Box-WM im Supermittelgewicht Keine Zeugen

Stell' dir vor, es ist WM, und keiner kann es sehen. Tyron Zeuge hat seinen Titel durch technischen K.o. verteidigt. Aber im entscheidenden Moment zeigte der TV-Sender Werbung.

Tyron Zeuge
Bongarts/Getty Images

Tyron Zeuge


Tyron Zeuge hat allen Grund, zufrieden zu sein. Der 25-jährige Berliner bleibt Box-Weltmeister im Supermittelgewicht. Nicht nur das: Er hat seinen Herausforderer Isaac Ekpo am Samstagabend in Hamburg schon in der zweiten Runde ausgeknockt. Wenn der einzige verbliebene deutsche Weltmeister derartig souverän gewinnt, müsste der Jubel groß sein. Doch der Sieg hat Schönheitsfehler.

Der erste war die Leistung des Gegners. Ekpo wirkte vom ersten Gong an überfordert, bewegte sich behäbig, kämpfte ohne sichtbare Deckung und bot so ein dankbares Ziel. Dass Zeuge die Schwächen seines Gegners konsequent ausnutzte, ihn schon in der ersten Runde zu Boden schickte und dann im zweiten Durchgang abfertigte, kann man Zeuge kaum vorwerfen. Mike Tyson wurde für seine vielen kurzründigen K.o.s als Held gefeiert - obwohl viele seiner Gegner noch chancenloser waren als der Nigerianer.

War Zeuge zu stark oder der Gegner zu schwach?

Aber Zeuge ist nicht Tyson. Von 23 Kämpfen hat er "nur" zwölf vorzeitig gewonnen. Der Berliner gilt nicht als klassischer Knockouter. Dementsprechend liegt es nahe, den Blitzsieg eher der Schwäche des Gegners als der Stärke des Weltmeisters zuzuschreiben. Immerhin ist Ekpo schon 37 Jahre alt - und bewegte sich im Ring wie ein 57-Jähriger. Zudem hatte er vor einem Jahr schon einmal gegen Zeuge verloren.

Isaac Ekpo (l.), Tyron Zeuge
DPA

Isaac Ekpo (l.), Tyron Zeuge

Doch man kann weder Zeuge noch seinem Sauerland-Team vorwerfen, einen handverlesenen und besonders schlechten Herausforderer für die dritte Titelverteidigung des Weltmeisters ausgesucht zu haben. Der Rückkampf gegen Ekpo war vom Weltverband angeordnet worden, weil das erste Duell durch eine Cut-Verletzung ein kontroverses vorzeitiges Ende gefunden hatte. Zeuge musste also gegen Ekpo boxen - und er ließ keinen Zweifel daran, dass er der bessere Mann ist.

Ekpo geht zu Boden, "Sport1" zeigt Werbung

Der schwache Gegner war aber nur eines der Probleme. Noch schwerer wiegt die Tatsache, dass die deutschen TV-Zuschauer den entscheidenden Schlag gar nicht live sehen konnten. Die Weltmeisterschaft wurde zwar von Sport1 übertragen, doch als Zeuge zu Beginn der zweiten Runde ernstmachte und Ekpo zu Boden schickte, war der Sender noch in der Werbepause.

Statt den Berliner für seine starke Leistung zu feiern, dürften sich die Fans vor den Bildschirmen über die Fehlleistung der Fernsehverantwortlichen echauffiert haben. Auch Tobias Drews, Kommentator und "Head of Boxing" bei Sport1, ließ seinem Unmut am Ring freien Lauf, indem er wutentbrannt seine Unterlagen durch die Gegend warf.

Das Publikum wollte lieber "Hafen-Basti" sehen

In der Halle wurde Zeuge zwar gefeiert - aber das auch nur von einer Handvoll eingefleischter Fans. Die eigentlich ausverkaufte Arena in Hamburg-Wilhelmsburg war während des Hauptkampfes nur noch zu zwei Dritteln gefüllt. Nach dem schnellen Ende leerte sie sich blitzartig. Viele Zuschauer waren nicht für die WM mit Zeuge gekommen, sondern um den Vorkampf zwischen den Lokalmatadoren Sebastian Formella und Angelo Frank zu sehen.

Sebastian Formella (r), Angelo Frank
DPA

Sebastian Formella (r), Angelo Frank

Das Duell zwischen "Hafen-Basti" und dem Artisten vom Zirkus "Europa" hielt, was sich die Fans von ihm versprochen hatten. In einem unterhaltsamen Kampf hatten beide Boxer starke Momente. Am Ende siegte Formella durch technischen K.o. in der siebten Runde. Zuvor hatte er Frank mit einer rechten Geraden auf den Solar Plexus zu Boden gezwungen. Der Zirkus-Boxer kam zwar noch mal auf die Beine, wurde aber im anschließenden Schlaghagel von seinem Trainer aus dem Kampf genommen.

Murat mit spektakulärem Sieg

Noch spektakulärer war die Auseinandersetzung zwischen Karo Murat und dem US-Amerikaner Travis Reeves um den Titel der eher unbedeutenden International Boxing Organization (IBO) im Halbschwergewicht. Murat und Reeves lieferten sich einen packenden Schlagabtausch, in dem beide reihenweise harte Treffer kassierten. In der zwölften und letzten Runde kam Murat mit einem linken Kopfhaken durch, der seinen Gegner bedenklich ins Wanken brachte.

Murat setzte nach, Reeves konnte sich nicht mehr wehren, sodass sich Ringrichter Oliver Brien gezwungen sah, den Kampf abzubrechen. Auch wenn das Ende für Diskussionen sorgte, weil einige Zuschauer der Meinung waren, dass der Referee zu früh eingegriffen hat, wurden beiden Boxer für ihre starken Leistungen gefeiert.

Travis Reeves (l.),
DPA

Travis Reeves (l.),

Auch das war ein Problem für Zeuge: Da die Vorkämpfe so ausgeglichen und mitreißend waren, fiel sein klarer Sieg über einen schwachen Gegner im Vergleich ab. Zudem hat der Berliner in Hamburg kaum Fans. Insgesamt ist der 25-Jährige bundesweit bemerkenswert unbekannt, wenn man bedenkt, dass er noch ungeschlagen und der momentan einzige deutsche Box-Weltmeister ist.

So passt es ins Bild, dass der K.o. nicht zu sehen war. Ein Phantomschlag eines Phantomweltmeisters, von dessen Existenz die meisten Deutschen nichts wissen. Dabei wäre es Zeuge zu wünschen, dass mehr Menschen von ihm und seinem Können erfahren - zumindest, wenn er so gut boxt wie gegen Ekpo und dabei nach Möglichkeit noch stärkere Gegner vor die Fäuste bekommt.

Im Gespräch ist ein Duell mit Ex-Weltmeister Arthur Abraham, das für beide lohnenswert sein könnte: Für Abraham wäre es die wohl letzte WM-Chance, für Zeuge die Möglichkeit, durch den Sieg gegen einen großen Namen bekannter zu werden. Wenn der Kampf zustande kommen sollte, wird der übertragende Fernsehsender hoffentlich darauf achten, ihn auch wirklich zu zeigen.



insgesamt 7 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
cmann 25.03.2018
1. So nicht!
Avanti Diletanti! Wenn so Boxveranstaltungen im TV übertragen werden können die Verantwortlichen "den Laden bald dicht machen". Wie schon öfter kolportiert werden da Fights hochgejubelt. und als Top Event "verkauft" die sich dann eher als "Kirmes Boxen" herausstellen. So gewinnen die Veranstalter weder TV Publikum noch potente TV Sender zurück.
frietz 25.03.2018
2.
Dies sind keine Boxübertragungen, das sind Werbesendungen mit Boxunterbrechungen.
romeov 25.03.2018
3. Bitte niemals mehr
...Boxübertragungen bei den Privaten - das macht Null Spaß. Zu einem Boxkampf gehört halt das ganze Drum und Dran inkl. Anweisungen des Trainers. Dazu noch ganz wirre Längen der Werbepausen. Warum dieser Transvestit nach seiner Meinung gefragt wurde, bleibt mir ein Rätsel, wahrscheinlich ist er ein C-Promi aus dem Dschungelcamp. So geht das einfach nicht, das ist TV aus den 80ern.
joanz74 25.03.2018
4. Sport 1, auch das noch...
Bei der gesamten performance von Sport 1 gab es Licht und Schatten. Zu aller erst, Tyron Zeuge hat seine Sache super gemacht, was hier im Artikel nicht rüber kommt, wie er die schlage von seinem kontrahenten abgefedert und abgefangen hat, und sofort beantwortet hat. Habe ich persönlich von einem deutschen Boxer auf gehobenen Internationalen Niveau lange nicht mehr gesehen. Und da ist der nächste Punkt, es war kein echter WM Kampf, Weltmeister ist George Grooves, der als regulär Champ bezeichnete Gürtel ist mehr der Pflicht Herausforderer. Zeuge wird öffentlich als letzter deutscher Weltmeister promotet, ist es aber nicht. Da stimmt der Phantom Vergleich schon. Trotzdem Kompliment zur Leistung. Karo Murat ist mit einem blauen Auge und gebrochener Rippe nochmal davon gekommen, und die Hamburger Stadtmeisterschaft im superwelter war auch unterhaltsam. Was man von der Regie von Sport1 und teilen der Experten nicht sagen kann. Axel Schulz in Ehren, aber wo er und der andere Experte über Deontay Wilder erzählten der kann nicht boxen und hat nur Glück, wurde es richtig peinlich.
p.mugay 25.03.2018
5. Ein Boxabend vom Feinsten
Zweiter Versuch 12:44 Ein Boxabend vom Feinsten p.mugay. 10:51: Der Weltchampion aus Nigeria wird vom deutschen Giganten nach Niederschlagsvorbereitung schon in der ersten Runde gleich zu Beginn der zweiten Runde mit mehreren wunderbaren Genickschlägen zu Boden gestreckt - der SPIEGEL hat den Spezialschlag von Zeuge schon in der Nacht fotografisch dokumentiert. Hurra - die deutsche Boxszene ist aus der Nach-Sauerland-Ödnis herausgerissen. Geht der nächste Kampf von Schmeling-Maske-Nachfolger Zeuge gegen einen Sandsack oder gegen eine Maisbirne?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.