Boxen in Deutschland Kleinere Namen, größere Kämpfe

Dem deutschen Boxen geht es schlecht. 25 Jahre nach Henry Maskes erster Weltmeisterschaft droht der Sport in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden. Aber es gibt Hoffnung.

Klaus Frevert / BOXWELT.com

Wer den Zustand des deutschen Boxens verstehen will, muss zurückblicken. 25 Jahre liegt Henry Maskes erster WM-Kampf mittlerweile zurück. Es war kein besonders spektakulärer Auftritt, aber wenn man ehrlich ist, war es das fast nie, wenn Maske in den Boxring stieg. Entscheidend war das Ergebnis: Der "Gentleman" aus Frankfurt an der Oder besiegte "Prince" Charles Williams nach zwölf Runden einstimmig nach Punkten und krönte sich zum IBF-Weltmeister im Halbschwergewicht. Es war der Beginn des "goldenen Zeitalters" im deutschen Profiboxsport.

Maske, der bei den Olympischen Spielen 1988 in Seoul die Goldmedaille für die DDR gewonnen hatte, wurde nach der Wende zur gesamtdeutschen Identifikationsfigur und dank RTL zum Superstar.

Der Glanz verblasst

Von der Strahlkraft des Halbschwergewichtlers, dessen Kämpfe regelmäßig über zehn Millionen TV-Zuschauer sahen, profitierte die gesamte Branche. Maske holte den Sport aus der Schmuddelecke und machte ihn massentauglich. Die Auswirkungen des folgenden Box-Booms sind bis heute zu spüren. Doch der Glanz verblasst. Am Samstag (ab 18.15 Uhr, TV: Sport1) verteidigt Tyron Zeuge in Hamburg seinen WBA-WM-Titel gegen den Nigerianer Isaac Ekpo. Als Maske gegen Williams gewann, war Zeuge noch kein Jahr alt. Trotzdem hat er seine Erfolge auch dem "Gentleman" zu verdanken. Schließlich boxt Zeuge für den Sauerland-Stall, der mit Maske den internationalen Durchbruch schaffte.

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Boxen in Deutschland: Vom "Gentleman" zu "Hafen-Basti"

Mit Maske ins Box-Schlaraffenland

Dank Maske wurde Deutschland in den Neunzigerjahren zum Box-Schlaraffenland. Nach der großen RTL-Zeit unterschrieb Promoter Wilfried Sauerland einen Exklusivvertrag mit der ARD, die zehn Veranstaltungen pro Jahr übertrug. Maskes Nachfolger hießen Sven Ottke, Markus Beyer sowie später Arthur Abraham und Marco Huck. Parallel zu Sauerland stieg die Hamburger Universum Box-Promotion mit Dariusz Michalczewski, Regina Halmich, den Klitschko-Brüdern und Felix Sturm zu Weltruhm auf. Mitte der 2000er war der Zenit erreicht. 20 Weltmeister verdienten ihr Geld in Deutschland, ARD, ZDF und RTL übertrugen an fast jedem Wochenende Titelkämpfe aus großen Arenen.

Das Ende des Booms

Doch dann kam der Punkt, an dem der Markt übersättigt war und die Zuschauer sich zu fragen begannen, warum die vielen deutschen Weltmeister nicht gegeneinander boxten. Anstatt zusammenzuarbeiten, warfen sich Universum und Sauerland gegenseitig schlechtes Matchmaking vor. Um keine Niederlagen zu riskieren, wurden Kämpfe wie Abraham gegen Sturm systematisch verhindert. Der wachsende Unmut des Publikums äußerte sich in rückläufigen Einschaltquoten, die schließlich zum Ausstieg der großen Sender führten. Universum ging daran zugrunde, 2013 musste der ehemals größte Boxstall Europas Insolvenz anmelden. Sauerland überlebte zwar, sah sich aber aufgrund fehlender TV-Einnahmen gezwungen, Personal abzubauen, die Firmenzentrale in Berlin aufzugeben und sich von namhaften Kämpfern zu trennen. Finanziell steuert das deutsche Boxen momentan wieder geradewegs auf die Vor-Maske-Zeiten zu.

Nur noch Weltmeister zweiter Klasse

Die Veranstaltungen füllen keine große Hallen mehr, sie sind im Spartenfernsehen verschwunden, wo an guten Abenden 200.000 Zuschauer einschalten. Zeuge ist der letzte verbliebene Weltmeister, hält aber nur einen Titel zweiter Klasse. Die World Boxing Association (WBA) führt neben dem "regulären Weltmeister" noch einen "Super Champion". Der heißt im Supermittelgewicht George Groves und steht im Finale der World Boxing Super Series, einem von Sauerland initiierten Turnier, in dem die Besten der Welt antreten. Zeuge zählte nicht zum Teilnehmerfeld. Folgerichtig spricht kaum jemand über seine bevorstehende Titelverteidigung gegen Ekpo - obwohl dessen Promoter, der berühmte Don King, extra aus Florida angereist ist. Ähnlich wie Sauerland wirkt King, der unter anderem Ali und Tyson promotet hat, wie ein Relikt aus lange vergangenen Zeiten.

Weniger Geld führt zu besseren Kämpfen

Aber die viel zitierte Krise des deutschen Profiboxens hat auch positive Folgen: Sie sorgt dafür, dass wesentlich ausgeglichenere Kämpfe zustande kommen als zu den Glanzzeiten von Universum und Sauerland. Ohne große TV-Einnahmen sind heutige Promoter auf Eintrittsgelder angewiesen und müssen sie Kampfpaarungen zusammenstellen, für die Zuschauer gerne und bereitwillig zahlen. Das führt zu interessanten deutschen Duellen, die es so früher nicht gegeben hätte. Der heimliche Hauptkampf am Samstagabend in Hamburg findet zwischen zwei Lokalmatadoren statt, die zwar nicht die besten Boxer der Welt sind, sich aber auf ähnlichem Niveau bewegen: Sebastian Formella trifft auf Angelo Frank. Das Besondere an dem Duell: Beide Kontrahenten boxen nicht hauptberuflich, sondern haben noch einen "richtigen Job", mit dem sie ihren Lebensunterhalt verdienen.

"Hafen-Basti" gegen "Zirkus-Angelo"

Sebastian Formella
SPIEGEL ONLINE

Sebastian Formella

Formella, Kampfname "Hafen-Basti", arbeitet im Hamburger Hafen, Frank steht normalerweise in der Manege des familieneigenen "Zirkus Europa". Dass zwei Halbprofis als Hoffnungsträger des deutschen Boxens gehandelt werden, sagt viel über den Status Quo des Sports. Es bringt aber auch unbestreitbare Vorteile: Durch ihr berufliches Umfeld haben beide Boxer treue Fans und verkaufen deutlich mehr Tickets als zum Beispiel Zeuge. Formella wird bei seinen Kämpfen von der halben Hafenbelegschaft unterstützt, und die große Zirkusfamilie Frank feuert ihren Angelo an. Gute Stimmung ist garantiert, spannend sollte die Auseinandersetzung auch werden. Formella und Frank haben ähnlich viel Profierfahrung und kennen sich aus gemeinsamen Amateurzeiten. Die gute Nachricht: Die Ansetzung ist kein Einzelfall, es scheint einen Trend zu besseren Kämpfen zu geben. Am 21. April treffen in Köln die Weltergewichtler Deniz Ilbay und Denis Krieger aufeinander, am selben Tag steigt in Berlin das Duell zwischen den ungeschlagenen Schwergewichtlern Tom Schwarz und Senad Gassi.

Höheres Niveau als zu Boom-Zeiten

Das ist der entscheidende Unterschied zu den Vor-Maske-Zeiten: Es gab damals bei weitem nicht so viele Kampfabende wie heute mit so guten Paarungen. Das sportliche Niveau ist gestiegen. Es gibt zwar nicht mehr so viele deutsche Weltmeister, aber dafür deutlich mehr Kämpfe auf Augenhöhe. Die entscheidende Frage ist, ob oder wann die großen Fernsehsender diese Entwicklung bemerken und wieder mehr Geld in den Boxsport investieren. Leidenschaftliche Boxer wie Formella und Frank hätten es verdient, besser für ihre Leistungen bezahlt zu werden - auch wenn sie mit ihrem Leben sehr zufrieden sind und ihre regulären Jobs wohl selbst dann nicht aufgeben würden, wenn sie nur vom Boxen leben könnten.

Anmerkung: Der Autor arbeitete von 2006 bis 2013 für Arena Box-Promotion, zunächst in der Presseabteilung, später als Geschäftsführer. Heute ist er ehrenamtlich für den Bund Deutscher Berufsboxer sowie den Weltverband WBC (World Boxing Council) tätig und schreibt als freier Journalist unter anderem für SPIEGEL ONLINE und das Fachmagazin "Boxsport".



insgesamt 4 Beiträge
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cmann 23.03.2018
1. Zu früh hochgelobt!
Schaut man sich so an was zur Zeit in deutschen Boxringen als Topleute präsentiert wird kann man sich nur wundern. Beispiel gefällig? Vinzenz Feigenbutz aus Karlsruhe, boxt anfangs in erster Linie "Fallobst" und wird prompt hochgejubelt und als große Hoffnung präsentiert. Beim ersten einigermaßen starken Gegner geht er ko. Ein kontinuierlicher Aufbau von Kämpfern ist aufgrund Mangelnder Qualität und oder fehlendem talentierten Nachwuchs nicht möglich. Die Boxveranstalter wollen Kampfabende durchziehen, sinnvollerweise natürlich mit Beteiligung von deutschen Kämpfern, oder zumindest "eingedeutschten" Boxern (Sturm, Michalczewsky und Abraham lassen Grüßen). Man nimmt was man bekommt und publiziert irgendwelche "Legenden" die oft mit der Realität nicht viel zu tun haben, nur um die Kampfabende einigermaßen atraktiv durchzuziehen. Die Zurückhaltung der Programverantwortlichen der ehemaligen Top Anbieter wie RTL und Sat 1 ist da durchaus Verständlich. Die Geschichte um "Deutschlands ersten Schwergewichtsweltmeister" nach Max Schmeling (ohne deutschen Pass) war doch mehr als peinlich!
Mähtnix 23.03.2018
2.
Ich habe früher Handball auf ordentlichem Niveau gespielt. Verletzungen gab es immer - auch schwerwiegendere, wie zB verschiedene Bänderrisse und Brüche. Das waren Kollateralschäden. Beim Boxen jedoch ist der Erfolg davon abhängig, dass ich den Gegner (vorsätzlich) verletze. Das lehne ich ab. Deswegen kann der deutsche Profiboxsport gerne verenden
ernst b. 23.03.2018
3. Timo Schwarzkopf
Es gibt noch gute und motivierte Jungs. Aber die werden von den Machern der deutschen Boxwelt kaltgestellt und sind auf sich allein angewiesen. Zum Beispiel Timo Schwarzkopf. Der boxt in ein paar Wochen in den USA gegen van Heerden. Und niemand nimmt Notiz davon. Auch Spiegel online nicht.
ser4t 23.03.2018
4. Naja...
Boxen einerseits und Schach andererseits sind keine Sportarten. Weder Prügeln noch Grübeln sind zur damals sogenannten "Körperertüchtigung" geeignet. Massentaugliche Bewegung an frischer Luft - das ist Sport.
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