Mega-Boxturnier "Wir brauchen neue Helden"

Der Boxsport steckt in der Krise. Idole fehlen, Einschaltquoten sinken. Promoter Kalle Sauerland will diesen Trend umkehren und veranstaltet ein neues Millionen-Turnier. Ist das die Zukunft des Boxens?

Jack Culcay
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Jack Culcay

Von Oliver Jensen


Die USA, das gelobte Land - zumindest im Boxsport gilt das noch, wenn man Karl-Robin Sauerland glauben darf, den alle "Kalle" nennen. Der 39-Jährige ist Deutschlands bekanntester Boxpromoter und derzeit viel unterwegs. Immer wieder flog er in die USA, um mit anderen Veranstaltern zu sprechen. Sauerland ist auf der Suche nach einem neuen Markt. In Amerika kassieren Superstars wie Floyd Mayweather und Manny Pacquiao mehr als 100 Millionen Dollar pro Kampf, in Deutschland ist für Sauerland nicht mehr viel zu holen.

Einer seiner Boxer ist der Weltmeister Jack Culcay, am Samstag (22:15 Uhr, ProSieben Maxx) tritt der deutsche Halbmittelgewichtler gegen Demetrius Andrade aus den USA an. "Wenn er da gewinnt, wird sein nächster Kampf wahrscheinlich in den Vereinigten Staaten stattfinden", hofft Sauerland. Nicht nur Culcay soll in den USA Kasse machen - Sauerland ist beteiligt an der neu gegründeten World Boxing Super Series.

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Boxlegenden: Historische Kämpfe

Ab September 2017 soll ein Boxturnier in zwei Gewichtsklassen mit je acht Boxern stattfinden. Im K.-o.-Format wird dort der Gewinner der "Muhammad Ali Trophy" ermittelt. Das Preisgeld: 50 Millionen US-Dollar. Es ist nicht das erste Turnier im Boxsport. Von Oktober 2009 bis Dezember 2011 traten sechs Boxer aus dem Mittelgewicht, darunter Arthur Abraham, in der Super Six Series gegeneinander an.

Die Kämpfe waren spektakulär, der Modus weniger. Aufgrund einer Vorrunde mit Gruppenphase und mehrerer Kampfverschiebungen zog sich das Turnier lange hin. Das soll nicht noch einmal passieren: Laut Sauerland würde im Falle einer Verletzung sofort Ersatz parat stehen. Wer bei der World Boxing Super Series überhaupt antreten darf, soll eine unabhängige Jury entscheiden. Abzuwarten bleibt allerdings, ob die vier großen Weltverbände WBO, WBA, WBC und IBF wirklich so kooperieren, wie es der Veranstalter verspricht.

Sauerland verbindet mit dem neuen Boxturnier große Hoffnungen: Deutsche Boxer könnten sich auf sportlichem Wege für die Mega-Börsen qualifizieren. Dafür braucht es Kämpfer wie Axel Schulz oder Vitali Klitschko, die in den USA boxten und Stars wurden. Allzu viel Zeit hat der Promoter nicht, um neue Publikumsmagneten zu finden. "Arthur Abraham und Jürgen Brähmer sind unsere Quotenbringer, aber die haben vielleicht noch ein oder zwei Jahre. Wir brauchen neue Helden", sagt Sauerland.

"Heldentaten lassen sich nicht planen"

Vom Heldenstatus sind seine derzeitigen Hoffnungsträger noch ein gutes Stück entfernt. WBA-Weltmeister Tyron Zeuge aus Berlin, der am 25. März seinen Titel gegen Isaac Ekpo verteidigt, ist eher Insidern ein Begriff. Und Culcays bislang letzten Kampf wollten im TV nur 1,59 Millionen Menschen sehen - enttäuschend. Die übertragende Sendergruppe ProSiebenSat.1 Media hat ihre Schlüsse daraus gezogen und zeigt Culcay statt wie bisher auf Sat.1 auf ProSieben Maxx.

"Manchmal kann man nicht erklären, warum Boxer zu Superstars werden", sagt Sauerland. "Selbst bei Henry Maske liefen die Ticketverkäufe lange mau. Seine Kämpfe waren nicht spektakulär. Auf einmal boxte er um die WM gegen Prince Charles Williams und die Halle in Düsseldorf war ausverkauft. Mein Vater (Promoter Wilfried Sauerland, Anm. d. Red.) kann sich das bis heute nicht erklären."

Einfacher ergründen ließ sich, warum Abraham zum Star wurde. Dass er einen WM-Kampf trotz Kieferbruch gewann, machte ihn legendär. "Boxer werden durch Heldentaten berühmt. Aber die lassen sich nicht planen", sagt Sauerland. Doch je mehr Boxer ein Promoter hat, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit auf einen Erfolg.

Große Kämpfe künftig nur noch im Pay-TV?

Der gesamte Boxstall steckt in einem Wandel. Die Fernsehgelder sind nicht mehr so hoch wie früher bei der ARD, Sauerland muss dringend sparen. Viele der 19 Boxer finanzieren ihr Training selbst. Auch die Bezahlung der Trainer wird nun häufig - wie in anderen Ländern üblich - an die Athleten weitergegeben.

Überhaupt orientiert sich Sauerland an den großen Märkten. In Nordamerika zahlen die Fans bereitwillig 99 Dollar, um einen Mayweather-Kampf im TV zu sehen. Im April vergangenen Jahres gab es auch hierzulande einen Pay-per-View-Versuch beim WM-Fight zwischen Abraham und Gilberto Ramírez. Wie viele Zuschauer zahlten, behielt der Anbieter für sich, Sauerland versichert aber: "Unser Partner war mit dem Ergebnis zufrieden. Die Zeiten, in denen alles im Free-TV lief, sind vorbei."

Zahlende Zuschauer erwarten allerdings Top-Duelle. In den Neunzigerjahren träumten die Fans von einem Kampf zwischen Henry Maske und Dariusz Michalczewski, im Folgejahrzehnt von Arthur Abraham gegen Felix Sturm. Stattgefunden haben diese Kämpfe nie, die Stars gingen sich hierzulande aus dem Wege. "Das wollen wir im zweiten Halbjahr ändern", sagt Sauerland und verspricht stallinterne Duelle. "Einen Kampf zwischen Zeuge und Brähmer oder zwischen Abraham und Brähmer kann ich mir gut vorstellen. Der deutsche Boxsport braucht solche Kämpfe."

Und Sauerland kann sie auch ganz gut gebrauchen.



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waswuerdeflassbecksagen 11.03.2017
1. Wir brauchen neue Helden?
Sein wird doch mal ehrlich, wir wollen Boxer wie der Gentleman Max Schmeling, Hein ten Hoff oder auch Henry Maske - bekommen aber Boxer wie Schulz, Hoffmann oder Boxer wie die Klitschkos, die wenn sie einen richtigen Gegner bekommen K.O. gehen - die Frage ist was der Konsument möchte, einen Klitschko-Kampf, wo man weiß - Runden über Runden Langeweile, weil er einfach nur die Führhand raushält und das den ganzen Kampf - ganz großer Sport oder einen Hein ten Hoff, Max Schmeling, wo man den ganzen Kampf mitfiebert, weil er einfach drauf losboxt - keiner will die Klitschkos mehr sehen, erst Recht seit dem einer Bürgermeister von Kiew ist und diese Stadt ruiniert!
whitewisent 11.03.2017
2.
Um ein Idol zu sein, braucht es eine gewünschte Vorbildfunktion. Sauerland macht nur den alten Krämertrick, alten Wein in neuen Schläuchen anzubieten, als ob das in der heutigen vernetzten Welt noch möglich wäre. Wer rohe Gewalt sehen will, sucht sich die Idole beim Ultimate Fighting, wer eine gute Show erleben will, beim Wrestling. Wozu ist also noch Boxen gut? Es gibt aktuell doch beim "Spitzenboxen" den Weg vor, daß Vorbestrafte und Menschen mit Migratrionshintergrund damit eine Chance haben, relativ einfach viel Geld zu verdienen. Nur ist da der Stralsunder Brähmer mit seinen 38 Jahren in- und außerhalb von einer JVA genausowenig geeignet wie der 31jährige Jack Culcay-Keth. Der nichts für seinen Namen kann, aber damit nicht unbedingt deutschsprachige Massen begeistert. Beiden fehlt aber vor allem eines, Muskelmasse und Entertainment. Die Klitschkos und Schulz wurden nicht erfolgreich, weil sie technisch brilliant waren, sondern weil sie einen Wiedererkennungswert hatten (auch wenn man die Brüder gerne mal verwechselte). Ob nun jemand mit 72 kg Weltmeister im Mittelgewicht oder mit 77kg im Halbschwergewicht wird, wen juckt das noch. Die Titelinflation der Verbände und deren Anzahl ist heute einfach nur noch demotivierend. Und wer als Sohn mit 39 schon den Superkämpfem im Pay-TV träumt, mag Optimist sein, ist aber sicher nicht Deutschlands "bekanntester Boxpromoter" wie Herr Jensen hier den Lesern weismachen will. Denn dessen Vater Wilfried Sauerland lebt noch, und der IST der bekannteste, da der Sauerland-Stall sein Werk ist, und nicht vom Junior Kalle.
gandhiforever 11.03.2017
3. Diese Krise
Diese Krise wird hoffentlich zur Dauerkrise. Boxen ist kein Sport, gehoert verboten.
bergedorff 11.03.2017
4. Free-TV
Ich wage es zu bezweifeln, dass die kostenpflichtige Kämpfe (pay per view) in DE viele Zuschauer ansprechen werden. Solches Format m.M.n. kommt nur bei den spektakulärsten Boxern in Frage (a la Mayweather vs Canelo oder Pacquiao), deren Boxkämpfe in USA stattfanden. Anders ausgedrückt: Eine hohe Einschaltquote für den 30-50? TV-Duell kann ich mir zur Zeit nicht vorstellen
the great sparky 11.03.2017
5. leider meist nur theater
boxsport an sich kann sehr faszinierend sein, wenn die qualität der boxer stimmt. nur leider wurde aus dem klassischen boxen seit einigen jahren box-events entwickelt, bei denen man den eindruck bekommen kann, dass es mehr um das drumherum als um den sport selbst geht. seit dem es stundenlange vorberichterstattungen gibt, die selten einen mehrwert in sachen informationen enthalten, strunzlangweilige interviews mit diversen x-klasse promis oder völlig überflüssige musikdarbietungen gezeigt werden, bin ich weg von dem sport. ich möchte nicht ausschließen, dass ich sogar mal für eine boxübertragung zahlen würde, dann aber nur ohne klimbim und bei guten boxern.
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