Zum Tod des Boxers Markus Beyer Der bescheidene Champion

Nach Graciano Rocchigiani hat Box-Deutschland den nächsten Star verloren. Markus Beyer ist nach kurzer, schwerer Krankheit verstorben. Im Ring war er ein großer Champion, außerhalb überzeugter Erzgebirger.

Markus Beyer
AP

Markus Beyer


Um im Profiboxen erfolgreich zu sein, braucht man zahlreiche Qualitäten. Talent kann nicht schaden, noch wichtiger sind Ehrgeiz, Trainingsfleiß und Disziplin. Schlagkraft hilft, ein Kämpferherz und gute Nehmerfähigkeiten helfen vielleicht sogar mehr. Und schließlich gehört Sendungsbewusstsein dazu. Wo Sport und Geschäft aufeinandertreffen, muss man sich verkaufen können. Markus Beyer hat bewiesen, dass der letzte Punkt nicht der bedeutendste ist.

Am Montag ist der dreimalige WBC-Weltmeister im Supermittelgewicht in einem Berliner Krankenhaus gestorben. Er wird als einer der größten deutschen Boxer der Nach-Maske-Generation in Erinnerung bleiben, obwohl er im Gegensatz zu vielen anderen kein Selbstdarsteller war.

Die Nachricht von Beyers Tod hat die Boxwelt wie ein schwerer linker Kopfhaken getroffen, den man nicht kommen sieht. Für den Sport ist es der zweite harte Schlag innerhalb kürzester Zeit. Am 1. Oktober war mit Graciano Rocchigiani schon eine deutsche Boxlegende bei einem Autounfall ums Leben gekommen.

Beyer und Rocchigiani waren sich in manchen Punkten ähnlich. Sie waren geborene Kämpfer, mehrfache Weltmeister, bis zuletzt beliebte TV-Experten und haben die wohl bekannteste Boxerweisheit gelebt: Es ist egal, wie oft du zu Boden gehst, solange du wieder aufstehst.

In anderen Bereichen hätten die beiden Ex-Champions nicht unterschiedlicher sein können. Während Rocchigiani für seine "Berliner Schnauze" bekannt und beliebt war und mit seinen sehr direkten und manchmal beleidigenden Aussagen bewusst provozierte, war Beyer ein Mann für die leisen Töne.

Ein echter "Erzgebirger"

Bis zum Sommer hatte er für den MDR die von Promoter Ulf Steinforth ausgerichteten Kampfabende analysiert. Der Sender gab in Abstimmung mit Beyers Familie die Nachricht vom Tod nach kurzer, schwerer Krankheit bekannt. "Wir haben nicht nur einen großen Experten, sondern auch einen guten Freund verloren", sagt Steinforth. "Ich bin stolz, dass Markus unsere Veranstaltungen begleitet hat. Wir haben uns oft übers Boxen ausgetauscht. Er war ein großartiger Mensch und ein wichtiger Ratgeber."

Beyer wurde am 28. April 1971 im sächsischen Erlabrunn geboren. Obwohl er im Laufe seiner Karriere zeitweise in Köln, Berlin und Bremen lebte, blieb er sein Leben lang überzeugter "Erzgebirger, nicht Erzgebirgler", wie er gern betonte. Und er blieb immer Boxer.

Seine ersten Erfolge feierte er schon als Schüler für die SG Wismut Gera. 1988 wurde Beyer Junioreneuropameister im Fliegengewicht. Für das wiedervereinigte Deutschland nahm Beyer an den Olympischen Spielen 1992 und 1996 sowie an den Weltmeisterschaften 1993 und 1995 teil. Für einen Titel reichte es zwar nicht, aber trotzdem ebnete ihm die Amateurzeit mit 235 Siegen in 274 Kämpfen den Weg für die folgende Profikarriere.

Der erste Deutsche, der dreimal Weltmeister wurde

Am 23. Oktober 1999 entthronte Beyer im britischen Telford WBC-Weltmeister Richie Woodhall. Dreimal ging Woodhall zu Boden, am Ende stand ein knapper Punktsieg für Beyer. Damit wurde er nach Max Schmeling und Ralf Rocchigiani der dritte Deutsche, der einen WM-Titel im Ausland gewinnen konnte.

Zweimal musste Beyer den Gürtel in den folgenden Jahren wieder abgeben, 2004 gewann er die Weltmeisterschaft durch einen krachenden K.-o.-Sieg gegen Cristian Sanavia zum dritten Mal. Das war vor Beyer noch keinem Deutschen gelungen.

Weltmeister Beyer
DPA

Weltmeister Beyer

2006 war seine Karriere de facto beendet, nachdem er vom Dänen Mikkel Kessler schon in der dritten Runde brutal ausgeknockt worden war. Bei all den Höhe- und Tiefpunkten immer an Beyers Seite: Trainer Ulli Wegner. "Markus war mein Herzensjunge", sagt Wegner. "Ich habe über all die Jahre immer mit ihm gelitten und gefeiert. Er war von klein auf an bei mir. Bei allen großen Titeln seit der Junioren-EM. Wir haben so viel zusammen erlebt."

Wegner war es auch, der Beyer zur Behandlung nach Berlin geholt hat. "Ich war dort selbst in Behandlung, der Chefarzt ist ein Freund von mir und großer Boxfan", sagt der Trainer. "Die haben alles versucht, aber es war einfach nichts zu machen. Es ist tragisch. In Gedanken bin ich bei der Familie. Die Eltern waren bei ihm, als er eingeschlafen ist."

Missglücktes Comeback und Rückkehr ins Erzgebirge

Gegen den Krebs war selbst der große Kämpfer Beyer chancenlos. Sein Körper war der einzige Gegner, den er nicht besiegen konnte. Das war schon 2008 so gewesen, als ein Comeback-Versuch an Rückenproblemen scheiterte. Beyer bestritt zwar noch einen Aufbaukampf, musste dann aber einsehen, dass seine aktive Zeit nach einem Ermüdungsbruch im Lendenwirbelbereich vorbei war.

Er akzeptierte sein Schicksal und versuchte sich kurz als Manager. Dazu hatte er 2005 mit seiner damaligen Lebensgefährtin Daniela Haak eine Firma gegründet. Haak kannte sich im Showgeschäft aus, sie war als Sängerin der Pop-Combo Mr President bekannt geworden. Doch das Jetset-Leben, das Haak vorschwebte, war nichts für Beyer. 2009 trennte sich das Paar, Beyer stieg aus der gemeinsamen Firma aus und zog zurück ins Erzgebirge, wo er sich immer sicher und zu Hause fühlte.

Die Ausflüge in die große weite Welt konnte er zwar genießen, passte aber nie so richtig hinein. Als der World Boxing Council im Dezember 2014 einige der größten ehemaligen Weltmeister nach Las Vegas einlud, versammelten sich unter anderem Mike Tyson, Evander Holyfield, Sugar Ray Leonard, Marvin Hagler, Thomas Hearns, Floyd Mayweather jr., Julio Cesar Chavez, Roberto Duran und viele weitere auf der Bühne. Beyer blieb im Publikum sitzen und machte Fotos wie jeder normale Fan. Er musste dazu gedrängt werden, sich mit auf das Gruppenfoto zu stellen.

Im Ring war er ein Champion wie die anderen, außerhalb ist er immer Erzgebirger geblieben. Markus Beyer wird der Boxwelt fehlen. Er wurde nur 47 Jahre alt.

Mehr zum Thema


insgesamt 4 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
niroclean 04.12.2018
1. Traurig
Ein bescheidener guter Sportler, der leider viel zu jung gestorben ist. Man wird ihn nicht vergessen. Ruhe in Frieden Markus.
andreasm.bn 04.12.2018
2. dieser scheixx Krebs,
Geißel der Menschheit, die man wohl nie wirklich in den Griff bekommen wird. Mach's gut Markus. Du warst stilistisch-technisch einer der besten Boxer, die man je gesehen hat. Hat meistens Spaß gemacht Dir zuzuschauen, auch wenn Du nie der große Fighter warst. Grüß Ali dort oben.
Referendumm 04.12.2018
3.
Erst einmal vielen Dank an Malte Müller-Michaelis für diesen sehr guten Nachruf. Dies trifft es am Besten: "Ich kann meine Gefühle mit Worten nicht beschreiben. Jeder weiß, dass er mein Lieblingssportler war - und das hatte vor allem eine menschliche Komponente. Markus Beyer war ein durch und durch feiner Mensch. Im Moment fühle ich mich, als hätte mir jemand in die Magengrube geschlagen. Ich muss das alles erst verarbeiten", wird Trainer Wegner beim MDR zitiert. Diesen Worten schließe ich mich an - RIP Markus Beyer
nurEinGast 05.12.2018
4.
Markus war in Gera ein sehr bekannter Sportler, selbst Leute jenseits des Boxsports kannten ihn. Auch wenn er vielleicht nie die ganz grosse Karriere hatte, so war er für mich und viele meines Jahrganges doch ein "Grosser". Er wird vermisst werden.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.