Amerikas erfolgreichste Sportstadt Boss-Town

Der Triumph der Red Sox im Baseball verdeutlicht: Boston ist die Sporthochburg in den USA. Unser Autor Heiko Oldörp lebt in dieser Stadt - und kommt vor lauter Titelfeiern kaum zur Ruhe.

AFP

Wir stehen wieder an unserem Platz, Ecke Berkeley Street/Boylston Street, mitten in Boston. Neben meinem Sohn und mir jubeln Tausende, ein höllischer Lärm. Die Amphibienfahrzeuge mit den Spielern, Verantwortlichen und Familien der Boston Red Sox rücken näher, im Schritttempo rollt der Tross unter blau-rot-weißem Konfettiregen die Straße entlang.

Als die Karawane an uns vorbeizieht, reckt Trainer Alex Cora die World-Series-Trophäe in die Höhe, die die Red Sox wenige Tage zuvor in den Endspielen der Major League Baseball gegen die Los Angeles Dodgers gewonnen hatten. Ich erzähle meinem siebenjährigen Sohn, dass wir schon 2013, 2015 und 2017 hier gewesen waren, zu den Meister-Paraden der Red Sox und der New England Patriots.

Eine Stunde vorher haben wir im lokalen Fernsehen die ersten 60 Minuten einer Red-Sox-Sondersendung verfolgt. Ein Reporter sagte, dass er in einer Zeit aufgewachsen sei, "als hier niemand etwas gewonnen hat". Er sprach über die späten Achtziger- und Neunzigerjahre. Die New York Yankees, der Erzrivale der Red Sox, wurden zwischen 1996 und 2000 viermal Meister. "Wir haben New York gehasst, haben gedacht, 'Mensch, warum sind die so unausstehlich'?", fragte der Reporter und ergänzte mit einem Grinsen: "Jetzt sind wir quasi New York - und für viele unausstehlich."

Ich habe von meinen Bostoner Freunden auch oft Sätze gehört wie: "Heiko, was wir jetzt erleben, ist nicht normal. Früher war hier nichts. Gar Nichts." Es ist für mich nur schwer vorstellbar. Ich bin am 1. Januar 2007 nach Boston gezogen. Zehn Monate später sah ich meine erste Red-Sox-Parade - und musste anschließend nur acht weitere Monate warten, bis die Boston Celtics im Juni 2008 ihre Meisterschaft in der Basketball-Liga NBA feierten. Seit meinem Umzug habe ich die New England Patriots (American Football), Red Sox, Celtics und Bruins (Eishockey) in elf Endspielen erleben dürfen. Sieben davon gewannen sie.

Seit 2002 waren es sogar elf Titel. Keine andere Stadt der USA ist in den vier bedeutendsten Sportarten so erfolgreich. Nicht mal ansatzweise. "Jede Mannschaft hat ihren eigenen Titel genossen, aber zugleich auch die der anderen mitgefeiert", sagt Tom Brady. Der Quarterback ist unter den erfolgreichen Bostoner Athleten der König. Er stand mit den Patriots achtmal im Super Bowl und triumphierte fünfmal.

Bostons lange Durststrecke

Als Brady 2000 nach Boston kam, herrschte hier noch Tristesse. Seit den Celtics 1986 hatte es keine Meisterschaft mehr gegeben. Sport war eher Nebensache: Für die Patriots interessierte sich kaum jemand, die Spiele wurden nicht mal im lokalen Fernsehen übertragen. Die Red Sox warteten seit 1918 auf einen Erfolg. Sie hatten irgendwie immer einen Weg gefunden, entscheidende Playoff-Spiele doch noch zu verlieren - und bekamen daher den Beinamen "lovable losers" (liebenswerte Verlierer). Die Bruins spielten zwar immer gute Vorrunden, scheiterten aber zuverlässig in den Playoffs. Und die Celtics gewannen in der Saison 1996/1997 ganze 15 von 82 Spielen.

Diese Zeiten sind vorbei. Und egal, wen man in Boston nach den Gründen für den Wandel fragt - alle zeigen auf die Patriots und vor allem auf Brady und Bill Belichick. Die Quarterback-Coach-Kombination ist seit 2000 im Verein und hat seither große Erfolge gefeiert. In Zeiten, in denen die Ligen um Chancengleichheit bemüht sind und durch Gehaltsobergrenzen allen Vereinen das gleiche Maximal-Budget zur Verfügung steht, haben die Patriots seit 2001 nur zweimal die K.-o-Runde verpasst.

"Eine Meisterschaft zu gewinnen, ist unheimlich schwer - und das dann zu multiplizieren, ist noch schwerer", sagt Dennis Seidenberg dem SPIEGEL über die Patriots. (Lesen Sie hier mehr zur Dominanz der Patriots.) Der Eishockey-Profi gewann 2011 mit den Bruins den Stanley Cup.

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Sportstadt Boston: Die Alleskönner

Mit den Erfolgen steigen in Boston die Erwartungen. Die Red Sox sind mit vier Titeln das erfolgreichste MLB-Team seit der Jahrtausendwende. "Die Fans erwarten mittlerweile Meisterschaften", sagt Ex-Spieler David Ortiz. "Es gibt einen Grund, warum man Boston Title Town nennt. Jetzt sind wir an der Reihe, unseren Job zu machen", sagt Gordon Hayward von den Celtics. Die Basketballer zählen in der NBA mit zu den Favoriten. Und es wäre keine Sensation, wenn die Patriots im Februar zum dritten Mal nacheinander im Super Bowl stünden.

Trotz der Erfolge haben Vereine und Fans hier noch nicht genug, sie wollen weitere Partys auf den Straßen von Boston feiern. "Die Boylston Street ist unser Canyon der Helden", hieß es in der Tageszeitung "Boston Globe". Anfang Februar könnte es hier die nächste Feier geben, nach dem Super Bowl - und vielleicht stehen mein Sohn und ich dann erneut neben Tausenden Menschen.



insgesamt 2 Beiträge
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mvaugusta8 02.11.2018
1.
Die meisten Titel stammen von Red Sox und Pariots, die schon relativ dominant sind. Die Patriots kommen allerdings aus Foxborough, das 40km von Boston entfernt ist. Bruins und Celtics gehören zu den oberen Drittel in ihre Ligen, sind relativ sichere Playoff-Kandidaten, gehören in ihren Ligen aber nicht zu den ganz großen Favoriten.
M. Vikings 02.11.2018
2. Einen Betrüger sollte man nicht feiern.
Der Quaterback der im Text genannt wird und in Foxborough spielt, dessen Name mir hier aber nicht über die Lippen gehen wird, ist ein Betrüger. Mindestens einen seiner Titel hat er durch Betrug erlangt. Gut das der Autor ihn einen Athleten nennt, ein Sportler ist er nämlich nicht und auch kein König. Er gehört für mich in die Kategorie eines Lance Armstrong, auch wenn der auf andere Art und Weise betrogen hat.
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