Tour-Favorit Froome und der Dopingverdacht Chaos statt Vertrauen

Tour-Favorit Christopher Froome wurde vom Dopingverdacht freigesprochen. Doch die Begründung von Radsportweltverband und Welt-Antidopingagentur ist intransparent. Eine vertane Chance.

Christopher Froome
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Kontroverse Themen lassen sich nicht beenden, nur weil jemand das fordert. Das war 2013 beim damaligen Kanzleramtsminister Roland Pofalla schon so, der versuchte, den NSA-Skandal abzumoderieren ("Der Vorwurf ist vom Tisch"). Das war auch in diesem Sommer so, als Oliver Bierhoff unter die Debatte um Özil und Gündogan vor der WM in Russland mit einem "Jetzt reicht es dann auch" einen Schlussstrich ziehen wollte.

Beide Themen waren dann doch nicht ganz so schnell abgehakt.

Deshalb ist es schwer zu glauben, dass die Debatte um Christopher Froome und seinen auffälligen Test bei der Vuelta 2017 die diesjährige Tour de France nicht begleiten wird. Obwohl der Radsport-Weltverband UCI mit seinem Urteil, die Welt-Antidopingagentur Wada mit ihrem Segen und Froome selbst mit dem Satz "Wir können uns jetzt voll auf die Tour konzentrieren" in Pofalla-Bierhoff-Manier das Gegenteil versucht haben.

Der Grund des Scheiterns solcher Beendigungsversuche ist fast immer derselbe: mangelnde Transparenz. In Froomes Fall, der den internationalen Radsport jetzt schon fast zehn Monate lang begleitet, ist zwar ein Freispruch durch die UCI erfolgt (der von der Wada gebilligt wurde), doch wie das Urteil zustande kam, bleibt nebulös.

1920 Nanogramm pro Milliliter Urin

Rückblick: Bei der Spanienrundfahrt im vergangenen Jahr wurde bei Froome ein Salbutamol-Wert von 1920 Nanogramm pro Milliliter Urin gemessen, der Grenzwert der Wada liegt bei 1000. Da Froome ein Attest hatte, durfte er das Asthma-Mittel benutzen, doch eine Grenzwertüberschreitung ist nicht erlaubt, dafür waren zuvor Fahrer mit mehrmonatigen Strafen belegt worden.

Doch Froome nahm den Kampf auf, engagierte teure Anwälte und lieferte einerseits Begründungen für den erhöhten Wert - Dehydrierung, Stoffwechselprobleme -, andererseits attackierten seine Rechtsberater die Wada-Tests. Diese seien ungenau, bei unterschiedlichen Fahrern könnten bei gleicher Mitteleinnahme unterschiedliche Werte gemessen werden.


Sehen Sie hier ein Video der Teampräsentation vor der Tour de France:

Die Wada kann in solch strittigen Fällen die Situation nachstellen lassen und so die Testergebnisse überprüfen, doch das war im Fall Froome offenbar nicht möglich, die Gründe hierfür blieben vage ("Eine Verbindung von dokumentierter Krankheit und angestiegener Dosis vor der Kontrolle"). Stattdessen wurde der gemessene Wert wegen der Dehydrierung auf 1429 ng/ml kleingerechnet, dann wurde auf Grundlage neuer Berechnungen der Grenzwert angehoben. Fazit: Die Überschreitung war am Ende nicht mehr gravierend. Freispruch.

"Schande", "Chaos", "abgekartetes Spiel"

Die Wada spricht in ihrem Statement von "spezifischen Faktoren", die jedoch unspezifisch blieben, da sie nicht ausreichend kommuniziert wurden. Und hier liegt das Problem: Die Intransparenz des Umgangs mit dem Fall, der ja überhaupt nur publik wurde, weil "Le Monde" davon berichtete, verhindert Aufklärung, verhindert Klarheit. Und sät Zweifel an Froome, an der Wada, an der UCI.

Der Antidopingexperte Fritz Sörgel sprach von einem "abgekarteten Spiel". Der deutsche Rennfahrer Tony Martin forderte eine Begründung von der UCI und sprach von einer "Schande" für den Sport. Der niederländische Profi Tom Dumoulin bezeichnete die Verhandlung als "Chaos" und beklagte schlimme Folgen für den Radsport: "Die Fans rennen davon."

Es ist schwierig: Laut Reglement war es zum Beispiel regelkonform, dass die UCI keine Informationen zu dem Fall herausgab. Und natürlich darf sich ein Profisportler teure Anwälte leisten und alle Details des Verfahrens auf den Prüfstand stellen, selbstverständlich gilt die Unschuldsvermutung. Und wenn die Dopingtests tatsächlich ungenau sind, dann ist das nicht Froomes Problem, sondern das der Wada.

"Das Urteil zieht eine Grenze"

In der UCI-Begründung ist davon die Rede, dass man "wissenschaftliche Berichte" zurate gezogen habe und "Experten-Ratschläge". Die Wada spricht von "sorgfältigen Abwägungen der Fakten". Doch wie schon beim Freispruch der unter Dopingverdacht stehenden russischen Fußballnationalspieler durch den Weltverband Fifa blieben die genauen Details der Untersuchungen im Dunklen.

Der Profisport hat in Sachen Doping in der Vergangenheit eine Menge Vertrauen verspielt, in vorderster Linie steht da der Radsport. Zweifel an der Sauberkeit der Fahrer, insbesondere der Titelkandidaten, fahren quasi bei jeder Tour de France mit. Eigentlich müsste es da im Interesse aller Beteiligten - Froome, UCI, Tour, Wada - sein, möglichst große Transparenz zu schaffen. Diese Chance wurde vergeben.

"Das Urteil zieht eine Grenze", hat Froome gesagt, als er am Montag nach dem Urteil die Debatte um seinen Test beenden wollte. Bei der offiziellen Teamvorstellung vor 5000 Zuschauern am Donnerstag konnte der Brite deutlich hören, dass seine Einschätzung der Lage nicht von allen geteilt wird: Er wurde lautstark ausgebuht.

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