Von Christian Paul
Marco Huck kämpft, in einem Sessel sitzend. Seine Kritiker? "Darüber kann ich nur lachen." Der Boxer rutscht hin und her, sucht die richtigen Worte. In seinen mächtigen Händen hält er einen Apfel. Immer wieder presst er den Granny Smith zusammen. Die Neider? "In Amerika wäre ich ein Superstar. Hier heißt es: Großmaul. Das kotzt mich an." Huck arbeitet sich an seinem größten Gegner ab: das eigene Image. An dem Apfel tritt der Saft aus der Schale.
Huck gegen die anderen, das war schon immer so. "Mich haben viele auf dem Kieker. Die hoffen bei jedem Kampf darauf, dass ich verliere", sagt Huck, dessen Karriere so erfolgreich wie ungewöhnlich verläuft. Mit 18 ist Huck Europa- und Weltmeister im Kickboxen. Dann entscheidet er sich, zum Boxen zu wechseln. 2011 verteidigt er zum achten Mal seinen WBO-Weltmeistertitel im Cruisergewicht. "Ein Märchen", sagt sein Trainer Ulli Wegner.
Doch Huck, der Hauptdarsteller dieses Märchens, wird nicht geliebt. Trotz seiner Titel. "Mich interessiert das nicht mehr", sagt er, wenn ihm sein Bruder wieder von Boxfans erzählt, die in Internetforen oder Blogs über den 27-Jährigen lästern. Sie werfen ihm vor, arrogant und eingebildet zu sein. Am liebsten würden sie ihn verlieren sehen. So wie am Samstag (23 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE), wenn Huck in Stuttgart zum ersten Mal in der Schwergewichtsklasse antritt.
Huck wird dann dort sein, wo er am liebsten ist: im Mittelpunkt. "Ich weiß, dass alle auf mich schauen werden. Die meisten glauben, ich hätte keine Chance." Sein Gegner ist Alexander Powetkin, Olympiasieger von 2004. Der Russe darf sich WBA-Weltmeister nennen, seit Wladimir Klitschko als WBA-Superchampion firmiert. Powetkin gilt als stark, als guter Techniker. Der 32-Jährige hat noch keinen seiner 23 Profikämpfe verloren. Powetkin könnte zu stark sein für Huck.
"Ein Schleimer möchte ich nicht sein"
Noch kein anderer Boxer hat es bisher gewagt, mit einem WM-Kampf ins Schwergewicht einzusteigen. David Haye oder Evander Holyfield holten sich nach ihrem Wechsel in die Königsklasse Aufbaugegner. Huck nicht. Gewinnt er, wäre er der erste deutsche Weltmeister in dieser Gewichtsklasse seit Max Schmeling 1932. "Ich bin schneller und aggressiver. Und ich schlage härter. Außerdem hat Powetkin einen großen Kopf. Es wird schwer, den zu verfehlen", sagt Huck über den bisher härtesten Gegner seiner Karriere. Dann lacht er laut.
Boxen ist zu einem großen Teil Show, Huck weiß das. "Ein bisschen Trash-Talk gehört manchmal im Vorfeld eines Kampfes dazu", sagte er der "Süddeutschen Zeitung". Bei ihm sind die Sprüche Teil der Persönlichkeit. "Ich habe Kollegen, Namen möchte ich nicht nennen, die sind richtige Schleimer. Und ein Schleimer möchte ich einfach nicht sein", sagt Huck. "Ich bin von mir überzeugt und spreche das aus. Ich bin ein Mann, der sein Herz auf der Zunge trägt. Damit kommen die meisten nicht klar."
Seit die Klitschko-Brüder in ihrer hochprofessionellen, aber auch höflich-geschäftlichen Art einen WM-Titel nach dem anderen geholt haben, sind solche Sätze im Schwergewichtsboxen selten geworden. Neben den wohlüberlegten Äußerungen der beiden Ukrainer wirkt Huck mit seiner Mischung aus grenzenlosem Selbstbewusstsein und Gedankenlosigkeit wie ein Mann aus einer vergessenen Zeit. Diplomatie ist nicht seine Stärke.
Huck hat seinen Wechsel in die Königsklasse standesgemäß promotet. Er hat die Klitschkos herausgefordert, sie ("Wladimir hat ein Herz wie ein Küken") und deren letzten Gegner ("Das war teilweise unter aller Sau") beschimpft. Wer ein geeigneter Kontrahent für die beiden Box-Herrscher sein könnte, braucht man Huck kaum zu fragen. "Ich", sagt er, ohne eine Sekunde zu überlegen. Sonst noch jemand? "Da fällt mir keiner ein." Vor dem Duell mit Powetkin will er über die Gebrüder Klitschko aber nicht mehr reden.
Verrückt nach Matthias Reim
Sein Trainer, den Huck respektvoll "Herr Wegner" nennt, hört das gerne. Die 69-jährige Boxlegende hat nach Sven Ottke oder Markus Beyer mit Huck einen Kämpfer, der anfällig ist für die "Schulterklopfer". "Wir müssen ihn weiter formen und führen", sagt Wegner. "Er muss mit dem Druck und seinen Erfolgen klarkommen und sich nicht überschätzen." Wegner sagt, er habe mit seinem Schützling viel mental gearbeitet. Hucks Unberechenbarkeit ist geblieben.
"Die Gegner können sich nie auf mich einstellen. Mal boxe ich etwas passiver, dann wieder aggressiv. Und manchmal wie ein Kneipenschläger", sagt Huck. Sein Stil ist umstritten. Reizbar ist er im Ring. Immer wieder attackiert er, ohne angemessen auf Gegenangriffe reagieren zu können, weil er in seinem Rausch die Deckung vergisst. In seinem bisher letzten Kampf im Cruisergewicht schlug Huck nach dem Rundenende weiter auf seinen Gegner Rogelio Rossi ein. Er habe den Gong nicht gehört, sagt Huck. Zu viel Adrenalin. "Das haben mir sehr viele übelgenommen."
Menschen, die Huck gut kennen, wissen, dass er von Matthias Reims Hit "Verdammt ich lieb dich" nicht genug bekommen kann. Auf dem Parkplatz eines Baumarkts macht er sich einen Spaß und erschreckt vorbeigehende Passanten, indem er die Hupe seines Autos drückt. Das kleine bisschen Anarchie ist die Regel bei Huck.
Das soll auch bei den ganz schweren Jungs so bleiben. Acht Kilogramm hat er zugenommen, Muskelmasse. Vor dem offiziellen Wiegen am Freitag kaufte er sich wie immer eine neue Unterhose. Und seine Strategie für Powetkin, dem er vor Jahren bereits im Sparring die Grenzen aufgezeigt hat, kennt er auch schon. Es ist seine einzige. "Ich gehe sofort drauf. Die Leute wollen Action sehen. Wo Huck boxt, ist etwas los."
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