Box-WM Huck vs. Powetkin Die Schlacht von Stuttgart

Es war ein Kampf, der in die Annalen des Boxsports eingehen dürfte: Zwölf Runden lang lieferten sich Marco Huck und Alexander Powetkin ein erbittertes Duell um die Weltmeisterschaft im Schwergewicht. Am Ende verlor Huck umstritten - und war doch irgendwie der Sieger.

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Von , Stuttgart


Das muss Liebe sein. Voller väterlicher Fürsorge umfasst Trainerlegende Ulli Wegner weit nach Mitternacht mit beiden Händen das arg zerbeulte und dick zugepflasterte Gesicht seines Schützlings und versucht ihm die Enttäuschung aus dem Kopf zu säuseln. Und Wegner gelingt es mit seinen einfühlsamen Worten tatsächlich, Marco Huck so etwas wie ein Lächeln ins schmerzverzerrte Gesicht zu zaubern. Zuvor hatte sich der Cruisergewicht-Weltmeister vor 6000 Zuschauern in der Stuttgarter Porsche-Arena gegen den russischen Titelverteidiger Alexander Powetkin in seinem ersten Schwergewichtskampf eine Ringschlacht geliefert, die es verdient hat, ihren Weg in die Geschichtsbücher zu finden. Am Ende des technisch wenig exzellenten, dafür aber wilden und hemmungslosen Duells hieß der alte und neue WBA-Weltmeister Powetkin. Der Punktsieg aber war umstritten.

"Die Sieger sind heute die Punktrichter", machte dann auch Huck hinter seiner großen verspiegelten Sonnenbrille bei der nächtlichen Pressekonferenz unverständlich klar. Der 27-Jährige bot in seinem ersten Schwergewichtskampf überhaupt einen furiosen Fight und hatte den routiniert kämpfenden, aber auch konditionsschwachen Powetkin einige Male kurz vor dem Knockout. Es war der Kampf seines Lebens, bei dem "Käpt'n Huck" oftmals wirkte, als müsste er die sieben Weltmeere ganz alleine gegen den Rest der Welt verteidigen. Mutig und entschlossen war er, vor allem ab Runde vier. Powetkin dagegen wirkte oftmals wie ein tapsiger Bär, und musste von seinem neuen Trainer Alexander Zimin aus der Ringecke immer wieder hämische Schimpftiraden über sich ergehen lassen. "Du musst arbeiten! Warum bleibst du stehen?", schrie Zimin immer wieder.

Keine Verwarnung für Powetkin

Der Russe aber rettete sich mit einer cleveren Vermeidungsstrategie über die Runden. Immer wieder duckte er sich tief und vermied so die fürchterliche linke Gerade Hucks, die technisch stark verbessert wirkte. "Marco hatte Powetkin am Rande des Niederschlags. Powetkin hat noch bei der Siegerehrung gewackelt", sagte Wegner zu später Stunde und konnte einfach nicht verstehen, dass der Russe für sein ständiges Wegducken von Ringrichter Luis Pabon nicht verwarnt wurde. Nicht nur Wegner war deshalb verwundert. Auch die Ringgrößen Arthur Abraham, Henry Maske oder Regina Halmich kritisierten den Ringrichter. Sie alle sahen Huck am Ende vorne, es half aber alles nichts.

Es blieb bei der knappen Niederlage Hucks, der sportlich zwar verloren hat, aber unter den Boxfans einige neue hinzugewonnen haben dürfte. Huck galt vor dem Fight als Lautsprecher, Großmaul und Sprücheklopfer, spätestens jetzt dürfte er auch unter Experten als willensstarker und einigermaßen disziplinierter Athlet gelten. Aber Huck hat nicht nur sich in der Nacht von Stuttgart einen Riesengefallen getan, sondern, und da darf man den Bogen ruhig ein wenig größer spannen, dem gesamten Boxsport überhaupt.

Ein großer Kampf für die Fans

Denn wenn man übertreiben möchte, so war der höllische Fight die Wiedergeburt des Boxens. Nach der beschämenden Klitschko-Chisora-Haye-Farce vom vergangenen Wochenende war es beinahe schon erlösend zu sehen, dass zwei Faustkämpfer für ihr Geld und Renommee wirklich alles geben. "Es war eine große Ehre für mich, gegen Powetkin zu kämpfen. Er ist Olympiasieger, Welt- und Europameister und ich habe ihm einen großen Fight geliefert", sagte der gezeichnete Huck und man fühlte seinen Stolz dabei.

Klar ist nun aber auch, was alle wollen. Einen Wiederholungskampf, ein erneutes Highlight soll es geben und Boxpromoter Kalle Sauerland, bei dem sowohl Huck als auch Powetkin unter Vertrag stehen, stellte den Fight zu guter Letzt in Aussicht. "Powetkin muss seinen Titel erst gegen den Amerikaner Hasim Rahman verteidigen, ein erneutes Duell mit Huck käme frühestens im Herbst in Betracht", gab der Veranstalter die Marschroute vor. "Schlacht von Stuttgart, Teil zwei" - darauf darf man sich wohl jetzt schon freuen.



insgesamt 121 Beiträge
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Seite 1
unifersahlscheni 26.02.2012
1. Also wenn ich mir nur...
...die Fotos angesehen hätte, würde ich vermuten dass Huck keinen Stich gegen Powetkin gemacht hat. Entweder hängt Huck in den Seilen oder er kassiert (bis auf ein Bild) Treffer. ;-)
tomkey 26.02.2012
2. Kommentar zum Thema
Zitat von unifersahlscheni...die Fotos angesehen hätte, würde ich vermuten dass Huck keinen Stich gegen Powetkin gemacht hat. Entweder hängt Huck in den Seilen oder er kassiert (bis auf ein Bild) Treffer. ;-)
Nee, es war schon so wie es im Bericht steht. Der Russe war kurz vorm ko. Deswegen geht dieser Sieg durch die Punktrichter nicht in Ordnung. Außerdem eine um Längen bessere Übertragung als der Klitschko-Verherrlichungsschrott von RTL. Dazu die besseren Kämpfer. Klarer Punktsieg für die ARD.
super_nanny 26.02.2012
3.
Huck hat gut gekämpft, aber um Weltmeister zu werden, muss man halt schon noch ein bißchen mehr liefern. Eine 115:113 Wertung für Huck würde ich genauso fragwürdig gefunden.
stego0815 26.02.2012
4. ausgleichende Gerechtigkeit
Schlussendlich muss man aber feststellen, dass sich im Boxsport alles ausgleicht. Man denke zurück an den Dezember 2010 als Huck gegen Lebedew antrat, der Russe dominierte den Kampf und so auch diesen "Kneipenschläger" ... trotzdem gewann Huck nach Punkten und das mehr als umstrittenen. Er sollte sich also nicht zu laut beschweren. Ich bin wahrlich kein Huck-Freund, gestern hat er jedoch bewiesen, dass er auch zu größerem in der Lage sein dürfte. Allerdings, wenn man sich seine zerbeulte Visage nach dem Kampf angesehen hat, musste man zweifellos anerkennen, dass auch Powetkin boxen kann.
detlman 26.02.2012
5. Respekt
das war ein Kampf von zwei gleichwertigen Boxern. Der Russe mit der besseren Technik, Huck mit der besseren Kondition und dem größeren Willen. Hätte ein unentschieden für gerechter gehalten. Trotz allem, endlich mal ein Glanzlicht in dem sonst so trüben Profiboxen. Glückwunsch an beide.
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