Boat Race zwischen Oxford und Cambridge 17 Minuten Schmerzen

Mit einem Sieg beim legendären Boat Race zwischen Oxford und Cambridge können Ruderer zu Helden werden. Dafür müssen sie 17 Minuten lang ihre Schmerzen verdrängen - und ein halbes Jahr auf vieles verzichten.

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Von Eike Hagen Hoppmann


Am Ende ist alles ganz einfach: Zwei Boote treten auf einer 6,8 Kilometer langen Strecke gegeneinander an. Wer schneller im Ziel ist, gewinnt. Es gibt keine Windkompensation, keine Haltungsnoten und keinen Videobeweis. Es gibt keine mit Bojen abgetrennte, schnurgerade Regattastrecke. Im Gegenteil: Die Strecke ist kurvig, manchmal fahren die Boote im Kampf um die beste Position so dicht nebeneinander, dass die Riemen gegeneinanderschlagen. Ein Boot wird sich durchsetzen und das Boat Race gewinnen. Doch der Weg dahin ist hart.

Das Boat Race ist das berühmteste Ruderrennen der Welt. Jedes Jahr treten jeweils ein Achter der britischen Elite-Universitäten Oxford und Cambridge gegeneinander an. Am Samstag (18.32 Uhr MEZ) kommt es auf der Themse in London zum 164. Aufeinandertreffen. Die BBC wird wieder live übertragen und sechs Millionen Briten vor dem Fernseher zusehen. 250.000 Zuschauer werden an der Strecke erwartet und machen das Boat Race zu einer der größten Sportveranstaltungen des Jahres. (In Deutschland kann man das Rennen unter diesem Link bei Youtube verfolgen.)

Der Tag beim Boat Race

Startzeit (MEZ) Rennen
17.31 Uhr Boat Race der Frauen
17.46 Uhr Rennen der Frauen-Ersatzboote
18.01 Uhr Rennen der Männer-Ersatzboote
18.32 Uhr Boat Race der Männer

Nachwuchsfußballer träumen davon, einmal im Champions-League-Finale aufzulaufen, für viele Nachwuchsruderer ist das Boat Race das Ziel der Träume. Was macht das Rennen zum Mythos?

Teil eins: die Vorbereitung

Jedes Jahr im September treffen sich an den Universitäten 30 bis 40 Ruderer, die beim Boat Race dabei sein wollen. Acht von ihnen werden es am Ende schaffen. Darunter sind erfahrene Ruderer, die schon als Schwergewichte bei Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen mitgefahren sind, aber auch relativ Unerfahrene, die erst an der Universität richtig mit dem Rudern angefangen haben.

Im September 2016 ist auch Claas Mertens zum ersten Mal dabei. Mertens, 180 Zentimeter groß, 74 Kilo schwer, ist in seiner Karriere bereits Weltmeister im Leichtgewichts-Achter geworden. Eigentlich hat er schon seit ein paar Monaten mit dem Rudern aufgehört. Bei seiner Bewerbung für den Master in European Politics in Oxford hat er seine Rudervergangenheit gar nicht erst hervorgehoben. Aber als er die Zusage bekommt, weiß er, dass er jetzt doch noch einmal anfangen muss. Als Kind hat er das Boat Race im Fernsehen gesehen, nun will er einmal selbst dabei sein.

Claas Mertens
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Claas Mertens

Normalerweise gibt es beim Rudern zwei Gewichtsklassen: Leicht- und Schwergewichte. Beim Boat Race gibt es nur ein Rennen für alle. Wenn ein Leichtgewicht wie Mertens daran teilnehmen möchte, muss er sich gegen Ruderer durchsetzen, die einen Kopf größer und 20 Kilo schwerer sind. Mertens ist gut, aber er ist nicht gut genug. Er verpasst einen Platz im Achter.

Stattdessen zählt er zur Besetzung für das Ersatzboot. Die Reserveteams der beiden Unis fahren eine halbe Stunde vor dem eigentlichen Rennen ein eigenes Duell auf derselben Strecke aus. Eigentlich ist alles wie beim großen Rennen - mit dem Unterschied, dass sich niemand wirklich dafür interessiert. "Nach dem ersten Jahr habe ich mir schon überlegt, ob es sich lohnt, es noch ein zweites Mal zu versuchen", sagt Mertens. "Aber ich hatte das Gefühl, es im zweiten Jahr schaffen zu können." Also startet er im September 2017 einen erneuten Versuch.

Diese Entscheidung zu treffen bedeutet auch, die eigene Freizeit für mehrere Monate auf ein Minimum zu reduzieren. Rudern ist ein Sport, den man wollen muss. Auf Spitzenniveau ist er so trainingsintensiv, dass man am Hinterkopf des Vordermanns irgendwann jedes einzelne Haar kennt.

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Boat Race: 17 Minuten Schmerzen

Die Vorbereitung sieht so aus: An sechs Tagen die Woche wird trainiert, montags ist frei. Von Dienstag bis Freitag beginnt der Tag mit einer Einheit auf dem Ruderergometer. Nachmittags wird auf dem Wasser trainiert, von 13 bis 18 Uhr ist man dafür unterwegs. Am Samstag und Sonntag gibt es je zwei Einheiten auf dem Wasser.

Und dann ist da noch die Uni. Oxford und Cambridge sind britische Eliteuniversitäten. Das Studium ist auch anspruchsvoll, wenn man nicht bis zu sieben Stunden am Tag mit Rudern beschäftigt ist. Rücksicht darauf werde aber nicht genommen, sagt Mertens. "Das ist relativ krass hier. In den USA bekommen die Sportler Stipendien, hier gibt es gar nichts. Man muss an der Uni alles so machen wie alle anderen auch und bekommt keine Extraregelungen."

In diesem Jahr hat Mertens einen Platz im richtigen Boot bekommen. Er sitzt auf Position eins, im Bug, ganz vorne. Er ist derjenige im Oxford-Boot, der als erster die Ziellinie überqueren wird. Entweder als Gewinner oder als Verlierer.

Rudern ist ein Sport mit meistens geringem Ertrag: Es lässt sich kein Geld verdienen, das öffentliche Interesse ist gering. Das Boat Race ist das einzige Rennen, in dem Ruderer im Rampenlicht stehen. "Die meiste Zeit des Jahres wird man auf dem Campus nicht erkannt", sagt Mertens. "In den letzten zwei bis drei Wochen hat sich das aber geändert und man wird schon mal angesprochen." Wer das Boat Race gewinnt, ist in Großbritannien ein Star - muss aber davor 17 Minuten durch die Hölle gehen.

Teil zwei: das Rennen

Ein Ruderrennen macht keinen Spaß. Es macht überhaupt keinen Spaß. "Es geht einem extrem schlecht", sagt Mertens, "aber man lernt das zu ignorieren. Man darf auf den Schmerz nicht emotional reagieren." Ein normales Ruderrennen geht über 2000 Meter. Schon das ist hart. Das Boat Race hat mehr als die dreifache Distanz. Es ist eine Tortur und es gewinnt derjenige, der den Schmerz am besten verdrängen kann.

Ein Ruderrennen ist anders als ein Lauf. Die erste Minute wird Vollgas gefahren, über die Mitte hinaus wird das Rennen dann etwas langsamer. Zum Ende gibt es noch einen Schlussspurt, aber davon bekommen die Ruderer schon nichts mehr mit. "Im letzten Jahr kann ich mich ab der Hälfte an nicht mehr viel erinnern", sagt Mertens. "Irgendwann wird es schwammig."

Es sieht trotzdem routiniert aus, wenn die Ruderer wie bei einem Zahnrad immer und immer wieder mit dem Riemen durchs Wasser pflügen. Hunderttausendmal wurde dieser Ablauf im Training geübt - und doch kann im Rennen alles schiefgehen.

Im vergangenen Jahr fing eine Ruderin des Frauen-Achters aus Oxford direkt beim ersten Schlag einen sogenannten Krebs. Sie tauchte ihren Riemen zu tief ins Wasser und verlor die Kontrolle. Dadurch wurde das gesamte Boot gestoppt und das Rennen war für Oxford verloren, bevor es überhaupt begonnen hatte. 2016 waren die Bedingungen auf der Themse so schlecht, dass der Frauen-Achter aus Cambridge zwischenzeitlich unterzugehen drohte, so viel Wasser war in das Boot gelaufen.

Cambdridge-Achter kurz vor dem Untergang
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Cambdridge-Achter kurz vor dem Untergang

Das spektakulärste Rennen der jüngeren Vergangenheit fand aber 2010 statt: Erst musste das Boat Race der Männer unterbrochen und neu gestartet werden, nachdem ein Mann aus Protest in die Themse geschwommen war. Dann brach bei einer Kollision der Boote bei einem Oxford-Ruderer der Riemen und das Rennen war verloren.

"Wir rechnen mit jedem Szenario und haben verschiedene Pläne", sagt Mertens. "Wir sind auf alles vorbereitet." Aber auch der beste Plan kann in solchen Situationen nicht helfen. Im Grunde zählt auch nur eins: schneller zu sein als der Erzrivale. "Man konzentriert sich noch mehr auf den Gegner. Es geht darum, Cambridge zu schlagen", sagt Mertens. Am Ende interessieren weder die Bedingungen, noch die Zeit. Es geht nur darum, welcher Name in der Siegerliste an Position 164 stehen wird: Oxford oder Cambridge.

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dliblegeips 24.03.2018
1. Vom Vordermann sieht man kein einziges Haar
Die Ruderer sitzen mit dem Rücken zur Fahrtrichtung und sehen daher ihren Vordermann nur beim Ein- oder Aussteigen. Rudern ist ein toller Sport, um Ausflüge zu machen bevorzuge ich paddeln.
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