Profiboxer Mario Daser Die Kiesgröße

Viele Boxweltmeister sind Millionäre geworden. Mario Daser ist Millionär und will Boxweltmeister werden. Die Chancen stehen schlecht.

Mario Daser
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Mario Daser


Man kennt es aus den Rocky-Filmen, das klassische Box-Narrativ: die Geschichte des armen Jungen, der sich aus einfachen Verhältnissen zu Reichtum und Weltmeisterehren kämpft. Mike Tyson und Floyd Mayweather jr. haben es so gemacht. Mario Daser will eine andere Geschichte schreiben. Der 28-Jährige ist Selfmade-Millionär und möchte Boxweltmeister im Cruisergewicht werden. Am Freitag (23 Uhr, zu sehen im Stream bei ran fighting) bestreitet er in Hamburg gegen Ola Afolabi seinen bislang größten Kampf.

Vor vier Jahren übernahm Daser ein marodes Kieswerk und führte es in die schwarzen Zahlen. Damit allein wurde er nicht reich. Weil er gleichzeitig das Grundstück belieh und das Geld in lukrative Immobilienprojekte investierte, hat er inzwischen ausgesorgt. Anstatt sich auf seinem Geld auszuruhen, investiert "Super-Mario" es in seine Box-Karriere.

"Die meisten Boxer steigen in den Ring, weil sie damit ihren Lebensunterhalt verdienen müssen", sagt Daser. "Ich kämpfe nur, weil ich es will. Boxen ist meine Leidenschaft." Ob Leidenschaft allein für den WM-Titel reicht? Eine alte Faustregel besagt, dass eine erfolgreiche Amateurkarriere der Grundstein für eine aussichtsreiche Profilaufbahn ist. Und die hat Daser nicht vorzuweisen.

Kämpfe in bayerischen Bierzelten

"Ich habe mit 19 Jahren angefangen zu boxen", erzählt Daser. Zwischen 2009 und 2011 bestritt er zehn Kämpfe, die meisten davon in bayerischen Bierzelten. Dass er alle gewann, lag vor allem daran, dass ihm keine ebenbürtigen Gegner vorgesetzt wurden. "Das waren keine ruhmreichen Siege", sagt der Münchner heute. "Aber ich habe mir die Gegner nicht ausgesucht. Ich hätte gern schon damals gegen stärkere Jungs gekämpft."

Nach einer fünfjährigen Pause, in der er sich nicht dem Boxen, sondern seinem Kieswerk widmete, kehrte Daser im vergangenen Jahr in den Ring zurück. Inzwischen entscheidet er allein, gegen wen wer boxt, weil er auf keinen Promoter oder Manager angewiesen ist. Daser bezahlt alles selbst. Und statt weiter Fallobst auszuknocken, hat er für seinen 13. Profikampf einen der besten Cruisergewichtler der vergangenen Jahre verpflichtet.

Mario Daser (links), Ola Afolabi
DPA

Mario Daser (links), Ola Afolabi

Ola Afolabi lieferte sich zwischen 2009 und 2016 vier packende Ringschlachten mit Marco Huck. Mindestens zwei der Kämpfe hätte der Brite gewinnen müssen, doch die Punktrichter sahen das anders. Vergangenes Jahr wollte er seine Karriere eigentlich beenden. "Aber als dieses Angebot kam, habe ich gedacht: Das muss ich machen", sagt Afolabi. "Die zahlen mir einen Haufen Geld, damit ich irgendeinen Typen verprügele. Bei allem Respekt: Daser boxt nicht in meiner Liga. Ich habe Videos von ihm beim Schattenboxen gesehen, das sieht echt scheiße aus!"

"Viele glauben, der Kampf sei gekauft"

Afolabi ist inzwischen 37 Jahre alt und spricht offen darüber, nicht in der Form seines Lebens zu sein. Beim offiziellen Wiegen hatte er das Cruiser-Limit (90,7 Kilogramm) um 1,8 Kilogramm überboten, damit wäre ihm im Fall eines Sieges kein Titel zugesprochen worden. "Die Gürtel sind mir egal, ich will ihn nur weghauen", sagte Afolabi. Dennoch stieg er anschließend für rund drei Stunden zum "Abkochen" in die Sauna, um doch noch das Limit zu erreichen - mit Erfolg.

Das Abnehmen war Schwerstarbeit, im Ring rechnet Afolabi mit weniger Widerstand, er amüsiert sich über seinen Gegner. "Ich habe gehört, dass er mich k.o. schlagen will. Ehrlich? Huck konnte mich nicht k.o. schlagen, und der Typ sagt, er kann es? Wie denn? Bringt er eine Pistole mit in den Ring?"

Die Äußerungen sind mehr als das übliche Ballyhoo vor großen Kämpfen. Tatsächlich dürfte der unerfahrene Deutsche gegen einen Veteran wie Afolabi keine Chance haben. Daser sieht das anders: "Mein ganzes Leben lang haben mir Leute gesagt, was ich alles nicht kann. Alle haben mich davor gewarnt, das Kieswerk zu übernehmen. Jetzt warnen mich alle vor Afolabi. Ich möchte beweisen, dass man mit eisernem Willen und harter Arbeit alles erreichen kann."

Es gibt Menschen, die befürchten, dass sich Afolabi für eine hohe Börse bewusst zurückhalten oder gar aufgeben könnte. "Viele glauben, der Kampf sei gekauft", sagt Daser. "Aber alle, die das sagen, wissen nicht, wie sehr ich mich im Trainingslager gequält und dabei meinen acht Monate alten Sohn vermisst habe." Ob das reicht, um Afolabi tatsächlich zu schlagen? Das wisse er selbst nicht, sagt Daser.

Dem deutschen Profiboxen den Spiegel vorhalten

In der Szene wird Daser skeptisch betrachtet. Wohl auch, weil er dem deutschen Profiboxen den Spiegel vorhält. Er stellt sich gegen den üblichen Protektionismus großer Promoter, die ihre jungen und aufstrebenden Schützlinge niemals gegen Top-Boxer wie Afolabi in den Ring schicken würden, weil das Risiko einer Niederlage zu groß ist. Und in Zeiten rückläufiger Einschaltquoten und ohne zahlungswillige TV-Partner muss man schon Millionär sein, um Gegner wie Afolabi nach Deutschland zu locken. Kostendeckend lassen sich derartige Veranstaltungen nicht durchführen. Zumal dann nicht, wenn die Ticketeinnahmen so gering sind wie wohl nun in Hamburg.

Aus Imagegründen haben sich Daser und Promoter Erol Ceylan für die größte Arena der Hansestadt entschieden, die bei Box-Events mehr als 16.000 Zuschauer fasst. Wenn Daser kämpft, hoffen die Veranstalter auf 6000 Fans. Wahrscheinlich wird es bei der Hoffnung bleiben. Am Donnerstag waren offenbar erst etwa die Hälfte der Tickets verkauft.

Daser kann es sich zur Not auch leisten, vor einer leeren Halle zu boxen. Ohnehin lässt er sich die zu erwartende Tracht Prügel einen mittleren sechsstelligen Betrag kosten. Mario Daser hat eine Menge zu verlieren: in jedem Fall eine Stange Geld, den Kampf und vielleicht auch seine Glaubwürdigkeit. Solche Probleme hatte Rocky nicht.

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insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
blaubärt 19.05.2017
1. Cool!
Dann mal viel Glück! Und auch wenn es nichts mit dem Sieg wird, du hast es versucht!
hein.ch 19.05.2017
2. Respekt
Wenn ich da näher dran wohnen würde, würde ich da glatt hingehen. Obwohl Boxen nicht so meins ist. Aber der Typ hat Eier und ein Ziel. Das ist mehr als die meisten anderen! Ich drücke ihm aber die Daumen.
blödföhn 19.05.2017
3. Respekt
Köpfchen Geld und Leidenschaft um sich einen Traum zu erfüllen. Manchmal denke ich Sportjournalisten müssen früher die Schulhofmobber gewesen sein.
torpedofrog 19.05.2017
4. Viel Erfolg, Sportsmann !
Das ist Sport! Ich weiß nicht, seit wie langer Zeit das mal wieder ein echter Sportsmann unter de Profiboxern ist, aber diese Geschichte geht (zumindest mir, der ich kein Boxfan bin) ans Herz. Da kämpft einer - nur um des Sportes willen. Er hat eine vernünftige berufliche Absicherung und er will keine dünnen Bretter bohren - Hut ab! Was mich dagegen aufregt, ist der persönliche Kommentar dieses Schmierenjournalisten. Ist es Neid, oder ist es ein verrutschtes Weltbild, in dem ein Boxer nurmehr als Milieugröße oder Werbeblödmann glänzen darf. Und was die Glaubwürdigkeit betrifft - da kenne ich kaum einen Boxer, der glaubwürdiger ist als einer, der seinen warmen Sessel gegen ein gebrochenes Nasenbein einzutauschen bereit ist - nur um des Sports wollen. Schreiberlinge wie Sie, Herr Müller-Michelis sind schuld am Niedergang des Sports. Die Niederlage im Wettkampf ist weder eine Schande, noch ein Indiz für den Verlust der Glaubwürdigkeit. Schmierenjournalisten wie Sie tragen die Verantwortung für Dopingsumpf und auch für den Werteverfall im Sport. Egal, wer nach dem letzten Gong die Arme hochreißen darf: Gewonnen hat der Sport. Was wird dieser Boxer einst seinen Kindern erzählen können. Werte wie Fleiß, das "Nicht Aufgeben", auch wenn die Lage hoffnungslos erscheint. .. Wer kämpft, kann verlieren - wer nicht kämpft, der hat schon verloren. Viel Erfolg, Boxer!
demwz 19.05.2017
5. Zocker
Der Typ ist ein Zocker, setzt alles auf eine Karte und hatte bisher Glück. Hoffentlich hört er rechtzeitig auf.
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