Krisensitzung am Wochenende Handballnationaltrainer Prokop vor dem Aus

Christian Prokop wird für das schlechte Abschneiden bei der EM verantwortlich gemacht, die Nationalspieler stellen sich gegen den Trainer. Jetzt soll die Entscheidung fallen, ob er bleibt. Wahrscheinlich ist das nicht.

Handball-Nationaltrainer Prokop
REUTERS

Handball-Nationaltrainer Prokop


Vergangenen Freitag feierte Hans Robert Hanning, in der Welt des Handballs stets "Bob" genannt, in einem Berliner Restaurant seinen 50. Geburtstag. Unter den Gästen war auch der Trainer Dagur Sigurdsson, mit dem Hanning mit den Füchsen Berlin (Pokalsieger 2014, EHF-Pokalsieger 2015) und mit der deutschen Nationalmannschaft (Europameister 2016) große Erfolge gefeiert hatte.

Sigurdsson, der inzwischen die japanische Nationalmannschaft coacht, flog eigens ein und begrüßte den Jubilar - so berichten es jedenfalls Gäste, die dabei waren - mit einer Portion isländischem Charme: "Herzlichen Glückwunsch. Wenn ihr Christian Prokop entlasst, kannst du ja gleich mit zurücktreten."

In den vergangenen Jahren hat sich Hanning als starker Mann im deutschen Handball positioniert - und als Sprachrohr. In der Szene können sich viele eine Handball-Welt ohne Hanning kaum mehr vorstellen.

Exakt dies scheint nun jedoch möglich, da Hanning in der Aufarbeitung des EM-Desasters, wie Eingeweihte berichten, sein Schicksal als Vizepräsident des Deutschen Handballbundes (DHB) mit der Zukunft des Bundestrainers Christian Prokop verknüpft. Hanning hatte Prokop fast im Alleingang mit einem Fünfjahresvertrag bis 2022 ausgestattet. "Unser Wunsch ist, mit Christian Prokop weiterzuarbeiten", hatte Hanning in Kroatien gesagt.

Bob Hanning
DPA

Bob Hanning

Doch momentan erscheint es nur noch als theoretische Option, dass Prokop die Nationalmannschaft auch bei der Heim-Weltmeisterschaft im Januar 2019 trainiert.

Noch versuchen einige Verantwortliche wie der DHB-Sportvorstand Axel Kromer, den tiefen Graben zwischen Mannschaft und Coach zu schließen. Das Duo Kromer/Hanning will nach Informationen des SPIEGEL am Wochenende am Hamburger Flughafen weitere Gespräche mit wichtigen Nationalspielern führen, darunter Andreas Wolff, Steffen Weinhold, Patrick Wiencek (alle THW Kiel) und Hendrik Pekeler (Rhein-Neckar Löwen). Am Montag trifft sich das DHB-Präsidium in Hannover, um über die Zukunft des Bundestrainers zu beraten.

"Es wird zeitnah eine Präsidiumssitzung stattfinden", bestätigt DHB-Vorstandschef Mark Schober, der die aktuellen Entwicklungen aber nicht kommentieren wollte. "Noch ist gar nichts entschieden", sagt Uwe Schwenker, dem als Präsidenten der Handball-Bundesliga eine Schlüsselrolle als Moderator zwischen DHB und Liga zukommt. Die Lage ist ausgesprochen heikel.

Es habe bei der EM "irgendwie nicht gepasst", sagte Julius Kühn (Melsungen) in der "Hessischen Niedersächsischen Allgemeinen". "Wir waren als Mannschaft davon überrascht, dass er Finn Lemke zunächst nicht nominiert hat." So wie die gesamte Handball-Öffentlichkeit, da Lemke in der Hierarchie des Teams einen zentralen Part einnahm.

Co-Trainer Alexander Haase soll dem Bundestrainer lange zugeredet haben, den Abwehrchef mitzunehmen, vergeblich. Prokop sei beratungsresistent, werfen ihm Kritiker vor. Wichtige Spieler der Mannschaft, auch das wird immer klarer, wollen unter Prokop nicht weiterarbeiten. Sie trauen dem Trainer nicht zu, dem großen Druck einer Heim-WM standzuhalten, auch für sein taktisches Dauerfeuer während des Trainings und in den Auszeiten entwickeln sie wenig Verständnis.

Sollte das DHB-Präsidium dennoch an Prokop festhalten, drohen Rücktritte vieler Leistungsträger. In diesem Fall stünde ein angeschlagener Bundestrainer vor den Trümmern einer Mannschaft. Kaum vorstellbar, dass er mit nur wenigen Freundschaftsländerspielen, die noch bleiben, eine schlagkräftige Truppe für die WM aufbauen kann.

Finn Lemke
DPA

Finn Lemke

So oder so steht der deutsche Handball vor einer Zäsur. Das Problem für den DHB besteht darin, dass eine Freistellung Prokops mehr als eine Million Euro kosten könnte. 400.000 Euro müsste der Verband sofort abschreiben, da der Plan gescheitert wäre, die Ablösesumme in Höhe von einer halben Million auf die fünf Vertragsjahre Prokops zu verteilen. Und dann sind da noch die ausstehenden Gehälter, die die "Sport Bild" auf rund 220.000 Euro pro Jahr taxiert.

Der DHB könne sich eine Freistellung des Bundestrainers leisten, hat Hanning zwar nach der EM im ZDF-Sportstudio erklärt. Doch für einen Verband, der deutlich weniger als zehn Millionen Euro Jahresumsatz erzielt, wäre das ein schwerer finanzieller Rückschlag. Finanzielle Erwägungen dürften in der Bundestrainerfrage keine Rolle spielen, sagt Axel Geerken, der Manager der MT Melsungen. "Wenn man nur vor diesem Hintergrund mit Prokop weitermacht, dann ist die Gefahr groß, dass die Folgen der Weltmeisterschaft für den deutschen Handball noch viel teurer werden."

Bei einer ähnlichen Platzierung wie bei der EM (Rang neun) wäre die von Hanning seit Jahren ausgegebene Vision vom Olympiasieg 2020 schon im Januar 2019 utopisch. Der deutsche Handball steht an einem Scheideweg.



insgesamt 23 Beiträge
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cmann 16.02.2018
1. Nachvollziehbar!
Prokop hat von Anfang an die falschen Entscheidungen bei der Zusammenstellung dces Kaders getroffen und ziemlich selbstherrlich agiert. Das schlechte Abschneiden der Mannschaft geht auf seine Kappe. Er mag ja ein guter Vereinstrainer gewesen sein, aber die 500.000 Euro Ablöse des DHB waren wohl eine Fehlinwestition.
bardolino12 16.02.2018
2. Trainer
müssen durch ihre Persönlichkeit überzeugen. Für einen Nationaltrainer gilt das im besonderen Maße. Wenn es stimmt, dass sich die Spieler gegen ihn aussprechen, dann war es das mit Prokop.
hooge789 16.02.2018
3. Ich hoffe, dass er geht.
Es ist einfach dem Trainer für alles die Schuld zu geben, aber einen Spieler nicht zu nomieren um ihn dann nachzunomieren, da sehe ich keine klare Linie. Auch die Auszeitansprachen wirkten unsuverän. Doch das eigentliche Problem ist, dass wir keinen deutschen Trainer von Weltklasseformat haben. Schlimmer geht immer.
klappspatenbeobachter 16.02.2018
4. Hybris?
Oder was treibt Hanning, einen solchen Vertrag im Alleingang auszuhandeln? Der Trainer ist doch jetzt schon nicht mehr zu halten, da allein die wochenlange Diskussion über ihn einer totalen Demontage gleich kommt. Der ist durch.
golfstrom1 16.02.2018
5. Prokop
Auf mich wirkte Christian Prokop im gesamten Turnier nicht sonderlich souverän. Das fing mit den Nominierungen an und setzte sich mit den Aufstellungen in den Spielen fort. Was viel fataler war ist die Tatsache, dass die Mannschaft im kompletten Turnier insbesondere in der Offensive regelrecht planlos spielte. Die Tore waren zu 80% das Produkt starker Einzelaktionen, wie Fernwürfe von Kühn etc.. Es gab selten gute und eingeplante Spielzüge und die Flügelspieler konnten fast gar nicht in die Angriffsspielzüge eingebunden werden, obwohl dort die stärksten Individualisten spielen. Dazu existierte fast überhaupt kein schnelles Umschaltspiel. Schnelle Konter und ein ideenreiches und flexibles Angriffsspiel waren unter Sigurdsson noch die größte Stärke der Mannschaft und hat sie bis 2016 in die Spitzengruppe der Handballteams gebracht mit fast den identischen Spielern. An diesen Punkten ist also viel Qualität verloren gegangen. Lediglich die Abwehrarbeit war phasenweise wettbewerbsfähig und auf hohem Niveau. Mit Prokop weiterzumachen wäre ein großes Risiko, vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass scheinbar Risse zwischen Mannschaft und Trainer vorhanden sind.
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