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Skandal bei Bridge-WM: Husten, wir haben ein Problem!

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Bridge-Spieler: Skandal bei der WM der Senioren

Die Bridge-WM der Senioren - das ist kein Kaffeekränzchen. Auf Bali wurde hart um den Sieg gekämpft. Zwei deutsche Ärzte sollen dabei mit einem Husten-Code betrogen haben.

Die Klimaanlage läuft auf Hochtouren im Bali Nusa Dua Convention Center, draußen sind es um die 30 Grad Celcius, das Innere des Konferenzzentrums ist auf unter 20 Grad heruntergekühlt. Viele Spieler der 41. Bridge-Weltmeisterschaft frösteln und ziehen sich schnell Pullover über, so wird sich Ulrich Wenning später an die Tage in Indonesien erinnern. Der Rechtsanwalt ist Präsident des Deutschen Bridge Verbands DBV und selbst noch aktiver Spieler.

Wenning reiste als Senioren-Mannschaftsweltmeister zurück nach Deutschland, aber von großer Freude ist mittlerweile nichts mehr zu spüren, im Gegenteil: Die heile Bridge-Welt wackelt wie ein Kartenhaus, und schuld daran sind zwei mutmaßliche Schummel-Senioren aus Deutschland. Sie sollen sich, so der ungeheuerliche Verdacht, mit einem geheimen Code den Titel ergaunert haben.

Es geht um die Teammitglieder Enscho Wladow und Michael Elinescu, die auf Bali das entscheidende Duell um Gold mit 172 zu 161 gewannen. Zwei Spitzenspieler, beides Mediziner und beide in der Bridge-Szene nicht unumstritten. Bei der WM fielen sie nicht nur mit ihrem entscheidenden Sieg auf - sie husteten auch andauernd. Gaben sich Wladow und Elinescu, wie es die Konkurrenz vermutet, auf diese Weise Signale? Ein Hust-Code, eine Absprache über das Blatt? Das wäre ein klarer Verstoß gegen die Regeln - und im sehr auf Etikette bedachten Bridge-Sport ein Skandal.

"Eine Katastrophe für den Bridge-Sport"

US-Spieler Eddie Wold - ein bekannter Profi und gefragter Lehrer - war auf das Dauerhusten und Räuspern aufmerksam geworden. Er notierte sich jeden Huster, seine Team-Kapitänin Donna Compton meldete den Verdacht bereits nach dem Viertelfinale bei der Turnierleitung. Zunächst lehnte die den Protest ab, doch als die USA kurz darauf zum zweiten Mal Beschwerde einlegten, wurden Wladow/Elinescu per Video überwacht. Bei YouTube kann man die Aufnahmen sehen.

Fast vier Monate nach dem Turnier bekamen Wladow und sein Spielpartner Elinescu Post: Die Disziplinarkommission des Weltverbandes World Bridge Federation lud sie wegen Betrugsverdachtes vor, am 21. März sollten sie in Dallas, Texas, vor Gericht erscheinen. "Eine Katastrophe", sagt Präsident Wenning, sei das für den Sport, für den Ethik eine, wenn nicht sogar die Grundvoraussetzung sei.

"Eine Frechheit", sagt Wladow, der sich nicht als Täter, sondern als Opfer sieht.

Weder die angeklagten Spieler noch der Verband traten die Reise in die USA an, Wladow und Elinescu wehrten sich von Beginn an vehement gegen die Vorwürfe und wollen die Kosten nicht tragen. Zudem überschnitt sich der Termin mit der Jahreshauptversammlung des DBV.

Die Kommission kam aber auch in Abwesenheit der Deutschen zu einem Entschluss. Der WBF solle beide Spieler als Duo lebenslang für die großen Turniere sperren, mit anderen Partnern sollen Elinescu und Wladow erst wieder in zehn Jahren international spielen dürfen. "In zehn Jahren", so Wladow, "kann ich schon tot sein wie eine Maus." Der 71-Jährige lebt seit 1969 in Deutschland, geboren wurde er in Bulgarien. Bis vor zwei Jahren praktizierte er als Gynäkologe in Schwarzenbek in Schleswig-Holstein. Bridge spielt er seit 40 Jahren, die Vorwürfe gegen ihn bringen Wladow auf. "Ich habe Asthma, natürlich huste ich viel", sagt er: "Ich würde sogar so weit gehen und sagen: Man kennt mich als Huster".

Die Doktoren husteten bei anderem Turnier im gleichen Muster

Absprachen mit Elinescu bestreitet er ebenso wie sein Spielpartner. Die Bänder, die den Hust-Code nachweisen sollen, könnten manipuliert sein, mutmaßt Wladow. Er will die bevorstehende Sperre nicht akzeptieren. Auch Elinescu, 61, plant Schritte gegen das Urteil. Wladow zweifelt zudem die Rechtmäßigkeit des Verfahrens an. Fast vier Monate vergingen zwischen Turniersieg und der Mitteilung, dass gegen ihn ermittelt werde.

Grund hierfür ist die Unsicherheit beim WBF, der zunächst weiter ermitteln wollte. Im Auftrag von Maurzio Di Sacco, der das Turnier auf Bali geleitet hatte, wertete der Franzose Bertrand Gignoux, ebenfalls Turnierdirektor des Weltverbandes, Spiele von Wladow und Elinescu Ende Oktober 2013, also rund einen Monat nach dem Turnier auf Bali, beim Cavendish-Turnier in Monaco aus. Das Ergebnis: Wieder wurde gehustet, laut Gignoux exakt nach dem gleichen Code-Muster wie bei der WM.

Es sieht schlecht aus für die "German Doctors", wie sie in der internationalen Bridge-Szene genannt werden. Dort haben sie nicht nur den Spitznamen weg, sondern auch einen gewissen Ruf. Der Präsident eines Landesverbandes sagt sogar: "Man hätte die beiden nie für Deutschland antreten lassen dürfen." Schon öfter seien sie mit "unmöglichem Benehmen" aufgefallen, doch bisher habe sich alles in einer Grauzone abgespielt.

Die ungeschriebenen Gesetze im Bridge sind vielen Spielern mindestens genauso wichtig wie die festen Regeln. Auf klare Abgrenzungen zu Glücksspiel wie modernen Poker-Formen wird großer Wert gelegt. Daher die große Entrüstung über die Auftritte von Wladow und Elinescu. Schon vor den Vorfällen auf Bali wurde in Foren auf zig Seiten über das Duo diskutiert, der Respekt vor dem spielerischen Niveau verblasst dort deutlich, "sehr schmutzig" sei die Spielweise der Senioren.

Man hört die Verzweiflung im Gespräch mit Präsident Wenning über den Fall heraus: Sein Sport hat große Nachwuchssorgen, Kartenspiele stehen bei Jugendlichen nicht allzu hoch im Kurs und wenn, dann Pokern im Internet. Die Schummel-Senioren machen ihm das Leben da nicht leichter. "Das ist der größte Skandal, dem der DBV je ausgesetzt war", so Wenning.

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1. ...
jujo 14.04.2014
Zitat von sysopimagoDie Bridge-WM der Senioren - das ist kein Kaffeekränzchen. Auf Bali wurde hart um den Sieg gekämpft. Zwei deutsche Ärzte sollen dabei mit einem Husten-Code betrogen haben. http://www.spiegel.de/sport/sonst/bridge-skandal-deutsche-sollen-mit-husten-bei-wm-betrogen-haben-a-963990.html
Ich weiß nicht wie das bei solchen Turnieren, auch Skatturnieren , abläuft. Ich erinnere aber das mit mir und meinem Bruder zusammen niemand mehr Skat spielen wollte, wir kannten uns so genau das andere gegen uns ohne Chancen waren. Selbst wenn wir stumm waren, wusste ich an der Art des Reizens, der Spielart, der Körpersprache, seine Karten zu "lesen" .
2. Sport
midastouch 14.04.2014
Sport? Welcher Sport? Wettkamp, ja, aber sicher kein Sport!
3.
chris__78 14.04.2014
Zitat von jujoIch weiß nicht wie das bei solchen Turnieren, auch Skatturnieren , abläuft. Ich erinnere aber das mit mir und meinem Bruder zusammen niemand mehr Skat spielen wollte, wir kannten uns so genau das andere gegen uns ohne Chancen waren. Selbst wenn wir stumm waren, wusste ich an der Art des Reizens, der Spielart, der Körpersprache, seine Karten zu "lesen" .
Bei Skatturnieren werden die Tische zufällig zusammen gestellt. Und je nach Organisation werden nach einer gewissen Rundenzahl die Tische meist auch nochmal neu zusammengestellt. Entweder wieder zufällig oder nach bereits erzielten Punkten. Der entscheidende Unterschied zum Bridge ist aber nunmal, dass man ingesamt gesehen für sich alleine spielt beim Skat und auch beim Doppelkopf und man bei jedem Spiel einen anderen Partner haben kann bzw alleine spielt. Ich spiele zwar kein Bridge, aber ich meine zu wissen, dass da die Partner fix sind über mehrere Spiele. Und offenbar hat es sich da etabliert Paarturniere zu spielen und nicht im Laufe des Turniers die Partner durchzuwechseln um den besten Spieler zu ermitteln. Das verleitet natürlich dazu, dass Paare Codes erdenken.
4. Sport?
bigproof 14.04.2014
@midastouch: Sport? Bitte definieren Sie doch einmal Sport und kommentieren Sie dann weiter ;)
5. Zwei Anmerkungen ...
shalom-71 14.04.2014
... habe ich: (i) Der unerlaubte Informations-Austausch im Team ist kein neues, sondern ein ganz klassisches Problem beim Bridge. Es gibt Beispiele für viele verschiedene für solchen Austausch: Husten, Haltung der Fingerglieder, Art des Kartensteckens (z.B. nicht alle Abstände genau gleich) ... Deshalb war/ist Bridge, vor allem wenn es um Geld geht, immer problematisch. (ii) Zitat: "Auf klare Abgrenzungen zu Glücksspiel wie modernen Poker-Formen wird großer Wert gelegt." Manche Bridge-Spieler mögen sich abgrenzen wollen. Aber Poker ist definitiv kein Glücksspiel. Aber natürlich ist auch Poker anfällig für Tricksereien von (heimlichen) Partnern.
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Bridge Glossar
Allgemein
Bridge ist ein Kartenspiel (französisches Blatt) für vier Personen, jeweils zwei bilden eine Mannschaft. Ziel ist es, möglichst viele Stiche zu machen. Die Spieler eines Teams sitzen sich jeweils gegenüber, die Parteien heißen Nord-Süd und Ost-West. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) erkennt Bridge als Sport an, jedoch nicht als olympische Disziplin. Der Deutsche Bridge-Verband (DBV) hat 29.000 Mitglieder.
Das Spiel
Vor dem Spiel wird beim Reizen, also dem Ansagen der Anzahl der Stiche, ein Kontrakt mit dem anderen Team abgeschlossen. Bei Turnieren kommen dabei Biddingboxen zum Einsatz. Mit diesen wird verhindert, dass die Spieler untereinander reden. Besteht der Verdacht einer Absprache kann „alertiert“ werden.

Außerdem wird mit sogenannten Boards gespielt, die vier Boxen für die Blätter der vier Spieler haben. Jede Partie wird mehrmals von verschiedenen Paaren gespielt (Duplicate Bridge). Nach jeder Partie werden die Karten wieder zurück ins Board gesteckt.

In der Auswertung werden die einzelnen Paare untereinander verglichen. Da die gleichen Partien mehrfach gespielt wurden, lässt sich der Glücksfaktor nahezu komplett ausschließen. Ein Team kann ein Turnier auch gewinnen, wenn es immer nur schlechte Karten hatte, mit diesen aber mehr Stiche gewonnen hat als andere Paare.
Maßnahmen gegen Betrug
Falschspiel soll unter anderem durch Sichtschirme (Screens) verhindert werden, teilweise werden sogar Screens unter den Tischen platziert, damit mit den Füßen keine Zeichen gegeben werden können. Der Screen auf dem Tisch hat einen kleinen Schlitz, durch den die Biddingboxen und der sogenannte Schlitten geschoben werden. Auf dem Schlitten liegen die Karten für den jeweiligen Stich.


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