Achilles' Ferse: "Ohne Hasen gibt es keine Weltrekorde"

Hasen sind Tempomacher bei Langstreckenläufen. Sie geben die Geschwindigkeit vor und stehen doch im Schatten der Lauf-Elite. Ex-Profi Carsten Eich erklärt im Interview mit achim-achilles.de, warum Rekorde nur mit ihrer Hilfe gelingen und wieso Kenianer nicht als Tempomacher taugen.

Spitzengruppe beim Boston-Marathon: Hasen machen das Tempo und steigen dann aus Zur Großansicht
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Spitzengruppe beim Boston-Marathon: Hasen machen das Tempo und steigen dann aus

Frage: Herr Eich, sind Weltrekorde oder Bestzeiten ohne Tempomacher überhaupt möglich?

Eich: Ohne sogenannten Hasen würde es wahrscheinlich keine neuen Weltrekorde geben. Heutzutage sind fast alle Rennen durchorganisiert. Für die Spitzenläufer sind die Tempomacher eine wichtige mentale Stütze. Sie können die ersten 20 oder 25 Kilometer mit freiem Kopf laufen, brauchen sich nicht so viele Gedanken um das Rennen machen oder ständig Zwischenzeiten errechnen. Das spart Energie.

Frage: Kann man einem Hasen trauen?

Eich: Die Top-Läufer müssen sich auf den Tempomacher verlassen können, klar. Die meisten führen aus, was ihnen gesagt wird und liefern entsprechende Zeiten ab. Aber es gibt auch immer wieder falsche Hasen.

Frage: Hin und wieder kommt es aber vor, dass der Hase nicht wie besprochen aussteigt und das Rennen gewinnt.

Eich: Prinzipiell kann man niemandem verbieten, als Erster ins Ziel zu laufen. Dass ein Hase am Ende gewinnt, ist aber äußerst selten, weil für den Hasen-Job viel mehr Kraft aufwendet werden muss. Der Tempomacher muss dafür ein deutlich höheres Leistungsniveau haben als die eigentlichen Favoriten des Rennens - und das gibt es so gut wie nie. Sonst wäre er ja selber einer der Favoriten.

Frage: Sie waren früher selbst Tempomacher. Hatten Sie dabei nie den Drang, bis ins Ziel zu laufen?

Eich: Nein, wenn ich Tempomacher war, wusste ich im Vorfeld, dass ich zu dem jeweiligen Zeitpunkt nicht die gewünschte Leistung auf die gesamte Strecke hätte abrufen können, weil ich zum Beispiel zu lange verletzt war.

Frage: Die schnellsten Läufer der Welt, die Kenianer, sollen nicht immer gute Hasen sein. Stimmt das?

Eich: Sie haben zwar das Leistungsvermögen, um eine Gruppe lange anzuführen, haben aber oft kein Zeitgefühl. Das liegt daran, dass sie im Training ohne Uhr laufen, und dann ist es verdammt schwer, bei einem Marathon jeden Kilometer exakt in drei Minuten zu laufen. Ein guter Hase kriegt es hin. Im schlechtesten Fall läuft er eine 2:58 oder eine 3:02.

Frage: Aber Spitzenläufer brauchen doch keine Uhr, um schnell zu sein.

Eich: Das stimmt schon. Aber wenn ich das Tempo nach Bauchgefühl steuere, laufe ich zwar die fünf Kilometer auch in 15 Minuten, aber dann vielleicht einen Kilometer in 2:52 und den nächsten in 3:08 Minuten. Und das kann die Favoritengruppe überhaupt nicht gebrauchen.

Frage: Warum nicht?

Eich: Weil Zwischenspurts und Tempoverschärfungen Kraft kosten. Da verschwende ich Energie, die ich auf der Strecke noch benötige. Am vergangenen Wochenende beim Düsseldorf-Marathon war es so. Die Hasen von Jan Fitschen mussten ständig gebremst werden, auch weil Fitschen Muskelprobleme hatte, dann sind sie wieder losgespurtet. Fitschen war nicht besonders glücklich über seine "Pacemaker".

Frage: Wie läuft die Absprache zwischen Tempomacher und Spitzenläufer im Vorfeld ab?

Eich: Es gibt vor dem Rennen meist ein technisches Meeting, wo der Rennverlauf durchgesprochen wird. Da wird dann etwa gesagt: Du machst Tempo für die Spitzengruppe bis Kilometer 25 in einer bestimmten Zeit. Wenn du dich gut fühlst auch bis 30, dafür gibt es eine Extraprämie.

Frage: Empfindet man es als Spitzenläufer als Degradierung, wenn man den Hasen mimt?

Eich: Nein, würde ich nicht sagen. Es gibt international einige sehr gute Läufer, die sich aufs Tempomachen spezialisiert haben, weil sie die Erfahrung dafür mitbringen. Die werden dann auch angemessen bezahlt.

Frage: Was verdient ein guter Hase?

Eich: Das kann man überhaupt nicht sagen. Das hängt vom Veranstalter ab und welches Ziel er dabei verfolgt. In der Regel gibt es Erfolgsprämien, wenn ein Strecken- oder Weltrekord aufgestellt wird und der Tempomacher gut gearbeitet hat.

Das Interview führte Frank Joung

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Zur Person
  • Kirstin Eich
    Carsten Eich, Jahrgang 1970, ist ein ehemaliger deutscher Langstreckenläufer. Der Leipziger feierte etliche nationale und internationale Erfolge in den 90er Jahren. Er gewann 15 Deutsche Meistertitel und hält noch immer die Deutschen Rekorde über 10 Kilometer auf der Straße und im Halbmarathon. 1992 und 2000 nahm er an den Olympischen Sommerspielen teil. Zurzeit trainiert er die Spitzenläuferin Sabrina Mockenhaupt, gibt Laufseminare und veranstaltet Laufevents und Laufreisen.
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