Chaotische Verhältnisse Leipziger Olympia-Bewerbung vor dem Aus

Die Leipziger Olympia-Bewerbung wird immer mehr zu einer Farce. Mit Geschäftsführer Burkhard Jung musste bereits der dritte Verantwortliche zurücktreten. Die Spitzen der deutschen Sportfunktionäre warnen: Beim nächsten Fauxpas ist Leipzig aus dem Rennen.


Wolfgang Tiefensee (l.) und Klaus Steinbach: "Eindeutig in der Defensive"
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Wolfgang Tiefensee (l.) und Klaus Steinbach: "Eindeutig in der Defensive"

Leipzig - "Beim nächsten schweren Fall wird die Reißleine gezogen", erklärte Manfred von Richthofen, Vorsitzender des Deutschen Sportbundes (DSB) und forderte: "Alle Misshelligkeiten und Schmuddeleien gehören auf den Tisch." Die gleiche Meinung vertrat der Präsident des Nationalen Olympischen Komitees, Klaus Steinbach, am Wochenende auf der Sitzung der NOK-Mitgliederversammlung in Leipzig: "Wir fordern die konsequente und zügige Aufklärung der Vergangenheit, um eine stabile Basis zu haben." Doch mehr als Zweckoptimismus hatte Steinbach nicht zu bieten: "Wir sind eindeutig in der Defensive, aber unsere Strategie zeigt nach vorn."

Am Freitag hatte die an Pannen nicht gerade arme Leipziger Olympia-Bewerbung einen neuen Tiefpunkt erreicht. Der Olympia-Beauftragte und enge Vertraute Tiefensees, Burkhard Jung, war wegen dubioser Geschäftspraktiken zurückgetreten. Zuvor hatten bereits der Geschäftsführer der Olympia GmbH, Dirk Thärichen, und Sachsens Olympia-Staatssekretär Wolfram Köhler (CDU) ihren Hut nehmen müssen.

Mit Jungs erzwungenem Rücktritt ist der Skandal ganz nahe an Tiefensee herangerückt. "Ich werbe um ihr festes Vertrauen und um ihre uneingeschränkte Unterstützung", sagte Tiefensee am Samstag vor dem NOK, "wir müssen schneller und offensiver arbeiten, damit eventuell weitere Unregelmäßigkeiten abgestellt und bekämpft werden können." Einen Rückzug hält der Oberbürgermeister für "undenkbar und absolut falsch".

"Auch Tiefensee ist nicht unersetzlich"

Tiefensee ("Am Freitag hatte ich meinen Optimismus kurzzeitig verloren") wies erneut jeden Verdacht von sich, in die Affären verwickelt zu sein: "Ich habe ein reines Gewissen. Ich werde weiter mit Kraft und Herzblut die Bewerbung als Frontmann vorantreiben." Tiefensee weiß, dass er und seine Mitstreiter keinen weiteren Fehler erlauben darf. Vor den NOK-Funktionären bat der 48-Jährige um Verständnis: "Ich bitte Sie zu unterscheiden, was tatsächlich von einem verantwortet und was von der Medienlandschaft einem gern zugeschrieben wird."

Der Vizepräsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), Thomas Bach, sagte dem "Tagesspiegel" (Montagausgabe), dass er sich eine Olympia-Bewerbung Leipzigs auch ohne Tiefensee vorstellen könne, falls dieser sein Amt aufgeben müsse. "Niemand ist unersetzlich", zudem sei Tiefensee "im internationalen Sport nicht so bekannt". Die Sorge des Sports ist insgesamt groß, dass Leipzig trotz seiner viel gelobten Kompakt-Kandidatur nicht einmal die Vorauswahl des IOC unter neun Bewerbungen für die Spiele 2012 am 18. Mai in Lausanne erreichen könnte. Alarmiert hatte vor allem Bachs Situationsbeschreibung. Er räumte mit der Mär auf, dass seine IOC-Kollegen die Serie der Affären nicht wahrnehmen und als interne Angelegenheit der Deutschen bewerten würden.

"Ohne nationale Begeisterung kein Olympia"

Leipzigs Probleme mit undurchsichtigen Zahlungen und Zweckentfremdungen von Geldern seien in einem besonders sensiblen Bereich eine Sache des Vertrauens, betonte Bach: "Das IOC legt äußersten Wert auf ein ordentliches und unangreifbares Finanzgebaren." Schließlich überweise das IOC der Olympiastadt Finanzmittel in Höhe von etwa einer Milliarde Euro. "Da will man natürlich volles Vertrauen haben, dass mit diesem Geld korrekt umgegangen wird", so der frühere Fecht-Olympiasieger.

Nach Bachs Meinung wird jeder Stimmungswechsel in einem Bewerbungsland vom IOC genau registriert. Und er malte die katastrophalen Folgen für den olympischen Sport an die Wand, wenn die Bundesregierung sich von der Bewerbung lösen und ihre Ressourcen ganz auf das Projekt Fußball-WM 2006 konzentrieren würde. "Die Bevölkerung muss wieder Vertrauen in diese Bewerbung bekommen. Das gelingt nur, wenn deutlich wird, dass reiner Tisch gemacht worden ist und zwar sehr schnell", sagte Bach, "ohne nationale Begeisterung gibt es kein Olympia in Leipzig."

Personeller Neuanfang nötig

"Wir müssen sicher sein, dass sich unser Einsatz für Leipzig noch lohnt, denn es geht nicht nur um die Stadt, sondern um das weltweite Ansehen des deutschen Sports", unterstrich DSB-Boss von Richthofen. Eine zweite Pleite wie mit der Bewerbung Berlins für die Olympischen Sommerspiele 2000 könne man sich nicht leisten. "Wir werden uns das verlorene Vertrauen wieder erarbeiten und bis zur IOC-Inspektion Anfang 2005 schon Nägel mit Köpfen machen", versprach Tiefensee, "die Sehnsucht unserer Bevölkerung nach den Spielen ist ungebrochen."

Der geplante Olympia-Gipfel soll nun als letzte Möglichkeit der Mobilisierung und Reanimierung genutzt werden. Die nächste Aufsichtsratssitzung der Olympia GmbH am 19. November in Frankfurt ist als eine Art Neubeginn geplant. Neue personelle Kompetenz soll der Bewerbung zugeführt werden, auch um Tiefensee zu entlasten und ihn etwas aus der Schusslinie zu nehmen. Verabschiedet werden soll eine neue Struktur. Innenminister Otto Schily, der sich am Samstag beim Frankfurter Sportpresseball mit von Richthofen, Steinbach und Tiefensee traf, gibt sich weiterhin zuversichtlich: "Es wird uns gelingen, die Olympischen Spiele 2012 nach Deutschland zu holen, ungeachtet aller Hürden."



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