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11. Januar 2013, 13:21 Uhr

Comeback von Boxerin El-Halabi

Vier Kugeln für ein neues Leben

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Zwölf Narben erinnern die Boxerin Rola El-Halabi an die schlimmste Nacht ihres Lebens: die Nacht, in der ihr Vater sie niedergeschossen hat. Er wollte sie zum Krüppel machen. 21 Monate später kehrt sie zurück in den Ring. Sie kämpft um die Weltmeisterschaft - und um ein Leben ohne Angst.

Hamburg - Unermüdlich lächelt Rola El-Halabi in die Kameras, posiert mit erhobenen Fäusten, lässig an die Ringseile gelehnt. Geduldig beantwortet sie die Fragen der Journalisten, die ihrer Presseeinladung in einen Hamburger Boxclub gefolgt sind, und die wieder und wieder das Gleiche wissen wollen. Alle möchten ihre Geschichte hören, die außergewöhnliche Geschichte dieser jungen Boxerin, jedes einzelne Detail. Und sie könnte nun sogar ein Happy End bekommen.

Die Geschichte erzählt von einer jungen Frau, deren Familie Ende der achtziger Jahre vor dem Bürgerkrieg im Libanon nach Deutschland floh. Die Mutter und ihre zwei kleinen Töchter wurden vom leiblichen Vater verlassen, sie glaubten, das große Glück gefunden zu haben, als der damalige Exillibanese Hicham El-Halabi zu den drei Frauen stieß, die Mutter heiratete und die beiden Mädchen adoptierte. Ein großzügiger Mann, damals nicht einmal Mitte zwanzig, der es vor allem seinen Töchtern an nichts fehlen ließ. Dank seiner Fürsorge und seines Engagements wurde Rola El-Halabi Doppelweltmeisterin im Leichtgewicht. Über zwei Jahrzehnte war das Glück der Familie El-Halabi perfekt.

"In meinem eigenen Blut sitze ich auf dem Boden. Vier Löcher sind in meinem Körper. Das Loch in meiner Hand brennt so sehr, dass die Hand pocht und pocht. Sie steckt in meinem Boxhandschuh. Gerade noch wollte ich um die Weltmeisterschaft boxen, jetzt kämpfe ich ums Überleben. Vor mit sitzt mein Vater, er hält die Pistole in der Hand, mit der er auf mich geschossen hat." (Auszug aus der in Kürze erscheinenden Autobiografie Rola El-Halabis)

Es war der 1. April 2011, der aus der Geschichte von Rola El-Halabi das Drama machte, das nun alle hören wollen. In einer Sporthalle in Berlin-Karlshorst wollte die damals 25-Jährige ihren WM-Titel gegen die Bosnierin Irma Balijagic-Adler verteidigen. Es kam nie dazu. Ihr Vater stürmte kurz vor dem Kampf in ihre Kabine, in der Hand eine Neun-Millimeter-Pistole. Zielte auf die rechte Hand, drückte ab; zielte auf den linken Fuß, drückte ab. Die dritte Kugel durchbohrte das linke Knie, die vierte den rechten Fuß.

"Ja, es ist mein Vater, nicht mein Stiefvater. Er hat meine Schwester und mich adoptiert, er war uns immer ein Vater, unser Papa. Er war auch mein Manager, hat mich zum Boxen gebracht, bis zur Weltmeisterschaft. Doch irgendwo auf diesem Weg ist etwas schiefgegangen."

Der Vater wollte seine Tochter zum Krüppel schießen, aus Wut und Verzweiflung darüber, dass er die Kontrolle über sie verloren hatte. Weil sie sich in den jungen Griechen Kosta verliebt und ihrem Vater nichts davon gesagt hatte. Weil sie über ihr eigenes Leben bestimmen wollte.

Hicham El-Halabi, heute 46, wurde im November 2011 vom Berliner Landgericht wegen gefährlicher und versuchter schwerer Körperverletzung zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt. Auf der Anklagebank sah Rola El-Halabi ihren Vater das letzte Mal, seitdem existiert er für sie nicht mehr.

"Für mich ist er gestorben", sagt die 27-Jährige. In ihrem Gesicht zeigt sich keine Regung. "Ich verschwende keinen Gedanken mehr an ihn." Sie streicht kurz über die streichholzlange Narbe auf ihrem Handrücken, lehnt sich im Sessel zurück. Am Abend geht der Flug zurück in ihre Heimatstadt Ulm, wo sich El-Halabi seit knapp einem halben Jahr auf den großen Tag vorbereitet.

21 Monate nach dem Attentat steigt sie wieder in den Ring. Am Samstagabend (ab 22 Uhr, Livestream auf SPIEGEL ONLINE) boxt sie in Neu-Ulm gegen die 33-jährige Italienerin Lucia Morelli um den WM-Titel des Wiba-Verbandes.

"Ich wusste eigentlich schon im Krankenhaus, dass ich wieder boxen will. Dass ich mich nicht einfach geschlagen gebe", sagt sie. Sie saß noch im Rollstuhl, als sie die altgriechischen Worte "Molon labe" auf ihre Rippen tätowieren ließ, "Kommt und holt sie euch". Für El-Halabi heißt das: Nie kampflos aufgeben. Doch ihre Verletzungen waren so schwer, dass die Ärzte im Ulmer Bundeswehrkrankenhaus nicht einmal wussten, ob sie überhaupt wieder würde gehen können. Mühsam ackerte sie sich durch die schmerzhafte Rehabilitation, ein gutes halbes Jahr später begann sie mit Fitnesstraining. An Boxen war wegen der zerstörten Schlaghand aber nicht zu denken.

Im Frühjahr vergangenen Jahres entfernten die Ärzte die Metallplatte aus ihrer rechten Hand, seitdem arbeitet El-Halabi daran, wieder eine Faust zu formen. Sie hält ihre Rechte vors Gesicht: Noch gelingt es nicht vollständig, der Mittelfinger ist zu steif. "Ich kann das mit einer guten Tape-Bandage ausgleichen", sagt sie, kein Problem.

Sie sei noch nicht wieder auf ihrem Top-Niveau, gesteht El-Halabi, fühle sich für den Kampf gegen Morelli aber gut gerüstet. Man sieht: Sie hat in den vergangenen Monaten deutlich an Athletik zugelegt, durchtrainiert wie einst ist sie noch nicht.

Doch die körperliche Kraft wird an diesem Abend in Ulm zweitrangig sein. Ein Boxkampf entscheidet sich zu etwa 80 Prozent über den Kopf. Bei Rola El-Halabis Comeback wird der Kopf über alles entscheiden.

"Es gibt Tage, da kann ich nicht aus dem Haus und unter Leute, aber ich kann auch nicht zu Hause bleiben in den vier Wänden, kann nicht allein sein und kann niemanden an meiner Seite haben, kann mit niemandem sprechen und müsste doch so dringend reden. An diesen Tagen geht einfach gar nichts. Da sind die Bilder aus Berlin stärker als ich."

An Silvester konnte sie die Böller kaum ertragen, jetzt stellt sich El-Halabi dem Trauma. Sie freue sich auf den Kampf, sagt sie. "Darauf, dass es endlich so weit ist. Ich habe den Abend schon tausendmal im Kopf durchgespielt, jede Angriffsvariante gegen Lucia, jeden Schlag." Wenn die Boxerin im Ring ist, hat sie die Kontrolle. Es ist das Unerwartete, das ihr Sorgen macht, und das sie zu Vorkehrungen gezwungen hat. Der gesamte Kampfabend, dessen Ausrichterin El-Halabi persönlich ist, wird von einer Security-Firma überwacht. Wenn sie in ihrer Kabine ist, kann sie die Tür nur von innen öffnen, hinein kommt niemand. 7000 Zuschauer passen in die Halle, jeder einzelne soll am Eingang durchsucht werden.

"Ich habe keine Angst. So etwas wie damals wird nie wieder passieren", sagt El-Halabi. Aber es sei ihr wichtig, dass es eine saubere Veranstaltung wird. Dass Familien kommen und sich sicher fühlen. "Und hinterher sollen sie sagen: 'Hey, zur Rola gehen wir noch mal.'" Der Abend ist der wichtigste Teil von Rola El-Halabis Selbsttherapie. Es muss klappen.

"Ganz ehrlich: Ich bin wirklich froh, dass mir passiert ist, was mir passiert ist. Es hat mir die Augen geöffnet. Ich war zuvor in einer rosaroten Traumwelt, in der alle nett zu mir waren, jeder mir meinen Erfolg gönnte, jeder mich anhimmelte. Ich dachte wirklich, dass mich jeder mochte. Aber das war nur, solange ich oben stand. Dann saß ich im Rollstuhl, auf Hüfthöhe der Leute, und irgendwie ganz unten."

Und wenn sie verliert? "Dann geht die Welt nicht unter. Das gehört zum Sport dazu", sagt sie. Sie habe während der vergangenen zwei Jahre gelernt, dass es Wichtigeres gebe im Leben. "Vorher hatte ich nichts außer dem Boxen. Es ging immer nur um den nächsten Sieg." Heute wisse sie, um was es sich zu kämpfen lohne: Gesundheit, die Liebe zu Kosta, eigene Entscheidungen, Familie, echte Freunde.

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