Boxweltmeister Andre Ward Niemand will den netten Stinker sehen

Eigentlich müsste die Box-WM zwischen Andre Ward und Sergey Kowalew ein Mega-Event sein. Aber die Welt spricht nur über den "Milliarden-Kampf" zwischen Mayweather und McGregor. Das liegt auch an Ward.

Andre Ward
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"Bitte, sagen Sie den Leuten da draußen, was für ein toller Kampf das ist", flehte Promoterin Kathy Duva bei der Pressekonferenz zum Rückkampf zwischen Andre Ward und Sergey Kowalew. "Zwei der besten Boxer der Welt treffen zum zweiten Mal direkt aufeinander. Bitte sagen Sie allen, dass das mehr wert ist als irgendwelche Zirkus-Veranstaltungen, die in zwei Monaten stattfinden."

Duva wirkte frustriert von der medialen Aufmerksamkeit, die der für den 26. August angekündigte "Milliarden-Kampf" zwischen Superstar Floyd Mayweather jr. und UFC-Champion Conor McGregor weltweit erhält - im Gegensatz zum zweiten Duell zwischen Ward und Kowalew, das sportlich deutlich höher einzuschätzen ist. Tatsächlich scheint schwer verständlich, warum die Halbschwergewichts-WM am Samstag in Las Vegas nicht viel mehr Interesse weckt.

"Super Six"-Sieger gegen russischen "Krusher"

Ward, 33, gilt als einer der technisch versiertesten Boxer seiner Generation und war schon als Amateur ein Ausnahmekönner. Seit 1998 hat der US-Amerikaner keinen Kampf verloren. Da war er gerade 14 Jahre alt. 2004 wurde er in Athen Olympiasieger und wechselte ins Profilager. Zum internationalen Durchbruch verhalf ihm das "Super Six"-Turnier, in dem er sich unter anderem gegen Mikkel Kessler, Arthur Abraham und Carl Froch durchsetzte und so das Jahr 2011 als WBC- und WBA-Weltmeister im Supermittelgewicht beendete.

Andre Ward (links) im Kampf gegen Arthur Abraham
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Andre Ward (links) im Kampf gegen Arthur Abraham

Gegner Kowalew, 34, wurde 2013 im wahrsten Wortsinn mit einem Schlag zum Superstar, als der Russe den zu diesem Zeitpunkt unbesiegten WBO-Halbschwergewichts-Weltmeister Nathan Cleverly in dessen walisischer Heimat ausknockte. Es folgten acht meist spektakuläre Titelverteidigungen gegen namhafte Gegner wie Altstar Bernard Hopkins.

Der Kampf erfüllt das Klischee vom amerikanischen Helden, der auf den brutalen russischen "Krusher" trifft. Eigentlich müsste er sich von selbst promoten. "Ich finde es seltsam, dass ich von allen gefragt werde, warum dies kein größeres Event ist", sagt Duva. "Es ist ein großes Event: Die Nummer eins und die Nummer zwei im Halbschwergewicht bestreiten ein Rematch, nachdem ihr erster Kampf der kontroverseste des Jahres war."

Ward gewinnt und wird ausgebuht

Im vergangenen November trafen Ward und Kowalew in Las Vegas zum ersten Mal aufeinander. Der Amerikaner setzte sich knapp nach Punkten durch, wurde dafür aber nicht gefeiert, sondern ausgebuht. Die meisten Zuschauer glaubten, dass der schlagstarke Kowalew den Sieg dank seines bedingungslosen Offensivstils verdient gehabt hätte.

Ward erfüllt zwar sportlich die Voraussetzung, um ein Superstar zu sein, aber er ist nie wirklich beim amerikanischen Publikum angekommen. Das liegt unter anderem daran, dass er am liebsten in seiner Heimatstadt Oakland kämpft, anstatt sich den Fans im Box-Mekka Las Vegas oder an der Ostküste im New Yorker Madison Square Garden zu präsentieren. 23 seiner 31 Siege als Profi holte Ward in Kalifornien. Kritiker sagen, das passe zu seinem übervorsichtigen Stil. Ward ist ein Defensivspezialist, der Risiken vermeidet.

Im oft blumigen Boxjargon bezeichnet man Kämpfer wie ihn als "Stinker". Die zeichnen sich dadurch aus, dass sie kein Interesse am offenen Schlagabtausch haben, sondern die Kampfhandlung lieber durch Meidbewegungen oder Klammern unterbrechen, wenn es brenzlig wird. Mit diesem Stil gewinnt man Kämpfe, aber keine Herzen. Reich werden kann man damit trotzdem wie "Money" Mayweather gezeigt hat. Auch er ist ein Defensiv- und Konterboxer und deswegen nicht bei allen Fans beliebt.

Ward ist kein Mayweather

"Einige bezahlen, um mich gewinnen zu sehen. Andere bezahlen, um mich verlieren zu sehen. Die Hauptsache ist, dass sie alle bezahlen", sagte Mayweather einst. Bei ihm hat das in seiner Karriere herausragend funktioniert. Bei Ward bislang nicht. Für dessen ersten Kampf gegen Kowalew haben nur 165.000 Pay-Per-View-Kunden gezahlt. Für Mayweathers Duell mit Manny Pacquiao im Mai 2015 zahlten allein in den USA 4,6 Millionen PPV-Zuschauer bis zu 100 Dollar. UFC-Präsident Dana White glaubt, dass das Duell zwischen Mayweather und McGregor diesen Rekord sogar noch brechen könnte.

Der Rückkampf zwischen Ward und Kowalew wird keine Bestmarken aufstellen. Anders als Mayweather fehlt Ward der Drang zur Selbstdarstellung. Auch wenn sein Kampfname S.O.G. ("Son of God") anderes vermuten lässt, ist er kein extrovertierter Angeber, sondern gibt sich meist zurückhaltend - und wirkt dadurch langweilig.

Virgil Hunter, der Ward schon seit der Jugend trainiert, trauert der fehlenden Aufmerksamkeit nicht nach. "Es liegt an Andres Persönlichkeit, er ist vielleicht zu nett", sagt Hunter. "Aber das ist okay, denn der Trubel ist uns egal. Wir tun, was wir tun müssen, um zu gewinnen. Dann gehen wir nach Hause zu unseren Familien. Alles andere brauchen wir nicht."

Auch wenn Ward nicht so polarisiert wie Mayweather und deswegen bei Weitem nicht an die astronomischen Börsen des Superstars herankommt, kann er gut vom Boxen leben. Für den Rückkampf gegen Kowalew hat er sich 6,5 Millionen Dollar garantieren lassen - egal, wie viele Pay-Per-Views verkauft werden.



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