Regatta Vendée Globe Der Segler und sein Schlitzohr

Bei der Extrem-Regatta Vendée Globe will 2020 zum ersten Mal ein Deutscher mitsegeln - Boris Herrmann. Was er können muss, um zu gewinnen? Schneller schlafen. Und seine Jacht zum Fliegen bringen.

Team Malizia

Ein Interview von


Zur Person
  • Clemens Höges
    Boris Herrmann, geboren 1981 in Oldenburg, ist Diplom-Ökonom und einer der wenigen deutschen Segelprofis. 2000 nahm er als jüngster Teilnehmer bei der Mini-Transat teil, bei der in nur 6,50 Meter langen Booten der Atlantik überquert wird. 2006 wurde er Vize-Europameister im 505er, 2007 Deutscher Meister. Nach dem BWL-Studium machte er den Sport zum Beruf, 2008 gewann er das Portimão Global Ocean Race, ein Rennen um die Welt in fünf Etappen. 2015 heuerte er als Navigator auf der "Qingdong China" an - die erste Jacht, die nur unter Segeln die Nordostpassage schaffte. Für 2020 peilt er die Vendée Globe an, das Rennen um die Welt für Solosegler.

SPIEGEL ONLINE: Sie wollen 2020 die Vendée Globe segeln, die wichtigste Regatta für Solosegler - das hat vorher noch kein Deutscher getan. Interessieren sich unsere Segler nicht für dieses Format?

Herrmann: Das habe ich mich auch schon gefragt. Deutsche Jachten waren aber auch erst einmal beim America's Cup dabei und nur einmal beim Volvo Ocean Race - und Deutsche haben auch bei Olympischen Spielen vergleichsweise wenige Medaillen geholt. Das ist schon komisch, wenn man bedenkt, dass Deutschland global der größte Wassersportmarkt ist.

SPIEGEL ONLINE: Wie erklären Sie sich das?

Herrmann: Das ist ein Paradox, anders kann man das nicht sagen. Wir haben zwei schöne Küsten, tolle Seen, auf denen man segeln kann. Man wird in Deutschland an jedem Wochenende in jeder Bootsklasse irgendwo eine Regatta finden, auf irgendeinem Gewässer wird immer um die Wette gesegelt. Das gibt es so in keinem anderen Land der Welt. Große Begeisterung in der Breite also - aber kaum Spitzensportler, die sich an die großen Aufgaben wagen. Wobei wir jetzt möglicherweise sogar noch einen zweiten Deutschen am Start haben: Jörg Riechers. Ich weiß allerdings nicht, ob seine Kampagne schon voll finanziert ist. Er hat schon einmal Pech gehabt mit einem Sponsor.

SPIEGEL ONLINE: Jetzt weht am Heck Ihrer "Malizia" nicht die deutsche Flagge, sondern die monegassische - haben deutsche Sponsoren das Segeln noch nicht entdeckt?

Fotostrecke

12  Bilder
Solosegler Boris Herrmann: Auf Flügeln um die Welt

Herrmann: Im Gegenteil, die größten Sponsoren im Segelsport sind Deutsche. Hugo Boss unterstützt beispielsweise Alex Thompson, kein anderer Sponsor ist so lange dabei. Dann Mercedes, Audi, BMW, SAP, die Liste ist lang, die deutschen Unternehmen sind dem Segelsport wirklich sehr zugewandt. Allerdings - siehe Thompson - nicht zwingend mit deutschen Teams. Und bisher kaum in dem Rennsport, den ich betreibe. Aber das kann ja noch kommen.

SPIEGEL ONLINE: In welcher Größenordnung bewegen sich die Kosten für so ein Projekt Vendée Globe?

Herrmann: Die Budgets liegen bei zwei bis dreieinhalb Millionen Euro im Jahr.

Fotostrecke

11  Bilder
Hochseeregatta: Aufbruch zum Fastnet Rock

SPIEGEL ONLINE: Was braucht man sonst noch, um die Vendée Globe zu gewinnen? Fitness? Wetterglück? Mut zum Risiko?

Herrmann: Ich muss mein Boot sehr gut kennen, jede noch so kleine Schraube. Deshalb war es mir wichtig, früh mit einem gebrauchten Schiff loszulegen und nicht lange auf ein neues Schiff warten zu müssen. So habe ich drei Jahre, auch unter Regattabedingungen zu üben. Ich sage mal: Dieser Aspekt macht 90 Prozent des Erfolgs aus, Vorbereitung, immer wieder testen, Fehler abstellen.

SPIEGEL ONLINE: 90 Prozent sind geschafft, bevor das Rennen überhaupt losgeht?

Herrmann: Ja, das ist ein Erfahrungswert der Vendée Globe. Wenn wir über die Startlinie fahren, steht zu 80 bis 90 Prozent schon fest, wer auf die vorderen Plätze kommt. Akribie bei der Vorbereitung ist superwichtig. Klar, wer Erster, Zweiter oder Dritter wird, hängt dann vom Geschick des Skippers ab: Wie er sich im Wettkampf auf See bewährt, wie er die Wettermodelle analysiert - und wie geschickt er sich bei Reparaturen anstellt.

Fotostrecke

16  Bilder
Hochseesegeln: Weiter, schneller, nasser

SPIEGEL ONLINE: Vendée Globe heißt: in etwa achtzig Tagen um die Welt, 24.000 Meilen, nonstop, allein an Bord. Wie bereitet man sich darauf vor?

Herrmann: Fitness ist wichtig, aber Vendée Globe ist andererseits kein Kraftsport, wo der Stärkere gewinnt. Viele der Segler sind eher kleine drahtige Typen; Ellen MacArthur, die 2001 auf den zweiten Platz kam, ist nur knapp 1,60 Meter groß. Segeln ist ein Erfahrungssport, es kommt auf Detailkenntnisse an, in vielen Jahren angesammeltes Wissen. Und das Schlaftraining ist wichtig.

SPIEGEL ONLINE: Schlafen kann man trainieren?

Herrmann: Muss man, unbedingt. Das Ziel beim Solosegeln ist es, nicht müde zu werden. Ein Laie denkt sich: Wie lange kann ich am Stück wach bleiben, 72 Stunden vielleicht? Kann ich das Limit pushen? Aber das bringt nichts, dann holt es einen später ein. Wenn man erst mal ein Schlafdefizit hat, steckt man in der Falle, denn man kann sich während des Rennens nie ausschlafen. Man muss also lernen, jede Gelegenheit für ein Nickerchen zu nutzen, und wenn es noch so kurz ist. Ich liege unterwegs im Ölzeug auf meinem Bean-bag und mach die Augen zu, bin dabei aber immer auf der Lauer. Wenn eine Bö kommt oder sonst irgendwas passiert, muss ich sofort voll da sein.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht es mit dem Essen aus auf See?

Herrmann: Das ist sehr praktisch geregelt, die Zeit, Zwiebeln zu schälen und anzubraten habe ich nicht. Wasser heiß machen, Tüte mit Trockennahrung aufreißen, so eine Art Astronautenfutter, Wasser drauf, ruckzuck. Ich habe nur einen Campinggaskocher an Bord und einen Kessel. Auch bei einem großen Schiff wie "Malizia" geht es immer darum, Gewicht zu sparen. Die Dinge so simpel zu halten wie möglich. Ein Topf steht noch auf meiner Wunschliste, ein Weltempfänger zum Radiohören übrigens auch. Mal sehen, ob ich mir beides doch noch gönne.

SPIEGEL ONLINE: Und wenn Sie mal eine kleine Aufmunterung brauchen? Schokolade?

Herrmann: Die macht mich auf langen Rennen eher traurig, weil sie mir bewusst macht, wie endlich der Vorrat davon ist. Beim Barcelona World Race hatten wir für hundert Tage auf See zehn Tafeln Schokolade an Bord. Alle zehn Tage eine Tafel - zu zweit. Ich habe natürlich welche an Bord, aber den großen Unterschied macht es wirklich nicht. Wichtiger ist es, einen Schluck Whisky oder Rum zu haben, wenn man Kap Hoorn passiert, wie das Brauch ist unter Seefahrern.

SPIEGEL ONLINE: Aus der Bordwand Ihrer "Malizia" ragen auf beiden Seiten seltsam gebogene Flügel. Wenn man sich das so ansieht, kann man sich schon fragen: Ist der Segler oder Kapitän auf einem Tragflächenboot?

Boris Herrmann: Kapitän auf einem Tragflächenboot gefällt mir. Das ist auf jeden Fall die Richtung, in die es mit dem Segeln geht. Der jüngste Rekord, François Gabarts Weltumseglung in 42 Tagen, war nur mit Foils möglich. Er ist damit bis zu 40 Knoten schnell gewesen, knapp 80 km/h, auf dem Wasser ist das rasant. Das schaffen sonst nur die Schnellboote der Marine.

SPIEGEL ONLINE: Wie funktionieren die Foils?

Herrmann: Wie Tragflächen bei einem Flugzeug. Nur dass eben Wasser den Flügel umströmt. Oben schneller als unten, es entsteht ein Sog nach oben, Auftrieb. Und schon schwebt das Schiff. Die Idee selbst ist schon alt: Die Motte, eine Jolle mit Tragflächen, gibt es seit 1928. Und die US Navy hat bereits in den Fünfzigerjahren eine Segeljacht gebaut, die auf Flügeln gleiten konnte. Die Foils waren aus Holz, wie die Sprossen einer Leiter an senkrechten Holmen unter dem Schiff befestigt. Gebogene Foils wie an meinem Schiff kann man nur aus Verbundwerkstoffen anfertigen, und in der Stabilität, die wir brauchen, geht das erst seit zehn Jahren.

SPIEGEL ONLINE: Im Moment treten bei den Offshore-Regatten Jachten mit Foils gegen Jachten ohne an - hat man ohne Flügel noch eine Chance auf den Sieg?

Herrmann: Es gibt da tatsächlich einen technologischen Bruch im Segelsport, das ist in der Bootsklasse der Imoca 60, in der ich antrete, besonders offensichtlich. Beim letzten Rennen um die Welt hatten die ersten vier Jachten Foils, dann erst kamen die herkömmlichen Schiffe. Technisch könnten wir heute sogar noch weitergehen und die Jachten auch hinten mit Flügeln ausstatten, damit sie komplett aus dem Wasser kommen. Das wäre ein solcher Sprung, dass die alten Jachten gar nicht mehr mithalten könnten. Aktuell kommt es auf die Bedingungen an - auf manchen Kursen ist man ohne Flügel sogar besser.

Imoca 60 "Malizia"
  • Team Malizia
    Länge: 18,28 Meter; Breite: 5,70 Meter; Tiefgang: 4,50 Meter; Gewicht: 7,6 Tonnen; Segelfläche: 320 - bis 560 Quadratmeter

    "Malizia" wurde 2015 für rund 5,5 Millionen Euro gebaut. Als "Edmond de Rothschild" hat sie bereits 2016 am Vendée Globe teilgenommen. Sébastien Josse hatte das Rennen allerdings aufgegeben, nachdem er vor Australien einen Foil verloren hatte. Hauptsponsor: der Yachtclub de Monaco. Vorsitzender ist Pierre Casiraghi, jüngster Sohn der monegassischen Fürstin Caroline. Mit ihm ist Boris Herrmann im Sommer 2017 beim Fastnet Rennen gestartet - und auf dem Podium gelandet.

SPIEGEL ONLINE: Der nächste Schritt sind also komplett fliegende Jachten?

Herrmann: So stelle ich mir das vor, ja. Zurzeit sagt unsere Klassenvereinigung noch: Wollen wir nicht, zu radikal, die Technik ist noch nicht zuverlässig genug. Es will ja keiner eine Armada von Bruchpiloten ins Rennen schicken, die auf halber Strecke mit kaputten Flügeln oder Rudern in Seenot geraten. Aber ich denke, dass in spätestens 20 Jahren alle Boote komplett foilen.

SPIEGEL ONLINE: Beim letzten Durchgang der Vendée Globe sind elf Segler augeschieden: Pottwal gerammt, Mast gebrochen, Ruder ab, Kiel kaputt. Wie groß ist das Risiko, dass etwas schiefgeht?

Herrmann: Elf Schiffe sind relativ wenig, es ist nur ein Drittel ausgefallen. Bei den ersten Vendée Globes ist überhaupt nur ein Drittel der Skipper angekommen. Dann hatte es sich eine Weile bei einer Ausfallquote von 50 Prozent eingependelt, und jetzt sind wir bei 30. Und unter denen, die auf der Strecke geblieben sind, war keins von den Schiffen der neuen Generation. Die Vorschriften, speziell was Mast und Kiel betrifft, sind inzwischen so streng, dass die Imocas robuster und zuverlässiger sind als früher. Eine tolle Entwicklung - aber es bleibt auch die alte Vendée-Globe-Wahrheit, dass viele nicht ins Ziel kommen. Ich sehe meine Chancen bei achtzig Prozent. Ich selbst habe bisher in zehn Jahren noch nie ein Rennen aufgeben müssen.

SPIEGEL ONLINE: Was treibt einen, sich solchen Gefahren auszusetzen?

Herrmann: Die See ist einfach unser …Elixier. Bei den Bergsteigern heißt es immer: Der Berg ruft. Uns ruft die See, wir sind da zu Hause - auch wenn wir unterwegs gelegentlich extrem harte Erfahrungen gemacht haben.

SPIEGEL ONLINE: Und wenn es schlecht läuft, sind Sie da draußen allein. Es gibt keinen Sanitäter, der mal eben aufs Spielfeld rennt.

Herrmann: Das stimmt schon, wenn wir Pech haben im Southern Ocean, kann es zehn Tage dauern, bis die Retter aufkreuzen. Uns ist das bewusst: Wir begeben uns in die letzte große Wildnis auf dem Planeten, Wildnis in dem Sinne, dass man auf sich gestellt ist, dass niemand sonst dort vorbeikommt. Für Hubschrauber ist es viel zu weit, und Suchflugzeuge können meist nicht mehr tun, als eine Markierungsboje abwerfen oder eine Rettungsinsel.

SPIEGEL ONLINE: Kommt da nicht der Sport an seine Grenzen? Beim Segeln gibt es offensichtlich Momente, wo es nur noch ums nackte Überleben geht.…

Herrmann: …Das gehört bei uns dazu. Wenn der Wind mit mehr als 35 Knoten bläst, also mit Windstärke 8 und mehr, schalten wir vom Wettkampf in den Überlebensmodus. Dann geht es nur noch darum, das Schiff zu sichern und das eigene Überleben zu garantieren.

SPIEGEL ONLINE: Überlebensmodus - wie lernt man den? Wie kommt man vom Jollensegeln dahin, dass man auf dem Atlantik im Ernstfall besteht?

Herrmann: Ich habe das Segeln auf dem Boot meines Vaters angefangen, ein Stahlschiff, acht Meter lang, wir sind jedes freie Wochenende los, immer schön auf die Nordsee. Eine gute Lehre. Dann bin ich lange Jolle gesegelt, 505er vor allem, bis ich nach meinem Studium meinen ersten Sponsor gefunden habe und als Profi eingestiegen bin. Das mache ich jetzt seit zehn Jahren, auf verschiedenen Schiffen mit unterschiedlichen Teams. Dabei bin ich viermal um die Welt gesegelt, viermal an Kap Hoorn vorbei, und das unter allen vorstellbaren Bedingungen. Genau das macht die Segelei aus - sie ist ein Erfahrungssport, bei dem man immer weiter dazulernt und auch noch mit vierzig, fünfzig ganz vorne mitspielen kann. Die steilste Lernkurve hatte ich übrigens bei der Mini-Transat: In einem 6,50 Meter langen Boot allein über den Atlantik.

SPIEGEL ONLINE: Die Segelei hat viele Ausprägungen - von der Jollensegelei auf Binnenrevieren bis zur Rekordjagd auf riesigen Trimaranen. Wie kommt man ausgerechnet zu den Einhandseglern, den absoluten Extremisten?

Herrmann: Ich lag mit 16 Jahren mal eine Woche mit einem Infekt im Bett und habe ein Buch über die Vendée Globe in die Finger gekriegt. "Gnadenlose See" von Derek Lundy, das hat mich total infiziert. Abgesehen davon ist diese Art des Hochseesegelns eine der wenigen Möglichkeiten, mit Segeln seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Der America's Cup ist sehr elitär, sehr schwer zugänglich, und das olympische Segeln ernährt seine Protagonisten kaum.

SPIEGEL ONLINE: "Malizia" heißt Ihr Schiff, der Schlitzohrige. Wie kam es zu diesem Namen? Wer ist das Schlitzohr?

Herrmann: Den Namen hat Pierre Casiraghi vorgeschlagen. Ein Boot aus Monaco braucht doch einen monegassischen Namen. Das historische Vorbild ist Francesco Grimaldi, der den Felsen im 13. Jahrhundert mit einer List erobert hat, sein Spitzname war "Malizia". Und natürlich wollen wir auf dem Wasser die Schlitzohren sein. Gerissenheit gehört zum Segeln dazu, es geht immer auch darum, Regeln geschickt für sich auszunutzen, immer einen Gedanken schneller zu sein als der Gegner. Da haben wir gedacht: Schlitzohr passt.



insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
hgvkj 09.01.2018
1.
Geile Bilder. Gute Typen. Schönes Interview.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.