Von den Bermudas nach Cuxhaven Hamburger Boris Herrmann gewinnt Transatlantik-Regatta

Mit knappem Vorsprung ist der Hamburger Boris Herrmann bei der Atlantic Anniversary Regatta als Erster über die Ziellinie gesegelt. Unterwegs hatte er eine Schrecksekunde zu verdauen.

"Malizia" im Ziel in Cuxhaven
Foto: Andreas Lindlahr/Team Malizia

"Malizia" im Ziel in Cuxhaven


Viel Vorsprung hatte er am Ende nicht: Mit nur 54 Minuten und einer Sekunde Abstand ist der Hamburger Boris Herrmann am Mittwochmorgen bei der Atlantic Anniversary Regatta (AAR) als Erster über die Ziellinie in Cuxhaven gesegelt. Direkt hinter seiner Jacht "Malizia" lag die "Varuna" von Jens Kellinghusen, ebenfalls ein Hamburger. Offizielles Ende der Regatta, die am 8. Juli auf den Bermudas gestartet wurde, ist Hamburg, wo der 150. Geburtstag des Norddeutschen Regatta Vereins gefeiert wird.

"Das war ein Duell auf Messers Schneide", sagte Boris Herrmann direkt hinter der Ziellinie erleichtert, "die ganze letzte Nacht auf See waren wir uns nicht sicher, ob es reichen würde."

Die Crew der "Malizia" brauchte nicht einmal zehn Tage für den Ritt über den Atlantik, die Bedingungen waren sehr gut: "Wir fliegen über den Nordatlantik, wie ein Traum", schrieb Herrmann nach nicht mal einer Woche von Bord, "Topspeed ist 28 Knoten, 22 im Schnitt." Bei idealen, frischen Winden von der Seite hob die 18 Meter lange "Malizia" auf ihren Tragflächen ab und erreichte Höchstgeschwindigkeiten von mehr als 50 km/h. "Nach tagelangem Vorwindsegeln unter Spinnaker haben wir endlich die Bedingungen, die wir lieben", so der Skipper weiter. Dadurch baute sein Team einen Vorsprung vor der etwas kleineren "Varuna" zwischenzeitig auf deutlich mehr als 50 Seemeilen aus.

Racetracker: "Malizia" kurz vor deutschen Gewässern
Team Malizia

Racetracker: "Malizia" kurz vor deutschen Gewässern

Wer darin eine Vorentscheidung auf der rund 3500 Seemeilen - fast 6600 Kilometer - langen Strecke gesehen hatte, wurde jedoch bald eines Besseren belehrt. Auf der Hatz entlang der englischen Südküste schmolz das Polster dahin. "Die 'Varuna' ist ein sehr schnelles Schiff, das zudem ausgezeichnet gesegelt wird", meldete sich Herrmann von Bord. "Mit unserer nur fünfköpfigen Crew werden wir es im Englischen Kanal und in der Tide unter Land schwer haben gegen sie, da Segelwechsel bei uns immer deutlich länger dauern. Aber wir werden kämpfen bis zum Schluss." Mit an Bord sind der Hamburger Geschäftsmann Claus Löwe, Eigner der Segeljacht "Leu", mit Sohn Christopher, und sein Vorschiffsmann Tim Müller sowie der Bremer Unternehmer Christoph Enge.

Mitten auf dem Atlantik hatte Herrmanns Mannschaft eine Schrecksekunde zu überstehen. In einer Bö lief "Malizia" aus dem Ruder und kenterte beinahe. "Ich hatte gerade für einen Moment die Augen geschlossen, da nahm das Chaos seinen Lauf", berichtete der 37-Jährige, "das Boot fuhr eine ungewollte Crashwende, und der Wind drückte uns flach aufs Wasser. Wir drifteten nur noch unkontrolliert seitwärts. Ich gerate selten in Hektik, aber dies war so ein Moment. Zum Glück blieb alles heil, und es hat sich keiner verletzt."

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Solosegler Boris Herrmann: Auf Flügeln um die Welt

Bruch auf der "Rambler 88" und bei "RED"

Weniger Glück hatten dagegen die Hamburger Jacht "RED" und die Top-Favoritin "Rambler 88" aus den USA. Ex-SPIEGEL-Chef Mathias Müller von Blumencron, Skipper der "RED" meldete die Kollision mit einem Wal. Dabei wurde die Aufhängung des Ruders komplett aus dem Heck der Jacht gerissen, zum Glück konnte die Crew den Wassereinbruch schnell stoppen. Es war schon der zweite Schaden für die "RED": Erst zwei Tage zuvor war eine Ruderaufhängung gebrochen, und Blumencron hatte das Rennen aufgeben müssen. Als er den Wal rammte, war er bereits auf dem Weg zu den Azoren, um den Schaden reparieren zu lassen.

Der Maxiracer "Rambler 88" von George David schied bereits nach zwei Tagen wegen eines Ruderbruchs aus - die Jacht war mit einem unbekannten Objekt unter Wasser kollidiert.

"Das ist sehr schade für die Teams und das Rennen. Beide haben sich gründlich vorbereitet, und wir hätten sie gerne in Hamburg gesehen", bedauerte Boris Herrmann auch das Ausscheiden des vermeintlich stärksten Konkurrenten, obwohl dadurch der Weg erst frei wurde, mit der "Varuna" um den Sieg im Ziel zu kämpfen. Die restlichen Schiffe des Regattafelds waren zu diesem Zeitpunkt größtenteils noch weit draußen auf dem Atlantik. Mit ihrer Ankunft wird erst im Laufe der Woche gerechnet.

Nach dem Zieldurchgang segelt "Malizia" weiter elbaufwärts nach Hamburg, wo sie die Elbphilharmonie passieren und im Sandtorhafen festmachen wird. Mit dieser Jacht will der dreimalige Weltumsegler Boris Herrmann 2020 als erster Deutscher überhaupt an der legendären Vendée-Globe-Regatta teilnehmen - solo nonstop einmal um die Erde.

Team Malizia

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insgesamt 2 Beiträge
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Bargho 18.07.2018
1. Das Rennen läuft noch!
Sie schreiben den Artikel so als ob das Rennen gelaufen wäre - es sind aber noch 13 andere Teams unterwegs- das hätte man erwähnen sollen!
ohlsample 19.07.2018
2. Leider keine Ahnung vom Segeln?
Der geneigte Leser könnte bei der Headline "Hamburger Boris Herrmann gewinnt Transatlantik-Regatta" den Eindruck gewinnen, dass der Hamburger Boris Herrmann die Transatlantik-Regatta tatsächlich gewonnen hätte. Leider hatte der Autor vermutlich keine Ahnung vom Hochsee-Segelsport, denn das ist mitnichten der Fall. Er ist als erster über die Ziellinie gefahren, da die andere "größte" und technisch noch schnellere Yacht "Rambler" nach einem Schaden ausgeschieden ist. Sonst wäre das vermutlich nicht der Fall gewesen. Wenn ich den Tracker nach Berücksichtigung des IRC Ratings richtig interpretiere, hat derzeit Varuna das Rennen gewonnen. Die gesegelte Zeit wird nämlich mit einem Faktor gewichtet, um die "berechnete" (oder im Tracker "corrected") Zeit zu erhalten. Wenn man mit einem Formel 1 Auto gegen einen Porsche fährt ist es ziemlich sicher, wer zuerst über die Linie fährt. Wenn man diese dennoch in ihrer Leistung vergleichen möchte, muss man die gefahrene Zeit mit einem Faktor korrigieren - genau das macht man im Segelsport, und genau das hat der (Motorsport?-)Redakteur wohl nicht verstanden.
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