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Boxer Briggs: Kanone mit Kanüle

Von Florian Haas

"Ich fühle mich gut. Ich sehe schön aus": Shannon Briggs ist nach seiner dramatischen Niederlage gegen Vitali Klitschko schon wieder ganz der Alte. Eine Pressekonferenz in einem Hamburger Krankenhaus zelebrierte der Boxer als One-Man-Show - nur bei einer Frage wurde er plötzlich kleinlaut.

REUTERS

Als Shannon "The Cannon" Briggs um die Ecke biegt, geht das Licht aus. Ein symbolischer Vorgang? Der 38-jährige US-Amerikaner stört sich nicht an der plötzlichen Dunkelheit - obwohl er eine große Sonnenbrille trägt. Briggs hebt den Daumen und grinst. Seine Show beginnt. Wohl zum letzten Mal bei seinem sportlich überaus erfolglosen Hamburg-Besuch.

Briggs hielt die Pressekonferenz im Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) ab. Und die anderen Patienten bestaunten den Medienrummel. Briggs, der vor dem Schwergewichtskampf gegen Vitali Klitschko getönt hatte wie einst Muhammad Ali, posierte im eigens abgesperrten Gang in der ersten Etage des UKE. Dann stolzierte er in einen Raum, setzte sich hinter einen Tisch und redete. Und redete.

Er dankte den Ärzten, lobte das deutsche Gesundheitssystem und Deutschland an sich. Briggs pries Vitali Klitschko als großen Boxer, am meisten aber feierte er sich selbst. "Ich habe der Welt gezeigt, dass ich nie aufgebe. Ich bin ein großer Champ", sagte Briggs, "ich fühle mich gut. Ich sehe schön aus." Zum Beweis streifte er den Pullover ab und zeigte seine Muskeln.

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Boxer Briggs: Strahlemann im Krankenhaus
Briggs hatte bei seiner klaren Punktniederlage gegen Klitschko am vergangenen Samstag in Hamburg insgesamt mehr als 170, zum Teil sehr harte Treffer einstecken müssen. Er hielt über die vollen zwölf Runden durch, kollabierte aber nach dem Kampf in der Kabine und wurde noch in der Nacht zum Sonntag mit Blaulicht ins UKE gebracht. Dort diagnostizierten die Ärzte Frakturen der Augenpartie und einen Nasenbeinbruch sowie einen Riss des Trommelfells. Zudem wurde eine Bizepsverletzung festgestellt, wegen der der Amerikaner nun in Hamburg operiert wird.

Erst in den Urlaub - dann zurück nach Hamburg

Noch einige Tage wird sich Briggs in der Klinik erholen, dann will er zurück in die USA fliegen, anschließend mit der Familie in Urlaub fahren - und in sechs Wochen zur Nachuntersuchung nach Hamburg zurückkommen. "Dann habt ihr mehr von mir", sagte er zu den zahlreichen Journalisten. Ob sich der lautstarke Mann mit den wilden Rasta-Zöpfen aber noch einmal im Ring präsentiert, ist indes sehr ungewiss.

Als Briggs die Sonnenbrille abnahm, sah man die Schwellungen an Augen und Wangen sowie eine Nase, die breiter wirkte als vor dem Kampf. Der Frage, ob er ein zweites Mal gegen Klitschko antreten werde, wich er aus. Ob er denn überhaupt wieder in den Ring steigen werde, wisse er nicht. Noch nicht. "Ich werde mich mit meinem Management zusammensetzen. Dann werden wir Pläne machen", sagte er. Es klang zurückhaltend. Und wenn ein Entertainer wie Briggs bei Fragen nach dem Abschied kleinlaut wird, scheint eine Fortsetzung der Karriere mehr als ungewiss.

Ärzte geben grünes Licht für weitere Fights

Zudem verwies der frühere Weltmeister am Mittwoch auffallend oft auf seine Leistungen in der Vergangenheit. Er sagte auch, dass der Klitschko-Kampf für seine Frau und seine beiden Kinder schmerzhaft anzusehen gewesen sei. Die Börse vom Samstag könnte die Entscheidung beeinflussen: Rund 750.000 Dollar soll er - quasi als "Schmerzensgeld" - kassiert haben.

Von den behandelnden Ärzten im UKE bekam Briggs indes eine Art Freifahrtschein für weitere Fights. Oberarzt Jan Philipp Petersen sagte, bisher sei der lädierte linke Arm vor allem ruhiggestellt worden. Die gerissene Bizeps-Sehne werde angenäht, dann dürfe der Arm drei Monate nicht belastet werden. "Wenn es gut verheilt, spricht nichts gegen Boxen", sagte der Unfallchirurg. Er erklärte, dass auch die schweren Kopftreffer ohne Folgen geblieben seien - und ohne Nachwirkungen bleiben würden. "Es ist nichts, was bedrohlich wäre. Das Gehirn ist nicht betroffen."

Wenn ein normaler Mensch so viele Schläge wie Briggs hätte einstecken müssen, sei die Frage nach bleibenden Schäden eine andere. Aber ein Boxer sei darauf trainiert, Schläge auszuhalten und habe einen starken Hals, um die auf den Kopf wirkenden Kräfte besser abzufangen.

Im UKE scheint man den prominenten Patienten ins Herz geschlossen zu haben. Der Ärztliche Direktor Jörg Felix Debatin überreichte dem Boxer medienwirksam einen flauschigen Bademantel. Darauf stand: "Good Luck, Shannon Briggs."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 18 Beiträge
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1. Ja ja
ohmscher 20.10.2010
Zitat von sysop"Ich fühle mich gut. Ich sehe schön aus": Shannon Briggs ist nach seiner dramatischen Niederlage gegen Vitali Klitschko schon wieder ganz der Alte. Eine Pressekonferenz in einem*Hamburger Krankenhaus zelebrierte der Boxer als One-Man-Show - nur bei*einer Frage wurde*er plötzlich*kleinlaut. http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,724196,00.html
Na, da geht es "Klitschkos fragwürdigem Boxgegner" doch schon wieder viel besser, als es Susanne Rohlfing weissagte: http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,724162,00.html Vielleicht alles wieder mal eine Nummer kleiner anlegen?
2. Medienkasper
Ursprung 21.10.2010
Medienaufmerksamkeit ist fuer Medienkasper alles. Fuer Politiker und Sportler. Dafuer wird viel getan. Profi-Sportler lassen sich voraussagbar von einem Klitschko-Leuchtturm vermoebeln. Entscheidend fuer eine gute Presse ist, unter welchen "ehrenhaften" Umstaenden die Niederlage sich abspielte. Politiker nehmen in Kauf, bei Intelligenten als Stussgeschwaetzer abgelegt zu werden (sofern sie nicht ohnehin dort verordnet sind): Hauptsache, man wird in den Medien diskutiert (Seehofer, Merkel, Sarrazin, Wulf). Wenn es solche herrlich bunten Persoenlichkeiten wie Briggs als Selbstdarsteller im Sport nicht gaebe, waere der Boxsport dank Klitschko-Brueder gaehnend langweilig. Man ist in den Szenen (Boxenthusiasten und Medien) Leuten wie Briggs dankbar. Ohne solche Individualisten ginge der Stoff aus. Solange die Klitschkos regieren.
3. ...
Newspeak, 21.10.2010
"Er erklärte, dass auch die schweren Kopftreffer ohne Folgen geblieben seien - und ohne Nachwirkungen bleiben würden. "Es ist nichts, was bedrohlich wäre. Das Gehirn ist nicht betroffen." " Bei Boxern könnte man ja bösartigerweise argumentieren...wo nichts ist, kann nichts kaputt gehen. "Wenn ein normaler Mensch so viele Schläge wie Briggs hätte einstecken müsste, sei die Frage nach bleibenden Schäden eine andere. Aber ein Boxer sei darauf trainiert, Schläge auszuhalten und habe einen starken Hals, um die auf den Kopf wirkenden Kräfte besser abzufangen." Auch eine komische Begründung. Ein Boxer hat vielleicht bessere Muskeln, die ein Schleudertrauma verhindern, aber ansonsten ist der Kopf doch ziemlich genauso ungeschützt, wie bei einem normaltrainierten Menschen. Und nur weil ein Boxer Schläge "aushalten" kann, heißt es ja nicht, daß deshalb keine Schäden entstanden sind. Das müssen ja keine schon jetzt offensichtlichen Schäden sein, die können sich, wie bei vielen Boxern, ja auch erst lange nach Karriereende zeigen.
4. bedenklich
Astir01 21.10.2010
Ich finde es nur etwas bedenklich, dass die Ärzte keine Gründe sehen, die gegen weitere Boxkämpfe von Shannon Briggs sprechen. Sie behaupten, sein Gehirn hätte nichts abbekommen, habe keine bleibenden Schäden davongetragen. Wer den Kampf gesehen hat, wird das nicht glauben mögen. Was Briggs eingesteckt hat, hätte gereicht, damit eine handvoll anderer Boxer intensive Bekanntschaft mit den Brettern macht, die die Welt bedeuten. Wenn die Ärzte aus der Eppendorfer Uniklinik sowas sagen, dann ist das entweder eine dienstliche Falschmeldung, oder sie sind der Meinung, dass es bei dem Gehirn auf weitere Volltreffer nicht ankommt.
5. Sofort den Staatsanwalt einschalten,
nurmeinsenf 21.10.2010
Boxen gehört eh verboten, das ist kein Sport, blah blah blah...da haben einige Spiegel-Foristen in ihrer Spontanbetroffenheit mal wieder weit übertrieben. Ist halt ein rauher Sport und nichts für zartbesaitete Seelen, aber wer's nicht mag, muß es sich weder angucken noch in den Ring steigen. Life goes on, auch für Shannon Briggs.
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