Nach Zeuges Niederlage gegen Fielding Zwei zu große Egos im Ring

Harte Attacken, punktgenaue Konter, einen unterhaltsamen Schlagabtausch - all das bot die Box-Weltmeisterschaft zwischen Tyron Zeuge und Rocky Fielding. Allerdings erst nach der Urteilsverkündung.

Jürgen Brähmer und Wilfried Sauerland (Archivbild 2016)
Getty Images

Jürgen Brähmer und Wilfried Sauerland (Archivbild 2016)


Jürgen Brähmer griff nach seinem Handtuch und warf es in den Ring. Der Trainer wollte nicht mehr mitansehen, wie sein Schützling Tyron Zeuge vor tausend Zuschauern in Offenburg von Rocky Fielding verprügelt wurde. Nach gutem Start hatte der einzige aktuelle deutsche Weltmeister seinen Supermittelgewichtstitel aus der Hand gegeben. Schon in der vierten Runde wackelte Zeuge, in Runde fünf ging er nach einem Leberhaken zu Boden, dann flog das Handtuch. Während Fielding jubelte, begann der eigentliche Kampf - um die Frage, wer für die Niederlage verantwortlich ist.

Fielding prügelt auf Zeuge ein
Getty Images

Fielding prügelt auf Zeuge ein

Brähmer nutzte das obligatorische Interview im Ring zu einem Angriff auf Promoter Wilfried Sauerland und sein Team. "Wir wissen genau, wem wir das zu verdanken haben", sagte der Schweriner und sprach davon, Zeuge sei "zu dem Kampf gezwungen" worden. "Tyron kann ich keinen Vorwurf machen." Den machte er stattdessen dem ehemaligen Sauerland-Geschäftsführer Frederick Ness und "dem ganzen Saftladen".

Worte wie Führhände durch die Deckung geradewegs ins Gesicht. Doch Sauerland ist zu erfahren, um beim ersten harten Treffer zu Boden zu gehen. Wenige Minuten nach Brähmer trat der 78 Jahre alte Promoter ans Mikrofon und holte zum Gegenschlag aus. Zeuge sei nicht zu dem Kampf gedrängt worden. Im Gegenteil: "Wir haben von deren Seite ein Anwaltsschreiben mit einer Frist bekommen, nur deshalb hat Tyron heute hier geboxt", sagte Sauerland. Ein verbaler Aufwärtshaken, gefolgt von einer bemerkenswerten Kombination.

Zunächst warf Sauerland dem Trainer taktische Fehler vor, dann sagte er, Brähmer habe eine Wasserflasche nach seiner Frau geworfen. Das werde er sich "natürlich nicht gefallen lassen". Überhaupt gebe es atmosphärische Störungen, seit Zeuge den Trainer gewechselt habe.

Tatsächlich knirscht es zwischen Brähmer und Sauerland schon lange. Der Schweriner, der zu seiner aktiven Zeit vom "Jahrhunderttalent" zum "Knast-Boxer" wurde, weil er seine Fäuste nicht nur im Ring einsetzte, hatte seine Profikarriere bei Sauerlands langjährigem Konkurrenten Universum Box-Promotion begonnen. Erst als Universum 2012 Insolvenz anmelden musste, schloss sich Brähmer mangels anderer Alternativen Sauerland an.

Jürgen Brähmer (r., Archivbild 2013, WM-Kampf gegen Marcus Oliveira)
Getty Images

Jürgen Brähmer (r., Archivbild 2013, WM-Kampf gegen Marcus Oliveira)

Die Zusammenarbeit begann erfolgreich. Ende 2013 wurde Brähmer zum zweiten Mal Weltmeister im Halbschwergewicht, es folgten sechs Titelverteidigungen in drei Jahren. Schon zu dieser Zeit soll es Unstimmigkeiten in Bezug auf Kampftermine, Gegnerauswahl und Börsenzahlungen gegeben haben. Nachdem Brähmer den WM-Gürtel im Oktober 2016 gegen Nathan Cleverly verloren hatte, schienen sowohl die Zweckehe als auch die Karriere Brähmers beendet.

Doch statt die Handschuhe für immer auszuziehen, wechselte Brähmer die Gewichtsklasse, um im Supermittelgewicht an der von Sauerland-Sohn Kalle organisierten und gut dotierten World Boxing Super Series teilzunehmen. Seinen Erstrundenkampf gegen Rob Brant konnte er zwar gewinnen, das folgende Halbfinale gegen Callum Smith sagte er aber ab. Offiziell wegen eines grippalen Infekts, vielleicht war Brähmer aber auch verschnupft, weil die zugesagten Kampfbörsen nach unten korrigiert werden sollten.

Das Turnier wurde ohne ihn fortgesetzt, Brähmer kündigte an, sich einklagen zu wollen. Der Beziehung zur Sauerland-Familie wird diese Episode nicht zuträglich gewesen sein. Zu diesem Zeitpunkt hatte Brähmer schon begonnen, als Trainer zu arbeiten. Und mit Zeuge hatte er sich das aussichtsreichste deutsche Talent gesichert.

Rematch oder kein Rematch?

Seitdem trainiert der 26 Jahre alte Zeuge nicht mehr in Berlin unter Aufsicht von Sauerland, sondern in Schwerin, wo Brähmer am Aufbau seines eigenen Stalls arbeitet. Im Mai kündigte Zeuge an, nicht mehr für seinen bisherigen Promoter boxen zu wollen, Sauerland bestand aber auf Erfüllung des bis 2019 gültigen Vertrags. Zwei Wochen vor der WM gegen Fielding beklagte sich Brähmer öffentlich über Sauerlands schlechte Zahlungsmoral und bemängelte, dass in Zeuges Kampfvertrag keine Rematchklausel vereinbart worden sei.

Diesen Vorwurf wiederholte er nach der Niederlage im Ring. "Eine freiwillige Titelverteidigung ohne Rückkampf - so was habe ich noch nie gehört", sagte Brähmer. Sauerland entgegnete, dass entsprechende Klauseln nicht notwendig seien, wenn man "über zwei Generationen" mit einem anderen Promoter zusammenarbeite, wie das bei seiner Familie und Barry und Eddie Hearn der Fall sei, die den neuen Weltmeister betreuen.

"This one is coming home!"

Fielding interessierte sich nicht für die Scharmützel innerhalb des gegnerischen Teams. Er sei einfach stolz auf seine Leistung, sagte der 30-jährige Brite, reckte den WM-Gürtel in die Luft und rief seinen mitgereisten Fans in Anlehnung an die weniger erfolgreichen englischen Fußballer zu: "This one is coming home!" Angesprochen auf ein mögliches Rematch sagte Fielding, er glaube nicht, dass Zeuge überhaupt einen Rückkampf wolle.

Rocky Fielding
Getty Images

Rocky Fielding

Dafür müsste ohnehin zunächst geklärt werden, ob der Ex-Weltmeister seinen Promoter oder den Trainer wechselt. Eine weitere Zusammenarbeit zwischen Sauerland und Brähmer scheint ausgeschlossen. Im Idealfall gibt eine Seite nach und überlässt der anderen das Feld.

Ein fließender Übergang wäre möglich gewesen. Eigentlich wollte sich Sauerland schon in den Ruhestand zurückziehen. Er ist nur ins aktive Geschäft zurückgekehrt, weil seine Söhne Nisse und Kalle so sehr mit internationalen Projekten beschäftigt sind, dass sie ihren Heimatmarkt vernachlässigt haben. Nach Zeuges Niederlage gibt es erstmals seit 14 Jahren keinen deutschen Weltmeister mehr.

Zwei zu große Egos stehen sich gegenseitig im Weg

Anstatt selbst wieder mitzumischen, hätte Sauerland den Staffelstab auch an Brähmer weiterreichen können, der große Ambitionen und mit dem ehemaligen Universum-Geschäftsführer Peter Hanraths einen erfahrenen Berater an seiner Seite hat. Doch nach dem Eklat dürfte dies keine Option mehr sein, dafür treffen zu große Egos aufeinander.

Der Kampf nach dem Kampf wird vermutlich weitergehen - mit gegenseitigen Schuldzuweisungen in der Öffentlichkeit und angesichts bestehender Verträge möglicherweise auch vor Gericht. Darunter würden vor allem zwei eigentlich unbeteiligte Parteien leiden: Tyron Zeuge und das deutsche Boxen.

Anmerkung: Der Autor arbeitete von 2006 bis 2013 für Arena Box-Promotion, zunächst in der Presseabteilung, später als Geschäftsführer. Heute ist er ehrenamtlich für den Bund Deutscher Berufsboxer sowie den Weltverband WBC (World Boxing Council) tätig und schreibt als freier Journalist unter anderem für SPIEGEL ONLINE und das Fachmagazin "Boxsport".

Mehr zum Thema


insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
toninotorino 15.07.2018
1. Damit fängt es schon mal an....
Würde ich zulassen, dass "mein" Boxer mit dem Wort "kurzurlaub" auf seiner Hose zu einem WM-Kampf in den Ring steigt? Nee.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.