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Ein Jahr nach der WM: Was wurde aus dem Campo Bahia?

Von Carsten Upadek, Rio de Janeiro

Ex-DFB-Quartier Campo Bahia: Luxusresort für wenige Gäste, die viel Geld ausgeben Zur Großansicht

Ex-DFB-Quartier Campo Bahia: Luxusresort für wenige Gäste, die viel Geld ausgeben

Die Bilder aus dem WM-Quartier Campo Bahia haben der deutschen Nationalelf viel Sympathie gebracht. Investoren und DFB wollten sich auch nach der WM in Brasilien engagieren. Haben sie Wort gehalten?

Die Recherche-Serie
Über viele Nachrichten und Menschen wird eine Zeit lang sehr ausführlich berichtet - dann verschwinden sie wieder aus den Schlagzeilen. Wie entwickeln sich die Themen weiter, was wurde aus den Personen? Das erklären wir in dieser Serie.
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Schon kurz nach der Ankunft tanzten die Deutschen. Auf einem Video, das vor einem Jahr durch die sozialen Netzwerke ging, sind Bastian Schweinsteiger und Manuel Neuer zu sehen, die im Strandörtchen Santo André Arm in Arm mit einheimischen Fans die Hymne eines Klubs aus Bahia singen - beziehungsweise hüpfend mit einstimmen, wenn im Refrain das Wort "Bahia" fällt.

Es folgten zahlreiche Videos und Fotos, mit denen die Mannschaft die Öffentlichkeit ungewöhnlich nah an ihr Leben im Strandparadies herankommen ließ. Man sah die Spieler bei Spaziergängen und in Badehose, und Marketing-Profi Lukas Podolski tat sich mit Twitter-Meldungen in bestem Portugiesisch hervor. Die Mannschaft trat auch mehrfach bei sozialen Events auf, wie beim Besuch der Dorfschule in Santo André mit Blockflötenkonzert und Fußballkick.

So eroberte die deutsche Mannschaft in jenen Wochen das Herz der Brasilianer, bevor sie ihre Gastgeber im Halbfinale 7:1 demütigte und im Endspiel den Titel gewann. Und die fröhlichen Bilder aus dem DFB-Quartier Campo Bahia trugen dazu bei, die Gegner des luxuriösen Baus zu besänftigen.

Die Kritik war schon bald nach Veröffentlichung der ersten Pläne aufgekommen: Zu oft waren in den vergangenen Jahrzehnten für den Sport Projekte in die Pampa gesetzt worden, die Ressourcen verschlangen und nach Ende des Events keinem mehr nutzten. Campo Bahia entstand als Insel des Luxus in armem Umfeld. Sollten nicht auch die Menschen vor Ort Nutzen davon haben?

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Campo Bahia: Das WM-Quartier der Nationalmannschaft
Der Deutsche Fußballbund hielt mit einem Versprechen dagegen: Man werde sich auch dann weiter in Santo André engagieren, wenn die Spieler längst abgereist seien. Ähnliches versprachen die bayerischen Investoren hinter dem Campo.

Ein Jahr danach stellt sich nun die Frage: Haben sie ihr Wort gehalten?

Die WM hat den Ort Santo André selbst nicht grundlegend verändert. Aber an einigen Stellen bewegt sich etwas - nicht zuletzt dank deutscher Gelder.

Seit April 2015 wird eine Nachmittagsbetreuung für 48 Kinder angeboten, das Projekt ist auf vier Jahre angelegt. "Die Deutschen haben mehr hinterlassen als jede andere Nationalmannschaft", sagt Projektleiterin Ana Carolina França Pinto. "Mehr als die brasilianische Seleção. Deren Erbe ist gleich null."

Die Betreuung wird von den Sternsingern koordiniert, dem Kinderhilfswerk der katholischen Kirche in Deutschland. Das Werk engagiert sich in mehr als 15 sozialen Projekten in der Gegend, und der DFB fördert das mit über 500.000 Euro. Das ist fraglos ein anhaltendes Engagement nach Ende des Events.

Doch nicht alles, was sich in Santo André mit deutschem Geld bewegt, geschehe aus purer Gutherzigkeit, berichtet Léa Penteado, Sprecherin der Gemeinde Santa Cruz Cabrália, zu der auch Santo André gehört. Manches vermeintlich karitative Projekt entpuppt sich als umgesetzte Auflage oder Strafe für Verfehlungen.

So wurde nach einjähriger Bauzeit zwar endlich der Bolzplatz im Ort fertiggestellt. "Wir werden uns darum kümmern", hatte noch während der WM der Sprecher der Nationalmannschaft, Jens Grittner, versprochen, so als würde der Deutsche Fußballbund selbst in die Tasche greifen. Tatsächlich aber flossen nach Informationen von SPIEGEL ONLINE die rund 20.000 Euro für die Anlage des Platzes aus einer Strafzahlung, die den Bauherren des DFB-Quartiers auferlegt worden war. Die Zahlung war eine verordnete Wiedergutmachung für beim Bau verursachte Umweltschäden.

Weiterer Ärger droht

Das Campo Bahia in Santo André ist ein privates Projekt von Investoren um den Münchner Geschäftsmann Christian Hirmer. Es liegt direkt am Strand und besteht aus 14 zweigeschossigen Wohnhäusern, Lounge, offener Küche und Pool. Die damals im Bau befindliche Anlage überließen die Bauherren dem DFB für einen Schnäppchenpreis von 1,5 Millionen Euro und freuten sich über den Werbeeffekt.

Überblick: Das Campo Bahia entstand als Luxusdörfchen am Rande einer armen Gemeinde (Computergrafik) Zur Großansicht
imago

Überblick: Das Campo Bahia entstand als Luxusdörfchen am Rande einer armen Gemeinde (Computergrafik)

Doch der Zeitdruck bis zur Fertigstellung sorgte im Vorfeld der WM für allerlei Pannen und noch mehr schlechte Presse. Die Zeitung "Folha de S.Paulo" druckte Fotos von Arbeitern ohne Helm und Sicherungen. "Das war eine Kampagne, uns ein bisschen schlecht zu machen", beklagte damals Hirmers Mann vor Ort, Tobias Junge.

Der Deutschlandfunk meldete, das Projekt sei ohne gültige Umweltgenehmigung gebaut worden. Junge versicherte: Alle notwendigen Dokumente seien eingereicht worden. Wurden sie auch - aber erst nach den Recherchen des Radiosenders, wie die Staatsanwaltschaft feststellte.

Wohltaten entpuppen sich als Sündenablass

Santo André liegt im Umweltschutzgebiet "Santo Antônio". Doch das Ökosystem ist fragil. Deshalb müssen laut Gesetz für jede Baumaßnahme bis zu 0,5 Prozent der Investitionssumme in Ausgleichsmaßnahmen investiert werden.

Hirmer und Co. investierten in das Resort und das außerhalb gelegene Trainingszentrum etwa elf Millionen Euro - den Behörden sollen sie aber nur etwa ein Drittel des Wertes angegeben haben. Gemeindevertreter wie Léa Penteado waren empört. Staatsanwalt Bruno Gontijo leitete Ermittlungen ein.

Eine Woche vor Beginn der WM eskalierte der Streit. Entweder, forderte die Staatsanwaltschaft, verpflichteten sich die Bauherren, eine Strafe von nach damaligem Kurs umgerechnet rund 90.000 Euro zu zahlen, oder die Bauarbeiten würden gestoppt. Tobias Junge willigte ein, sagt Staatsanwalt Bruno Gontijo. Der Bau ging weiter.

Das Geld, so wurde es nun entschieden, soll in die Trinkwasseraufbereitung von Santo André fließen. Das stammt aus Brunnen und ist bisher oft eher braun. Jetzt hofft man dort, dass sich das ändert - und mehr Geld fließt, um weitere Missstände zu beheben.

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6  Bilder
WM-Film: Blick hinter die Kulissen
Denn möglicherweise bleibt die aktuelle nicht die letzte Strafe für die Investoren, die den Nachbarn des ehemaligen DFB-Quartiers zugutekommen könnte: Der Staatsanwaltschaft liegt eine Anzeige vor, dass die Besitzer von Campo Bahia noch vor Kurzem ohne Genehmigung ein Fitnessstudio gebaut hätten.

Das DFB-Quartier selbst ist inzwischen ein Luxusresort. Eine Übernachtung ist ab etwa 250 Euro pro Nacht und Zimmer zu haben, ganze Villen mit vier bis sechs Schlafzimmern für ca. 650 bis 1700 Euro pro Nacht (schwankende Umrechnungskurse).

Die Münchner Lokalpresse feierte die Eröffnung des Resorts des bayerischen Unternehmers Hirmer als "unfassbare Erfolgsgeschichte". Nachbarn vor Ort berichten aber, das Hotel sei kaum ausgelastet. Kein Vergleich zu dem Trubel, als sich Polizei, Journalisten und Neugierige drängelten, um vielleicht ein Foto mit den deutschen Spielern zu machen.

Das muss noch nichts heißen: Das Resort bietet nur 65 Zimmer. Es ist ein Ort für wenige, die viel Geld ausgeben sollen. Laut Unternehmenswebsite setze man daneben auch seine freiwilligen sozialen Engagements fort. So beteilige man sich an der Finanzierung eines Waisenhauses und von Hochwasserschutzmaßnahmen.

Noch also wirken Campo Bahia und der Aufenthalt des DFB-Teams nach - mal durch die Erfüllung von Versprechen, mal durch Strafen für begangene Sünden. Was am Ende davon bleibt, wird sich zeigen.

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