Box-Weltmeister Manuel Charr Mahmoud Schmeling

Manuel Charr hat immer gesagt, er könne alles schaffen. Das scheint zu stimmen. Er ist der erste deutsche Box-Weltmeister im Schwergewicht seit 85 Jahren - ohne Deutscher zu sein.

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Kurz nachdem er sich seinen Lebenstraum erfüllt hatte, saß Manuel Charr auf einer Holzbank in einem separaten Teil seiner Umkleidekabine. Seine 20-köpfige Entourage und viele der 5000 Zuschauer, die seinen einstimmigen Punktsieg über den Russen Alexander Ustinow in der Oberhausener Arena miterlebt hatten, wollten dem "Diamond Boy" gratulieren und am liebsten ein Selfie mit dem frischgebackenen WBA-Weltmeister schießen. Doch Charr war noch nicht nach Feiern zumute.

In diesem ersten Moment war niemand bei ihm außer seinem Bruder Khaled - der die Tür bewacht, damit niemand stört. Charr jubelte nicht. Er tanzte nicht. Er schien sich nicht mal sonderlich zu freuen. Er saß einfach da und sagte: "Mir tut alles weh!"

Noch hatte der 33-Jährige nicht vollständig realisiert, was ihm gerade gelungen war: Obwohl er vor zwei Jahren nach mehreren Bauchschüssen fast gestorben wäre, obwohl er sich vor nicht mal sieben Monaten eine beidseitigen Hüftoperation unterziehen musste, ist er tatsächlich Schwergewichts-Weltmeister. Auch wenn das seinen Kritikern und vielen Box-Fans missfällt, steht er damit in der Tradition von Lennox Lewis, Mike Tyson, Muhammad Ali und auch Max Schmeling, dem bislang einzigen Deutschen, der den WM-Titel in der Königklasse gewinnen konnte.

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Box-Weltmeister Charr: Schmelings Erbe

Im Ring, unmittelbar nach der Urteilsverkündung, hatte Charr seinen Fans zugerufen, dass er die Weltmeisterschaft "für Deutschland" gewonnen habe. Er wird als Schmeling-Nachfolger gefeiert. Dass ihm dafür bislang ein entscheidendes Detail fehlt, ist zweitrangig: Charr hat trotz lange gestelltem Einbürgerungsantrag noch gar keinen deutschen Pass.

Mahmoud Omeirat Charr wurde 1984 in Beirut geboren, im Alter von fünf Jahren kam er nach Deutschland, als seine Mutter mit ihren Kindern vor dem libanesischen Bürgerkrieg floh, der Charrs Vater das Leben kostete. Er begann mit dem Kampfsport und machte sich zunächst als Kickboxer, später dann als Boxer einen Namen. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Wie viele andere Profiboxer mit Migrationshintergrund wurde Charr von seinem Promoter umbenannt, um ihn zur besseren Vermarktbarkeit "deutscher" zu machen. Den Namensteil Charr durfte er behalten, aus Mahmoud wurde Manuel.

Der talentierteste Boxer war er nie. Doch seit Beginn seiner Karriere zeichnete er sich durch Mut, Kämpferherz und unbändigen Willen aus - genau die Qualitäten, die ihm gegen Ustinow zum WM-Titel verhalfen.

"Ihr müsst immer an euch glauben."

Nachdem er in den ersten drei Runden gegen den 2,02 Meter großen Russen Treffer um Treffer kassiert hatte, ohne ernsthaft zurückzuschlagen und es fast so aussah, als würde er früh durch K.o. verlieren, drehte Charr zur Mitte des Kampfes auf, brachte Ustinow in der siebten Runde bedenklich zum Wackeln und fällte den Riesen in Runde acht schließlich mit einem punktgenauen linken Haken zum Kopf.

Ustinow kam zwar wieder auf die Beine, hatte sich aber zu Beginn so ausgepowert, dass er nichts mehr entgegenzusetzen hatte. Die Leistung im wichtigsten Kampf seines Lebens war ein Spiegelbild von Charrs bemerkenswertem Weg: Er ließ sich von Rückschlägen nie aufhalten, sondern schlug immer härter zurück.

"Ich habe eine einfache Botschaft an alle Menschen da draußen", sagte Charr bei der Pressekonferenz nach dem Sieg. "Ihr müsst immer an euch glauben, das kann kein anderer für euch erledigen. Wenn ihr an euch glaubt, könnt ihr alles erreichen."

Pathos gehört zum Sport, gerade zum "Ur-Sport" Boxen, der vielleicht elementarsten Form des Zweikampfes. Und gerade zu einer Geschichte wie der Charrs.

Manuel Charr (r.)
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Manuel Charr (r.)

2015 ging er gegen den Letten Mairis Briedis schwer K.o., danach folgten die Schüsse in einem Essener Imbiss. "Ich war ganz unten und habe trotzdem immer an mich geglaubt. Schaut, wo ich jetzt bin", sagte Charr und streichelte seinen WM-Gürtel.

Ustinow war sicher nicht der stärkste Gegner und ob der Kampf eine würdige Weltmeisterschaft war, ist umstritten. Aber Charr hat wie immer in seinem Leben aus einer denkbar schlechten Ausgangsposition das Beste gemacht. Deswegen verzeiht man ihm das Pathos und glaubt ihm, dass er wirklich alles schaffen kann: sogar, doch noch deutscher Staatsbürger und damit tatsächlich Schmeling-Nachfolger zu werden.

Anmerkung: Der Autor arbeitete von 2006 bis 2013 für Arena Box-Promotion, zunächst in der Presseabteilung, später als Geschäftsführer. Heute ist er ehrenamtlich für den Bund Deutscher Berufsboxer sowie den Weltverband WBC (World Boxing Council) tätig und schreibt als freier Journalist unter anderem für SPIEGEL ONLINE und das Fachmagazin "Boxsport".

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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
Baerenbaer 27.11.2017
1. Er IST Deutscher!
Was schreiben Sie denn hier bzgl. Charrs Nationalität?!? Manuel Charr IST Deutscher - wenn auch erst seit einigen Wochen. Sie sollten besser recherchieren und Ihren o.a. Artikel korrigieren.
stefan.p1 27.11.2017
2. Zu Max Schmeling
Max Schmeling war lange nicht der große Boxer als der er gerne dargestellt wird. Den WM Titel errang er nur weil sein Gegner tief geschlagen hat. Er konnte den Titel auch nur einmal verteidigen, dann verlor er den Rückkampf. Berühmt wurde er durch einen Glücksschlag gegen Loe Louis, der ihn dann aber bei dem Rückkampf übelst verprügelte.
ichliebeeuchdochalle 28.11.2017
3.
Zitat von BaerenbaerWas schreiben Sie denn hier bzgl. Charrs Nationalität?!? Manuel Charr IST Deutscher - wenn auch erst seit einigen Wochen. Sie sollten besser recherchieren und Ihren o.a. Artikel korrigieren.
Die Aussage ist falsch wie Manuel Charr am 28.11.2017 öffentlich klarstellte. Das Verfahren läuft noch. Zitat Charr: "Mein Einbürgerungsverfahren läuft".
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