Boxweltmeister Walujew Gegen McCline - und gegen die Zuschauer

Nach den Statistiken ist Nikolai Walujew einer der besten Boxer aller Zeiten. Doch wenn er am Abend seinen WBA-Titel verteidigt, kämpft der russische Riese nicht nur gegen Jameel McCline, sondern auch gegen die Abneigung der Zuschauer - und für die Anerkennung als ernstzunehmender Profi.

Von Ina Bösecke


Wenn sich Nikolai Walujew vom Boxen erholen möchte, packt er seine Jagdsachen und geht in den Wald – am liebsten ohne Begleitung. "Ich habe kein Problem damit, stundenlang allein Tiere anzuschauen", sagte er vor ein paar Monaten in einem Interview. Man kennt die Leidenschaft des Russen für Wildschweine schon länger. Als er ins Rampenlicht des Boxens trat, ging die Legende, er hätte die Borstentiere auch mal mit bloßen Händen erlegt. Aber es ist gar nicht das Jagen, das den Boxer vor allem interessiert. Tiere sind ruhig - sie buhen und beleidigen nicht.

Beides muss der russische Schwergewichtsweltmeister der WBA immer wieder über sich ergehen lassen, wenn er seinem Beruf nachgeht, wahrscheinlich auch heute, wenn Walujew gegen den US-Amerikaner Jameel McCline seinen WBA-Titel verteidigt (SPIEGEL ONLINE ist ab 22.30 Uhr für Sie dabei). Die Zuschauer empfinden keine Sympathie für den Riesen, was nicht nur an seinen 2,13 Metern Körpergröße liegt, sondern auch an seinem Äußeren – das man, bei gutem Willen, als fellinesk bezeichnen könnte. Früher wurde Walujew als das "Beast of the East" vermarktet, der Box-Impresario Don King wollte ihn noch vor dem Kampf gegen Monte Barrett am liebsten mit dem Slogan "King found his Kong" präsentieren – was er dann doch bleiben ließ. Vom Image des Zirkustiers kommt Walujew einfach nicht weg.

Das Sauerland-Team, bei dem Walujew unter Vertrag steht, versucht nun, mit einem sympathischeren Kampfnamen ("Weicher Riese") dagegen zu steuern, die "Bild" zeigt Fotos mit Frau und Kind. Walujew selbst erträgt alles mit stoischer Ruhe, er hat andere Ziele. Er möchte ernst genommen werden - und den Rekord des legendären Rocky Marciano brechen, der nach 49 Kämpfen ohne Niederlage abtrat.

45 Siege hat Walujew schon gefeiert, ein Kampf blieb ohne Wertung: Walujew, das sagen die Statistiken, scheint unschlagbar. Das Problem: Die nicht so Wohlmeinenden - und das sind die meisten - glauben, auch das liege ganz allein an seiner Körpergröße (er ist er der größte Boxer der Welt) und an seinem Kampfgewicht (derzeit 150 Kilogramm). 31 Siege hat Walujew durch K.o. gewonnen, auch das sagen die Statistiken. In der Regel waren die Gegner aber auch sehr viel kleiner und leichter als er. Wenn der russische Boxriese seine drei Zentner in einen Schlag legt, muss er nicht einmal genau treffen, um seinen Herausforderer auszuknocken.

Mit McCline will man nun endlich einen adäquaten Gegner für Walujews WM-Verteidigung und das Image als fähiger Boxer gefunden zu haben. Der 36-Jährige US-Amerikaner kann mit seinen 1,98 Metern und 120 Kilogramm selbst eine mehr als stattliche Figur vorweisen. Der Titelfight am Samstag wird deshalb mit dem Slogan "Kampf der Giganten" beworben. McCline, der zum dritten Mal um den Schwergewichtstitel kämpft, verspricht einen "epischen Kampf". Er habe noch nie in seinem Leben so hart trainiert, verkündete er beim Pressetraining in Basel, wo er sich sehr siegessicher präsentierte. Walujew parierte mit Respekt: "Ich stehe vor meiner schwersten Aufgabe." Das behaupten Boxer oft vor einem Kampf. Gerade dann, wenn die Aufgabe gar nicht so schwer ist.

"He fights like a pussy"

Denn McClines großen Erfolge liegen schon ein paar Jahre zurück. Bekannt wurde der Boxer, der sich selbst "Big Time" nennt, 2001, als er Michael Grant überraschend in der ersten Runde niederschlug. Es folgten Siege nach Punkten gegen Lance Whitaker und Shannon Briggs – den derzeitigen WBO-Weltmeister im Schergewicht. Doch schon der WM-Kampf gegen Waldimir Klitschko im Dezember 2002 zeigte McCline deutlich seine Grenzen auf: Verhaltenes Boxen und Aufgabe nach einem Niederschlag in der zehnten Runde.

Bei einem weiteren Titelkampf 2004 gegen Weltmeister Chris Byrd verlor McClide nach Punkten, gegen Calvin Brock und Zuri Lawrence konnte er 2005 nichts mehr ausrichten. Seitdem ist er gegen keinen bedeutenden Gegner mehr angetreten. Böse Zungen behaupten, McCline habe zwar gute Anlagen, sei boxerisch aber minderbegabt, technisch limitert und ein Angstboxer. "He fights like a pussy" stand in den US-amerikanischen Newsgruppen im Internet nach dem Kampf gegen Klitschko. Er boxt wie eine Frau. Was die Qualität des Images angeht, ist der Kampf damit vor dem ersten Gong ausgeglichen.

Denn auch Walujews Image als Boxer hält sich in Grenzen. Er habe in der Weltspitze überhaupt nichts zu suchen, sagen seine Gegner. "Natürlich ist er kein Virtuose, kein Tänzer wie Muhammad Ali, aber er hat sich in den letzten Jahren sehr verbessert", verteidigt ihn Heiko Mallwitz, Mediendirektor vom Sauerland-Team, das Walujew vor drei Jahren verpflichtete. Richtig zeigen konnte das der 33-jährige Boxer bisher aber noch nicht. Bei der Urteilsverkündung des erbärmlichen Kampfes gegen John Ruiz im Dezember 2005 in der Max-Schmeling-Arena holte sich Walujew den WBA-Titel, aber es gab ein gellendes Pfeifkonzert.

Walujew hatte als Herausforderer nicht genug getan, um den Weltmeister abzulösen, zwei der drei Punktrichter sahen ihn aber knapp vorn. Ruiz Coach schimpfte auf der Pressekonferenz, wollte den Gürtel nicht herausgeben, Ruiz selbst reagierte sich mit Beleidigungen gegen den neuen Champ ab. In seiner ersten Titelverteidigung im Juni 2006 in Hannover gegen Owen Beck gewann Walujew zwar klar und deutlich durch technischen K.o. in der dritten Runde – aber es handelte sich um einen sehr ungleichen Kampf mit einem komplett überforderten Gegner. Auch Walujews letzter Sieg im Oktober 2006 gegen Monte Barett in Chicago war kein Beweis seiner boxerischen Fähigkeiten. "Er war zu aufgeregt", sagt Mallwitz SPIEGEL ONLINE. "Tausende Amerikaner waren gegen ihn und pfiffen ihn aus."

Nikolai Walujew hat es am Samstag selbst in den Händen. Er kann endlich für einen kolossalen Kampf sorgen, nicht nur körperlich. Er kann beweisen, dass er sehr wohl boxerische Fähigkeiten hat. Dann sind ihm auch die Sympathien der Zuschauer sicher. Und er könnte sich endlich den Gang in den Wald sparen.



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