Comeback von Boxerin El-Halabi: Sieg durch Niederlage

Aus Ulm berichtet

Rola El-Halabi hat ihren ersten Boxkampf nach dem Attentat durch ihren Stiefvater verloren. Trotzdem ist sie an diesem Abend als Siegerin aus dem Ring gestiegen: über ihr Schicksal und ihre Angst. Für die 27-Jährige war es ein langer, beschwerlicher Weg bis dahin, er führte sie durch die Hölle.

Comeback von El-Halabi: Durch die Hölle Fotos
DPA

Vor wenigen Augenblicken noch war sie ihren Trainern um den Hals gefallen, mit erhobener Faust auf die Ringseile gestiegen, hatte sich selbst und das Publikum gefeiert, als sei die anschließende Verkündung des offiziellen Kampfergebnisses nur noch Nebensache. Jetzt stand Rola El-Halabi mit gesenktem Blick an der Hand des Ringrichters, einen halben Meter von ihrer Gegnerin Lucia Morelli entfernt, und bewegte still die Lippen: "Bitte, bitte." Es reichte nicht. Zwei von drei Kampfrichtern hatten mehr Treffer für Morelli gezählt, die Italienerin ist neue Boxweltmeisterin der Verbände WIBA, WIBF und GBU.

Doch es war El-Halabi, die nach der Verkündung durch den Ring getragen wurde, der die knapp 5000 Zuschauer in der Ulmer Arena zujubelten. Und die nach der Verkündung das erste Wort erhielt. "Danke, ihr seid so klasse", rief sie dem Publikum zu, und dann: "Trotzdem bin ich traurig. Ich hätte euch so gern einen schöneren Abschluss geschenkt. Aber ich hole mir einen Gürtel zurück, versprochen."

Sportlich war der Abend eine herbe Enttäuschung für die 27-Jährige, die noch nie zuvor in ihrer Profikarriere verloren hatte. Doch er war zugleich ihr wohl größter Triumph. Vor 21 Monaten, am 1. April 2011, hatte ihr Stiefvater sie vor einem WM-Kampf in der Umkleidekabine mit vier Schüssen schwer verletzt. Die Ärzte im Ulmer Bundeswehrkrankenhaus wussten damals nicht einmal, ob Rola El-Halabi jemals wieder laufen können würde.

Morelli teilte gegen nervöse El-Halabi aus

Nach vielen Wochen harten Trainings stand sie nun wieder im Ring, gegen eine Gegnerin, die sie selbst ausgesucht hatte und die von Anfang an bewies, dass sie El-Halabi nichts schenken würde. "Es war für uns beide klar, dass es kein Pardon geben würde", sagte Morelli nach dem Kampf: "Wenn man in so einen Fight geht, muss man Schläge aushalten können." Über zehn Runden teilte die Italienerin gegen ihre Herausforderin aus, die vor allem in der Anfangsphase mit ihrer Nervosität kämpfte.

"Mir hat über zwei, drei Runden das Distanzgefühl gefehlt, deshalb habe ich oft zu hoch geschlagen, mit der Faust über Lucias Kopf hinweg", sagte El-Halabi, als sie eine halbe Stunde nach der Urteilsverkündung gefasst vor die Journalisten trat. "Ihr fehlen noch ein paar Prozent", sagte ihr Trainer Jürgen Grabosch, "aber ich bin trotzdem zufrieden. Und das Wichtigste: Rola is back!"

"Die Minuten vor dem Kampf waren schrecklich"

Sie selbst sei erleichtert und glücklich, dass der Kampf vorbei sei. "Ich habe verloren, aber ich bin zurück im Leben. Ich habe gespürt, was ich vermisst habe", sagte sie. Und plötzlich liefen ihr wieder die Tränen über das Gesicht, die Stimme versagte. Morelli versuchte, spontan für sie einzuspringen, musste dann aber auch um ein Taschentuch bitten. Der Druck dieser groß inszenierten Veranstaltung hatte schwer auf allen Beteiligten gelastet.

Auf einer Kutsche war El-Halabi in die Halle gefahren worden, durch ein Spalier von Football-Spielern und Cheerleadern, zu einem eigens für sie geschriebenen HipHop-Song. Nach außen hin völlig ruhig war sie in den Ring gestiegen. Doch innerlich habe sie die "Hölle" erlebt, gab sie hinterher zu. "Die Minuten vor dem Kampf waren schrecklich. Vor der Kabine kam das Gefühl von damals zurück, diese Angst." Mit einem Großaufgebot an Sicherheitspersonal und strengen Einlasskontrollen hatte sie versucht, die Angst zu bekämpfen. Doch gegen die Erinnerungen an das Attentat durch ihren Stiefvater hatte sie keine Chance.

Nun, fast zwei Jahre später, hat sich Rola El-Halabi ihre eigenen, neuen Erinnerungen geschaffen. "Ich habe immer gesagt, dass ich am Höhepunkt meiner Karriere aufhören möchte", sagte sie, "und das war definitiv nicht der erste April." Auch mit ihrem Comeback-Abend in Neu-Ulm dürfte sie dort noch nicht angekommen sein - zumindest nicht aus sportlicher Sicht.

Doch der Abend hat neue Türen für sie geöffnet, er war der Anfang eines neuen Lebens. Sie müsse jetzt erst mal ausschlafen und ein paar Wochen Urlaub machen, um die vergangenen zwei Jahre zu verarbeiten und runterzukommen, sagte sie. "Nach ein paar Wochen wird auch schon mein Trainer anklopfen und sagen: 'Madame, es wird Zeit für Training!' Und dann werde ich wieder boxen."

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 10 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. spon
martin-z. 13.01.2013
ist aber leicht zu beeinflussen. vorhin war noch ein artikel online, bei dem von einer "pleite" der boxerin die rede war. nach entrüsteten kommentaren nun die wende um 180°.....manoman.
2. optional
weserwasser 13.01.2013
ekeliger Sport
3. Ich liebe
quaaakquaaak 13.01.2013
die wunderbar knorpeligen Ohren, deren dauerhafte Vernarbung die Gehörgänge zu verschließen droht. Ich liebe die Deformierung der Nase mit der schicken Abweichung nach links (nein, wie trendy...), ich liebe die zunehmend nachlassende (fein ausgedrückt, nicht wahr?) Leistung des Schlagzieles Kopf und Gehirn... Beim Boxen wie bei anderen Kampfsportarten scheint ein gewisser Masochismus die Hauptrolle zu spielen...
4.
spezl 13.01.2013
Zitat von martin-z.ist aber leicht zu beeinflussen. vorhin war noch ein artikel online, bei dem von einer "pleite" der boxerin die rede war. nach entrüsteten kommentaren nun die wende um 180°.....manoman.
"vorhin"? Der Artikel ist immer noch online, und sogar im ersten Absatz verlinkt. Der erste Artikel besteht offensichtlich aus den Meldungen der Presseagenturen dpa und sid, dieser Artikel ist anscheinend von eine SPON-Redakteurin. Also kein Grund für Verschwörungstheorien. Das verschiedene Menschen eine Ereignis verschieden einschätzen (oder im Bericht darüber andere Schwerpunkte setzen) ist jetzt nicht so ungewöhnlich...
5. ekliger Sport?
denkenschadnix 13.01.2013
Hab`ich bei Bild 2 auch gedacht. Aber Bild 5 hat Seele...
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Sport
Twitter | RSS
alles zum Thema Boxen
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 10 Kommentare
  • Zur Startseite
Fotostrecke
Comeback von Boxerin El-Halabi: Zurück ins Leben

Box-Glossar
Beim Boxen ist die Stellung der Kämpfer ausschlaggebend, dazu kommen in der Regel drei verschiedene Schlag-Varianten zum Einsatz. Diese werden untereinander beliebig zu sogenannten Schlag-Kombinationen zusammengefügt. Ebenfalls ein probates Mittel ist das Klammern, um sich aus ungünstigen Situationen zu befreien.

  • Auslage: Unter der Auslage eines Boxers versteht man die Stellung und Richtung zum Gegner. Die Kämpfer stehen dabei einander nicht frontal, sondern versetzt gegenüber, wobei diejenige Hand, die dem Gegner näher ist, als Führhand, die hinten liegende Hand als Schlaghand bezeichnet wird. Da die meisten Menschen Rechtshänder sind, gilt die Linksauslage als normal und wird meistens Normalauslage genannt. Bei ihnen stehen linkes Bein und linke Hand näher zum Gegner - in der Rechtsauslage entsprechend andersherum.

    Jab: Eine abrupt geschlagene Gerade mit der Führhand. Der Schlag hat zumeist den Kopf zum Ziel. Der Jab zählt dabei nicht zu den stärksten Schlägen, nur selten geht ein Boxer nach einem einzelnen Jab zu Boden.

    Cross: Eine Gerade, die mit der Schlaghand geschlagen wird. Die Schlaghand wird vom Kinn auf einer geraden Linie ins Ziel geführt. Die Führhand wird dabei zurückgenommen, um das Kinn zu schützen. Der Cross ist ein sogenannter Powerpunch.

Haken: Ein Schlag, bei dem zwischen Kopf- und Körperhaken unterschieden wird. Zum Einsatz kommt der Haken beim Boxen in der Halbdistanz. Der Schlag eignet sich vor allem als K.o.-Schlag, da er zumeist von der Seite kommt und so durch die Deckung des Gegners geht.

Klammern: Eine taktische Maßnahme, um sich eine Pause zu verschaffen oder sich aus einer ungünstigen Position zum Gegner zu befreien. Der Ringrichter muss die Kontrahenten aus der Klammerung trennen, so dass eine neue Kampf-Situation entsteht. Klammern stellt einen Regelverstoß dar, der aber aufgrund der Häufigkeit oft geduldet wird. Ab einem gewissen Grad wird das Vergehen jedoch mit Verwarnungen und damit mit Punktabzügen bestraft.