Skispringer Hannawald Aus Erschöpfung wurde Burnout, aus dem Comeback eine Qual

Sven Hannawald sehnte sich nach immer größeren Weiten, war auf der Jagd nach dem perfekten Sprung. In ihrem Buch "Macht - Geschichten vom Erfolg und Scheitern", schreibt Katja Kraus über den Ehrgeiz des ehemaligen Skispringers, der zur körperlichen Gefahr wurde.

Skisprungstar Hannawald: "Ich musste Jahr für Jahr bei Null anfangen"
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Skisprungstar Hannawald: "Ich musste Jahr für Jahr bei Null anfangen"


Lesen Sie hier, wie Katja Kraus das Verhältnis von Menschen zu Macht, Erfolg und Scheitern zu erforschen versucht - und dabei mit dem Fußballer Thomas Hitzlsperger über die Erfüllung eines Kindertraumes spricht.

Bei der Bestellung der zweiten Portion Pommes frites in einem Hamburger Nobelhotel gelingt es ihm nicht mehr, die Ausschweifung unkommentiert zu lassen. Zu lange schon ist sich Sven Hannawald der aufmerksamen Beobachtung seiner Essgewohnheiten bewusst. Wenn er über das Thema spricht, das ihn in seiner Karriere so konsequent begleitete wie die Vierschanzentournee, schleicht sich ein Schatten in sein Gesicht.

Euphorisch wurde er für seinen historischen Triumph gefeiert, als er als erster Springer alle vier Wettbewerbe einer Tournee gewann. Dass manche Menschen nicht unterscheiden können zwischen dem Gesamtsieger der Vierschanzentournee, den es in jedem Jahr gibt, und seinem einzigartigen Erfolg, kränkt ihn. Schließlich ist es das, "was am Ende stehenbleibt, wofür man all das macht". Oder eben Selbstverständliches nicht macht. Wie essen.

Jetzt, da lange schon nicht mehr jedes Gramm weniger an seinem Körper die Sprungweite erhöht, die am Ende über seinen Seelenfrieden entscheidet, empfindet er Erleichterung. Es ist diese Sehnsucht nach der inneren Zufriedenheit, nach der Erfüllung des eigenen Anspruchs, die ihn zu einem Superstar gemacht hat. Und zum Getriebenen. Für Athleten sind Erfolg und Misserfolg am unmittelbarsten messbar. Gewinnen oder verlieren, Held oder Versager unterscheidet sich in Hundertstelsekunden, Millimetern oder eben Gramm.

Sven Hannawald hat immer versucht, den perfekten Sprung zu springen. Als Kind hat er geweint, wenn ihm nicht der weiteste Satz gelungen ist. Heute zeigt er seinem Manager stolz ein Foto von einem Fußballspiel, bei dem er gerade drei Tore geschossen hat. Sein Verein spielt in der Kreisliga, die lokale Zeitung berichtete darüber. Fußball ist sein Hobby. Sein Beruf ist es jetzt, Autorennen zu fahren. Er hat wieder einen Inhalt, der ihm hilft, mit der Vergangenheit abzuschließen.

"Ich musste Jahr für Jahr bei Null anfangen"

Sein herausragendes Talent als Skispringer hat Hannawald entdeckt, als er die ersten Kinderwettkämpfe gewann, und sich daran gefreut, dass er weiter springen konnte als andere. Er hat es gemocht, Jugendmeister zu werden, von Sieg zu Sieg zu springen und spürte zugleich mit jeder Medaille den Druck, beim nächsten Mal wieder vorn sein zu müssen. Der Erfolg ist das Ergebnis seiner Besessenheit, seines Perfektionismus, nicht aber sein Antrieb.

Mit dem Erwachsenwerden veränderte sich für ihn das Verhältnis zwischen Talent und Arbeit, und der Vergleich mit seinen Springerkollegen kehrte sich um. Gewinnen hing nun in erster Linie von den körperlichen Voraussetzungen ab, und er sah seine Überlegenheit vor allem in dem, was er nicht am Körper hatte. Während seine Kontrahenten mit einem stabilen Niveau aus der Winterpause kamen, "musste ich Jahr für Jahr bei Null anfangen".

Bei einem Körperfettwert unter fünf Prozent hatte er die Leichtigkeit, sich von seinen Skiern durch die Luft tragen zu lassen, aber es fehlte ihm die Masse für den kraftvollen Abdruck. Sven Hannawald suchte die Lösung dieses Dilemmas, indem er "eben noch mal zwei Kilo abnahm". Er ist sich bewusst, dass Gewichtsreduktion in einem besorgniserregenden Maße das Thema dieser Zeit im Skispringen war. Ein abstruser Wettkampf, neben dem eigentlichen Wettbewerb. Er wollte auch darin der Beste sein.

Bei der Suche nach Perfektion war einfach "an dieser Stelle Luft nach oben". Also hat er versucht, sie auszufüllen, hat sich mit Ernährung beschäftigt, viel gelesen und wenig gegessen. Er hielt es immer für ein vertretbares, ein unstrittiges Maß. Eine Art Opfergabe an den Sport, der sein Leben bestimmt hat. Disziplin ist nicht nur Last, sondern vor allem auch ein verlässlicher Partner. Und die Ergebnisse bestätigten seinen Weg.

Aber er war oft müde. Auch der Winter, der ihm mit seinen vier Schanzensiegen den Legendenstatus brachte, war einer, in dem die Erschöpfung die Leichtigkeit beschwerte. Dass aus der Erschöpfung eine Burnout-Erkrankung wurde, hat er nicht direkt verstanden. Er hat viele Höhen und Tiefen erlebt und nach jeder schlechten Saison mit sich und dem Weitermachen gehadert. Dennoch sah er irgendwann wieder das grüne Licht. Diesmal aber blieb es zu lange rot. Er fühlte sich wie unter einem Schleier, der Körper taub. "Alles war wie in Trance, ich habe die Tage erlebt, aber ich habe nicht teilgenommen."

Aus Erschöpfung wurde Burnout, aus dem Comeback eine Qual

Als die Taubheit im Körper ebenso zum täglichen Begleiter geworden war wie das negative Gefühl beim Training, ging er in die Klinik und ließ sich behandeln. Er bekannte sich zu seiner Krankheit, machte die Therapie öffentlich und empfand erstmal nur Entlastung. "Ich bin ein normaler Mensch und hatte eine schlechte Zeit. Und wenn ich krank bin, gehe ich zum Arzt wie jeder andere."

Die Klinik verließ Hannawald mit dem Gefühl, gesund zu sein. Nach und nach verdichtete sich die Sehnsucht nach einer Rückkehr auf die Schanze. Während der Behandlung hatte er sich nicht damit beschäftigt, ob es ein Comeback geben würde. In dieser Zeit schien der Sport unendlich fern. Und als er zum ersten Mal wieder zum Training ging, kam unmittelbar das negative Gefühl zurück, der Gang zur Schanze wurde erneut zur Qual.

Noch an diesem ersten Tag des Comeback-Versuches fiel die Entscheidung, endgültig aufzuhören. Verzweifelt suchte er in den Wochen und Monaten danach nach einem Ersatz.

Zunächst war er skeptisch, als sein Manager ihn von seiner Tauglichkeit für den Motorsport zu überzeugen versuchte. Er probte jahrelang, bis er sich bereit fühlte, sein erstes offizielles Rennen zu fahren. Er wird es als Wendepunkt in seiner Biografie festhalten und als den Moment, der ihm die Lebensfreude zurückgab.

Er lebt nun ein anderes Leben, öffentliche Auftritte genießt er inzwischen, seit er sie sich aussuchen kann. Auch, weil er es mag, ab und an mit seiner schönen Freundin über rote Teppiche zu gehen.

Die Zweifel an sich selbst sind geblieben. Wenige Wochen nach unserem Gespräch wird er die Rennsport-Serie für den Rest der Saison unterbrechen: Er ist noch nicht einverstanden mit seinem Fahrverhalten bei Regen.

Lesen Sie die ungekürzte Fassung dieses Kapitels und viele weitere Geschichten in Katja Kraus' Buch "Macht - Geschichten von Erfolg und Scheitern".



insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
aquarelle 19.04.2013
1. Burnout tut selten gut
Ich glaube mittlerweile auch an Unzurechnungsfähigkeit, wenn er bereit ist, jemanden wie Alena Gerber zu heiraten...
privat23 19.04.2013
2. Guter alter Burnout...
Zitat von sysopDPASven Hannawald sehnte sich nach immer größeren Weiten, war auf der Jagd nach dem perfekten Sprung. In ihrem Buch "Macht - Geschichten vom Erfolg und Scheitern", schreibt Katja Kraus über den Ehrgeiz des ehemaligen Skispringers, der zur körperlichen Gefahr wurde. http://www.spiegel.de/sport/sonst/buch-auszug-katja-kraus-ueber-skispringer-sven-hannawald-a-894633.html
jaja der Wohlstand...hat auch seine Tücken
Lankoron 19.04.2013
3. Und was
hat der Satz mit Thomas Hitzlsberger am Textanfang zu suchen?
01099 19.04.2013
4. optional
Warum stürzt er sich denn in den nächsten Leistungssport? Wenn er eine Veranlagung zur Depression hat - und nichts anderes ist ein Burn-Out- sollte doch versuchen, zumindest an den auslösenden Faktoren etwas zu ändern. Ich verstehe den Mann nicht... Es gibt so viele schöne Professionen auf der Welt.
husky29 19.04.2013
5. optional
He?? Burn Out entsteht nicht durch keine Veranlagung zur Depression! Depressionen kommen dann zum Vorschein weil man durch seine Kraftlosigkeit und Panikattacken sein" als erstes " soziales Leben nicht mehr ausführen kann. Dadurch fällt man in ein tiefes Loch! Das sind dann die Depressionen. Ich kenne mich damit aus. Bin seid nun fast 3 Jahren daran erkrankt ; Berufs-und Erwerbsunfähig ! Also! Das ist keine Spaßerkrankung!!
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