Froome-Comeback beim Giro Sorry, Chris

Unser Autor hatte ihn schon abgeschrieben. Dann zeigte Chris Froome beim Giro d'Italia einen der spektakulärsten Auftritte der Radsportgeschichte. Zeit für eine Neubewertung.

Chris Froome
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Chris Froome

Von Eike Hagen Hoppmann


Lieber Chris,

vor einer Woche habe ich Unsinn geschrieben. "Britische Wachablösung" hieß der Artikel, es war ein Zwischenfazit zum 101. Giro d'Italia. Du warst als großer Favorit auf den Gesamtsieg angetreten, lagst zu diesem Zeitpunkt aber nur auf Rang zwölf. Ich war mir sicher, dass du die Rundfahrt nicht mehr gewinnen kannst. Ich verstieg mich zu der Behauptung: "Der 32-Jährige ist aktuell nur noch eine schlechte Kopie vergangener Erfolgstage." Und, noch viel schlimmer: "Schon jetzt geht es für Froome nur noch um Schadensbegrenzung." Was für eine Fehleinschätzung.

Das hast du mit einem der spektakulärsten Auftritte der Radsportgeschichte gezeigt. 80 Kilometer vor dem Ziel hast du attackiert und von da an eine atemberaubende Solofahrt durch die italienischen Berge hingelegt. Normalerweise kommt es erst am Schlussanstieg zum Showdown der Klassementfahrer. Aber das ging nicht. "Ich musste etwas Verrücktes tun, bei meinem Rückstand hätte ich nicht auf den letzten Anstieg warten können", sagtest du.

Die Zweifel bleiben

Es ist noch unklar, wie man die Etappe in ein paar Jahren bewerten wird. Das liegt an dir. Bei der Spanien-Rundfahrt im vergangenen Jahr wurdest Du mit einer erhöhten Dosis eines Asthmamittels erwischt. Ein Urteil des Weltverbands gibt es dazu aber noch nicht.Trotzdem bist Du beim Giro an den Start gegangen, anstatt das Ergebnis abzuwarten. Dafür gab es viel Kritik. Wenn man dich bei einem Urteil nachträglich sperren wird, könntest Du auch den möglichen Titel wieder verlieren. Und es wird Zweifel geben, ob auch beim Giro alles sauber gelaufen ist.

3:22 Minuten betrug dein Rückstand vor der Etappe auf den Führenden Simon Yates. Der bislang Führende, der seinerseits die Tour de France vor zwei Jahren wegen einer positiven Dopingprobe verpasste, war überfordert und kam fast 40 Minuten später ins Ziel. Jetzt hast du zwei Etappen vor dem Ende plötzlich 40 Sekunden Vorsprung in der Gesamtwertung auf den Zweitplatzierten Tom Dumoulin und trägst zum ersten Mal das Maglia Rosa.

Die Attacke war gut vorbereitet von deinem Team Sky. Man habe den ganzen Vortag mit der Planung verbracht, hat Teamchef David Brailsford gesagt. Aber du hast den Plan perfekt ausgeführt. "Da war ein gewisses Risiko dabei. Es war das erste Mal, dass ich so etwas gemacht habe." Die Gefahr bei frühen Attacken ist, dass man am Anfang zu viel Kraft investiert und am Ende die Luft ausgeht. Bei einer Solofahrt gibt es keinen Windschatten. Aber nichts davon ist passiert. Du bist das Rennen souverän zu Ende gefahren.

Erst hinterher-, dann davongefahren

Das ist vor allem spektakulär, wenn man die gestrige Fahrt mit deinen Leistungen in den Vorwochen vergleicht. Da bist du bei fast jeder anspruchsvollen Etappe hinterhergefahren, zweimal gestürzt und bei Anstiegen auf die Hilfe der Teamkollegen angewiesen gewesen. Du hattest einen guten Tag am Monte Zoncolan, bist am nächsten Tag aber direkt wieder eingebrochen. So kannte ich dich, den Radsport-Dominator der vergangenen Jahre nicht, der immer alles unter Kontrolle hatte. Fast fünf Minuten betrug dein Rückstand in der Gesamtwertung zwischenzeitlich.

Es gab Spekulationen, dass du aussteigen könntest, um weitere Niederlagen zu vermeiden. Du hast aber gesagt: "Es wird besser hier von Tag zu Tag. Ich bin optimistisch und gebe die Hoffnung keinesfalls auf." Und: dass du deine Top-Form erst in der dritten Giro-Woche erreichen würdest. Es klang wie eine dieser Phrasen, die man hört, wenn Sportler noch Optimismus verbreiten wollen, aber eigentlich selbst wissen, dass sie keine Chance haben. Aber es war keine Phrase.

Dennoch werde ich nicht den Fehler machen und dir schon zum Giro-Sieg gratulieren. Eine weitere harte Bergetappe steht ja noch auf dem Programm. Aber dass du das Rosa Trikot bei dieser Rundfahrt überhaupt noch einmal trägst, hätte ich dir vor einer Woche niemals zugetraut. Sorry, Chris.



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