Boxweltmeister Was der Dopingbefund für Manuel Charr bedeutet

Seit ein neues Kontrollsystem eingeführt wurde, häufen sich die Dopingfälle im Boxen. Die meisten Täter stehen trotzdem schnell wieder im Ring. Bei Manuel Charr könnte das anders sein.

DPA

Zunächst war er am Boden zerstört. "Ich weine nur noch", sagte Boxweltmeister Manuel Charr dem Kölner "Express", nachdem er erfahren hatte, dass in einer von ihm Ende August abgegebenen Dopingprobe zwei anabole Steroide nachgewiesen wurden. Seine für den 29. September angesetzte Titelverteidigung gegen den gebürtigen Puerto-Ricaner Fres Oquendo wurde daraufhin abgesagt.

Ein paar Stunden nach der Nachricht klingt das schon wieder anders. "Ich arbeite mit Hochdruck daran, das Ergebnis der Dopingprobe und die Hintergründe aufzuklären und setze alles daran, meinen Weltmeistertitel zu verteidigen. Ich gebe nicht auf", schrieb Charr in einer Stellungnahme, die er über die sozialen Medien verbreitete.

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

STATEMENT ����. Liebe Boxfans, hier mein Statement zur Dopingprobe. Heute Nacht kam die Nachricht, dass ich positiv getestet wurde. Mein Manager Christian Jäger und mein Promoter Bernd Trendelkamp haben daraufhin den Kampf abgesagt, ohne mich vorher zu informieren oder mit mir Kontakt aufzunehmen. Dieses Vorgehen enttäuscht mich sehr. Ich kann mir das Ergebnis nicht erklären, werde aber alles dazu beitragen, um es aufzuklären. Ich warte jetzt gespannt auf das Ergebnis der B-Probe und habe mich heute erneut einer unabhängigen und freiwilligen Dopingprobe unterzogen. Die Ergebnisse werden voraussichtlich am Samstag, den 22.09.18 veröffentlicht werden. Ich war immer und bei allen Kämpfen clean und kann mir deshalb im Moment definitiv nicht erklären, wie dieses Ergebnis zustande kommt. Ich bin selbst unter Schock, liebe Fans, zumal ich im Finale der Kampfvorbereitung bin. Die Verteidigung des Weltmeistertitels bestimmt seit Monaten mein Leben. Ich bereite mich mit großer Disziplin und großem körperlichen Einsatz auf diesen Kampf vor. Während meiner Kampfvorbereitungen nehme ich diverse Nahrungsergänzungsmittel zu mir. Es wird zu prüfen sein, ob die Nahrungsergänzungsmittel die Dopingprobe beeinflusst haben können. Ich arbeite mit Hochdruck daran, das Ergebnis der Dopingprobe und die Hintergründe aufzuklären und setze alles daran, meinen Weltmeistertitel zu verteidigen. Ich gebe nicht auf und halte euch auf dem Laufenden. Euer Manuel Charr #teamdiamondboy #vonderstrassezudensternen

Ein Beitrag geteilt von �� DIAMONDBOY �� (@manuelcharr) am

"Ich war immer und bei allen Kämpfen clean und kann mir deshalb im Moment definitiv nicht erklären, wie dieses Ergebnis zustande kommt", so Charr weiter. Die Frage scheint berechtigt. Schließlich hat der Schwergewichtler in den vergangenen 13 Jahren 35 Kämpfe bestritten - darunter zehn Meisterschaften. Einen positiven Befund gab es bislang nicht.

Vada statt Wada

Das könnte daran liegen, dass er immer "clean" war, wie er schreibt. Oder aber daran, dass er bislang nicht richtig getestet wurde. Denn ein halbwegs koordiniertes und striktes Doping-Kontrollsystem gibt es im Boxsport erst seit wenigen Jahren. Ein Grund dafür ist die traditionell strikte Trennung von Amateuren und Profis. Den olympischen Richtlinien - auch und gerade im Antidopingkampf - unterliegen nur Amateurboxer.

Bei den Profis hat sich lange kein äquivalentes System durchgesetzt, weil es keine zentrale Kontrollinstanz gibt. Anstatt eines einzelnen Weltverbands, dessen Regeln sich alle Sportler unterwerfen, entwickelten sich im Verlauf der vergangenen 50 Jahre vier große Verbände, die in etwa die gleiche Bedeutung, aber unterschiedliche Regularien haben und in direkter Konkurrenz zueinander stehen. Einen Austausch über einheitliche Dopingkontrollen gab es nie.

Fotostrecke

13  Bilder
Charr, Powetkin und Co.: Doping im Boxen

Besser wird es erst, seit die Voluntary Anti-Doping Association (Vada) an Bedeutung gewinnt. Die 2012 von Ringärzten gegründete private Organisation hat ihren Sitz im Box-Mekka Las Vegas. Das ist kein Zufall. Als Alternative zur 1999 auf Initiative des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) ins Leben gerufenen Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) konzentriert sich die Vada vor allem auf den von der olympischen Familie ausgeschlossenen, aber sehr lukrativen Profikampfsport.

Auf ihrer Homepage bezeichnet sich die Vada als "unabhängige Organisation für effektive Anti-Doping-Programme im Boxen und Mixed Martial Arts" und rühmt sich, die modernsten Analyseverfahren einzusetzen. "Als wir angefangen haben, waren die archaischen Kontrollsysteme eins der größten Probleme", sagt die Vada-Vorsitzende Dr. Margaret Goodman. "Die Dopingmethoden werden ständig weiterentwickelt. Genau das müssen wir als Tester auch tun." Dazu arbeitet das Unternehmen laut eigener Aussage mit den besten Laboren zusammen.

Viele positive Befunde, kaum Konsequenzen

Mit Erfolg: Die Vada hat in den vergangenen Jahren zahlreiche namhafte Boxer überführt. Fast wöchentlich kommen neue Fälle hinzu. Unmittelbar vor Charr erwischte es den ungeschlagenen WBC-Champion im Supermittelgewicht David Benavidez. Der russische Ex-Weltmeister Alexander Powetkin wurde in den vergangenen drei Jahren gleich dreimal positiv getestet. Bei dem Mexikaner Saúl "Canelo" Álvarez, seit dem Rücktritt von Floyd Mayweather Jr. der vielleicht größte Star der Boxwelt, wurde allein in diesem Jahr in zwei Proben das verbotene Asthmamittel Clenbuterol nachgewiesen. Es sind nur zwei von unzähligen Beispielen.

Saúl "Canelo" Álvarez
AP

Saúl "Canelo" Álvarez

Wirklich geschadet haben die positiven Tests weder Powetkin noch Álvarez. Der Russe kämpft an diesem Wochenende gegen Klitschko-Bezwinger Anthony Joshua um drei Schwergewichts-Titel, der Mexikaner krönte sich gerade mit einem Sieg gegen den zuvor ungeschlagenen Gennadi Golowkin erneut zum Weltmeister - keine sechs Monate, nachdem er des Dopings überführt worden war.

Die Kontrollen sind besser geworden, ernsthafte Konsequenzen hat das in vielen Fällen aber nicht. Warum? Weil Powetkin, Álvarez und andere ähnlich prominente Dopingsünder zu wertvoll für die Branche und alle Beteiligten sind. Powektins Promoter Andrey Ryabinsky ersteigerte 2013 den WM-Kampf zwischen seinem Schützling und Wladimir Klitschko für mehr als 23 Millionen Dollar. Der Kampf zwischen Álvarez und Golowkin spielte einen dreistelligen Millionenbetrag ein.

Da die Verbände prozentual an den Kampfbörsen beteiligt sind, haben sie kein Interesse, Boxer zu bestrafen, von denen sie sich hohe Einnahmen versprechen. Charrs Problem: Für ihn gilt das nicht. Sein WM-Kampf gegen Oquendo brachte bei einer Versteigerung im Februar nicht mal das eigentlich festgeschriebene Mindestgebot von einer Million Dollar ein.

Wird Charr der nächste Sturm?

Der deutsche Boxmarkt, vor 15 Jahren noch einer der lukrativsten und bedeutendsten der Welt, liegt am Boden. Die großen TV-Sender haben sich zurückgezogen, dadurch fehlen den Veranstaltern Lizenzeinnahmen in Millionenhöhe, die benötigt werden, um Titelkämpfe zu veranstalten. Entsprechend winkt bei Charr-Kämpfen kein großes Geld. Zudem hat er keinen starken Promoter, der im Stile eines Don King beim Weltverband Lobbyarbeit für ihn machen könnte.

Deswegen könnte Charr eine härtere Strafe drohen als anderen überführten Boxern. Der WM-Titel wird ihm mit großer Wahrscheinlichkeit aberkannt, möglich wäre zudem ein Jahr Sperre. Dass er danach sofort wieder um die Weltmeisterschaft boxen darf, muss zumindest bezweifelt werden. Schließlich bekam er die Chance zum Titelgewinn im November 2017 gegen den Russen Alexander Ustinow ohnehin nur dank eines glücklichen Zufalls.

Aus der deutschen Öffentlichkeit darf Charr auch keine Rückendeckung erwarten. Er ist seit Jahren umstritten. Nachdem er gegen Ustinow gewonnen hatte, war das einzige Thema, ob er denn nun deutscher Staatsbürger ist oder nicht. Der Nochweltmeister könnte zum nächsten Felix Sturm werden, der sich komplett aus dem Boxsport zurückgezogen hat, nachdem er des Dopings überführt worden war.

Bevor es so weit ist, gilt es aber zunächst, die Öffnung der B-Probe abzuwarten. Um seine Unschuld zu beweisen, hat sich Charr laut eigener Aussage, "erneut einer unabhängigen freiwilligen Dopingprobe unterzogen". Dass er dadurch den vorangegangenen positiven Befund nicht entkräften kann, hat ihm anscheinend niemand gesagt.

Mehr zum Thema


insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
login37 20.09.2018
1.
Charrs Probleme: Anders als Klitschko oder Maske ist er nicht vermarktbar und nicht lukrativ. Kaum jemand zahlt, um im PayperView einen Charr-Kampf live sehen zu können. Charr hat kein namhaftes Management. Und Charr ist vor allem nicht glaubwürdig. Niemand wird ihm beispringen und für ihn kämpfen. Mir ist völlig egal, ob er nun die libanesische oder deutsche Staatsbürgerschaft hat. Nur ist eben bewiesen, dass er zum Thema Staatsbürgerschaft öffentlich in äußerst dreister Form gelogen hat. Da fragt sich natürlich jeder, warum man ihm jetzt glauben sollte, dass er nichts genommen hat? Die beiden nachgewiesenen Substanzen werden in aller Regel als Spritze verabreicht - eher nichts, was man zufällig aufnimmt. Beide Mittel werden seit Ewigkeiten von Bodybuildern verwendet und sind schon lange nachweisbar. Ein Profi nimmt so etwas nur, wenn er schlecht beraten ist und kein sonderlich professionelles Umfeld hat. Auch dass scheint auf Charr zuzutreffen. Vitali Klitschko wurde als Amateur auch positiv auf Anabolika getestet (Nandrolon). Natürlich kann ich nichts beweisen, aber aufgrund körperlicher Merkmale erscheint es mir wahrscheinlich, dass mindestens einer der Klitschkos auch später in der Karriere in den Arzneikoffer gegriffen hat, nur eben wahrscheinlich professioneller organisiert. Grundsätzlich sind die Doper den Dopingjägern immer einen Schritt voraus. Es gibt immer erst das neue Dopingmittel oder den neuen Dopingansatz und dann muss erst ein beweiskräftiges Nachweisverfahren dafür entwickelt werden. Genau deshalb werden in der Leichtathletik seit einiger Zeit Proben aufbewahrt und ggf. nach Jahren noch mal mit den dann zur Verfügung stehenden Methoden nachgetestet. Nur wird das im Profiboxen nicht gemacht. Entsprechend gering ist die Gefahr aufzufliegen, wenn man dann gut beraten wird.
sven2016 20.09.2018
2.
Der Artikel erläutert sehr gut die Ursachen der Beiläufigkeit von Dopingtests bei diesen merkwürdigen Verbänden. Ohne zwingende Regeln für diesen gesamten sogenannten Sport kann man das nicht mehr ansehen. Da ist dann vielleicht Wrestling doch ehrlicher oder?
fireb 21.09.2018
3.
solang dieses Doping keine dauerhaften und gravierenden Auswirkungen auf die Karriere haben sind sie sinnfrei. Lange sperren, aberkennen von Titeln und annullieren von Ergebnissen sollten hier die Folge sein. sind ja teils auch unrechtmäßig erlagt worden, seit wann darf ein Betrüger seine Beute behalten?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.