Boxkampf Charr vs. Ustinov Leider eine Weltmeisterschaft

Manuel Charr boxt in Oberhausen gegen Alexander Ustinow. Eigentlich müssten sich Box-Fans über die Ansetzung freuen. Das tun sie aber nicht - weil es in dem Kampf um die Schwergewichts-WM geht.

Alexander Ustinow (l.) und Manuel Charr
DPA

Alexander Ustinow (l.) und Manuel Charr


Er lächelt, zwinkert ins Publikum und nickt seinem Gegner anerkennend zu: Manuel Charr tut beim offiziellen Wiegen vor seinem WM-Kampf gegen Alexander Ustinow (21.30 Uhr, TV: Sky) alles dafür, möglichst freundlich zu wirken. Der 33-Jährige will nicht nur den Kampf gewinnen, sondern die Herzen der Menschen gleich mit. Das könnte schwer werden.

Charr ist in der Boxszene umstritten. Dass es bei dem Kampf gegen den 2,02 Meter großen Russen um die Schwergewichts-Weltmeisterschaft nach Version der World Boxing Association (WBA) geht, macht die Sache nicht besser. Vielen Fans fehlt das Verständnis dafür, dass einer dieser beiden einen Titel gewinnen wird, den schon Muhammad Ali, Mike Tyson und Lennox Lewis gehalten haben.

Weder Charr noch Ustinow haben in der jüngeren Vergangenheit so namhafte Gegner geschlagen, dass sie sich eine WM-Chance verdient hätten. Trotzdem kämpfen die beiden um die "reguläre" Weltmeisterschaft der WBA, weil der in Panama ansässige Verband neben "Super Champion" Anthony Joshua gerne einen zweiten Titelträger krönen will, um zusätzliches Geld zu verdienen.

"Super Champion" Anthony Joshua
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"Super Champion" Anthony Joshua

Weil die Weltrangliste durch eine Reihe von Dopingfällen ausgedünnt ist, wird in Oberhausen nun eben der WM-Gürtel ausgeboxt. Als sich der "Diamond Boy" Charr vor einem halben Jahr einer beidseitigen Hüft-Operation unterzog, stand er noch auf Rang sieben. Inzwischen ist er kampflos auf Platz vier vorgerückt. Das ruft berechtigte Zweifel an der Wertigkeit des Titels hervor und überschattet die reizvolle Konstellation, dass die Kampfansetzung zu den wenigen gehört, bei denen man nicht vorher weiß, wer gewinnen wird. Charr und Ustinow boxen nicht auf höchstem Niveau, aber zumindest auf demselben.

"WM hin oder her - Charr gegen Ustinow ist ein guter Kampf"

Die Karrieren der beiden verliefen bislang nahezu parallel: Beide begannen mit Kickboxen, ihre Profibox-Debüts feierten sie im Mai 2005 fast am selben Tag. Ustinow hat bislang 35 Kämpfe bestritten, Charr 34. Dass der Deutsche dabei drei Niederlagen mehr hinnehmen musste als sein russischer Gegner, liegt daran, dass er mit größeren Namen im Ring stand. Eine klare Favoritenrolle lässt sich daraus nicht ableiten. Das ist alles andere als selbstverständlich in einer Sportart, in der sich Weltmeister viel zu oft klar unterlegene Herausforderer aussuchen oder einer der beiden Boxer technische Vorteile oder viel mehr Erfahrung hat.

"WM hin oder her - Charr gegen Ustinow ist ein guter Kampf", sagt Thomas Pütz, Präsident des Bundes Deutscher Berufsboxer. "Grundsätzlich sehe ich die Titelflut skeptisch, aber sind wir doch mal ehrlich: Wenn nicht Weltmeisterschaft draufstehen würde, würde sich niemand dafür interessieren. So gucken viele Leute hin, die sonst mit Boxen nichts am Hut haben."

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Selbst als Fußball-Fan hatte man in den vergangenen Wochen kaum eine Chance, sich dem Hype zu entziehen, weil Sky in jeder Bundesliga- und Champions-League-Übertragung für das Box-Spektakel warb. "Was die machen, ist schon Wahnsinn", freut sich Charrs Manager Christian Jäger. "Die Zusammenarbeit in den vergangenen Wochen war herausragend." Dass sich der Sender auch so ins Zeug gelegt hätte, wenn es keine Weltmeisterschaft wäre, bezweifelt er.

Der Kampf in Oberhausen steht sinnbildlich für das Dilemma des Boxsports in Deutschland: Obwohl Ustinow einen Kopf größer ist als Charr, ist es ein Duell auf Augenhöhe. Genau so eine Ansetzung wäre geeignet, dem Boxsport ein Stück von seiner verlorengegangenen Glaubwürdigkeit zurückzugeben. Die Tatsache, dass es dabei um eine unrühmlich anmutende Weltmeisterschaft geht, überschattet jedoch den sportlichen Reiz. Aus Vermarktungssicht scheint dieses Label jedoch notwendig. Das Ergebnis: Verwirrte Zuschauer, die nicht wissen, ob sie sich auf den Kampf freuen oder über den WM-Status ärgern sollen.

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insgesamt 4 Beiträge
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Pontifaz 25.11.2017
1. Sky
nervt reichlich mit der Werbung. Ständig erzählen die Reporter von kommenden Boxkämpfen oder von Kinofilmen, die man bitteschön kaufen soll. Kaufen, kaufen, kaufen, bei Sky kommt es einem zu den Ohren raus.
RalfBukowski 25.11.2017
2. Weltmeisterschaft
"aber sind wir doch mal ehrlich: Wenn nicht Weltmeisterschaft draufstehen würde, würde sich niemand dafür interessieren. So gucken viele Leute hin, die sonst mit Boxen nichts am Hut haben." Erstens heißt es: "Seien" wir doch mal ehrlich. Zweitens werde ich mir den Kampf sicher nicht ansehen, obwohl ich sonst mit Boxen nichts am Hut habe. Spätestens nach dieser Aussage, die den ganzen Quatsch des heutigen Schwergewichtsboxens deutlich macht.
Referendumm 25.11.2017
3. Klingt nicht so prickelnd
und dann noch das Ganze auf Sky. Nun ja, dann heute Abend eben was anderes im TV gucken. Deren bisherige Profikämpfe mögen nich viel aussagen, andererseits doch sehr viel. Ähem, welchen Rang / Renommee haben nochmals die WBA-WMs? Nicht so dolle, oder?
studibaas 25.11.2017
4. Wenn zahlreiche Boxer rausgeflogen sind...
Wg. nachgewiesenem Doping sollte man ehrlichen Boxern mal ne Chance geben.
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