen und dann schon auf dem Wasser sind. Die erste Fahrt ist zwar etwas holprig, aber dann gehts schnell vorrann. Innerhalb von 4 Wochen hat man dann schon den ersten Novicecup im 4er und steigt dann auf 8er um. Ab 8 Wochen gehen die richtigen nationalen Turniere los.
sumsang 06.04.2014
2. Bin gespannt ...
... wer es dieses Mal machen wird: Möge der bessere gewinnen!
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