Computerspiel-Festival Dreamhack Bis die Fingerkuppen brennen

Das Computerspiel-Festival Dreamhack in Schweden gilt als Highlight im E-Sports-Kalender. Reportage aus dem Inneren eines Milliardenbusiness.

Konstantin Arnold

Aus Jönköping berichtet


Es ist dunkel im schwedischen Jönköping. Und kalt. Die Häuser leuchten vor lauter Weihnachtsdekoration, und im Radio hat man Mitte November schon mit den Weihnachtsliedern begonnen. Doch am ersten Dezemberwochenende verändert sich hier alles: Dann erobern 55.000 Besucher die beschauliche Szenerie und feiern das größte digitale Festival der Welt, die Winter Dreamhack 2017.

Ein abgedunkeltes Kongresszentrum wird zum Reich der Gamer, eine temporäre Stadt, errichtet mit 40.000 Metern Glasfaser-Kabelage. 750 freiwillige Helfer müssen dafür sorgen, dass diese Stadt bereit ist, wenn die Tore öffnen, funktioniert, wenn sich Zehntausende vernetzen, und wieder verschwindet - als wäre nichts gewesen - wenn die Kongresshalle Ende der Woche frisch gebohnert übergeben werden muss.

Es ist ein Highlight im E-Sports-Terminkalender, ein Ort der Begegnung für viele, die sich nur aus dem Internet kennen und hier endlich persönlich ihre Rechner vernetzen können, 24 Stunden am Tag. Es ist die Möglichkeit durchzuzocken, bis die Fingerkuppen schmerzen. Ein Ort der digitalen Ekstase mit eigenem Pizzaservice, 3000 Kilogramm Kebab, zwei Mexikanern, vier Burgerläden, drei Donut-Bistros.

Drogen und Alkohol verboten

Von überallher bringen die Spieler Schlafsäcke, Isomatten, Pringles und palettenweise Pepsi. Drogen und Alkohol hingegen sind verboten und in der Gaming-Szene unerwünscht. Bis zu 18 Stunden sollen manche auf ihren teuren Drehstühlen verbringen, bis der Körper trotz literweise Energy-Drinks schlappmacht. An Computern, vor Bildschirmen, auf Tastaturen, die funkeln wie Weihnachtsbeleuchtung.

Es ist ein friedlicher Ort. Von offizieller schwedischer Seite heißt es, dass für derartige Veranstaltungen mindestens zwei Sicherheitsbeamte anwesend sein müssen - für jeden schwedischen Abiball braucht man mehr. Gewalt findet nur auf den Bildschirmen statt. Beim Egoshooter Counterstrike etwa, oder dem Echtzeit-Strategiespiel Dota 2.

Gamer beim Zocken
Konstantin Arnold

Gamer beim Zocken

Doch es geht hier nicht nur um den Spaß am Ballern, sondern um Millionen. Dicke Kinder mit fettigen Haaren und Frittenfingern? Wohl kaum: Manche dieser E-Sportsprofis sehen aus wie Rugbyspieler. So wie Jaroslaw "pashaBiceps" Jarzabkowski, ein polnischer "Counter Strike"-Spieler. Manche aber auch nicht, so wie Syed Sumail "SumaiL" Hassan, ein 18 Jahre alter Multimillionär aus Pakistan, der als der beste "Dota 2 - Midplayer" der Welt gilt.

"Wir leben ein krasses Leben"

Abkürzungen, die im Standardvokabular eher selten vorkommen, sind hier in aller Munde: Bots, Slots, Killsteal und Manta Style. Immerhin kann ein Normalsterblicher etwas mit 27 Millionen Dollar anfangen - so viel ist mittlerweile im E-Sport zu holen, beim Dota 2-Meisterschaftsturnier "The International". Für das Major-Turnier auf der "Dreamhack" hier in Schweden gibt es allerdings nur eine schlappe Million und gerade einmal 100.000 Dollar für das Gewinnerteam des "Counter-Strike-Tournaments".

E-Games-Turnier
Konstantin Arnold

E-Games-Turnier

Das Business ist hart umkämpft. Die Karriere beginnt mit 15 Jahren und kann mit 17 schon wieder vorbei sein. Es gibt keine klaren Strukturen, Verträge oder Verbände, keine Garantien. Erfahrung, Talent, physische und psychische Fitness sind maßgeblich. Profispieler trainieren sechs bis acht Stunden täglich, werden von Trainern, Psychologen, Analysten und Ernährungsberatern betreut. "Wir leben ein krasses Leben, nicht vollkommen superstarmäßig, aber verdammt nahe dran", sagt "SumaiL" Hassan.

2006 sprach man erstmals von E-Sport in seiner heutigen Form. "Newzoo", das allsehende Auge der Gaming-Industrie, veröffentlichte im diesjährigen "Global E-Sports Market Report" beeindruckende Zahlen:

  • eine Wachstumsrate von mehr als 40 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.
  • ein Umsatz von 696 Millionen Dollar insgesamt, 2020 sollen es 1,5 Milliarden werden.
  • Mediengiganten wie ESPN und das Turner-Netzwerk übertragen E-Sport weltweit, allein für die Dreamhack 2017 werden mehr als 300 Millionen Zuschauer erwartet. Regisseure, Kameramänner und Experten bearbeiten hinter den LED-Kulissen all das, was die Stars der Szene auf ihren Tastaturen vollbringen.

Am zweiten Tag müffelt es

Nur der Geruch kann nicht übertragen werden: Es riecht nach Elektronik, am zweiten Tag müffelt es auch etwas. Immerhin zocken, essen und schlafen hier mehr als 50.000 Menschen. Auf den Fluren trifft man hin und wieder auf Fantasy-Charaktere im String Tanga oder bekannte Spieler, die man daran erkennt, dass sie von Menschenmassen verfolgt werden. Ab 18 Uhr gibt es eine Kostümshow und ab Mitternacht eine Party mit Liveacts, die hier jeder kennt. Natürlich ohne Alkohol.

Cosplay in Schweden
Konstantin Arnold

Cosplay in Schweden

Vier riesige Server blinken wie ein Silvesterfeuerwerk, separate Stromkreise sorgen dafür, dass nicht alle Rechner davon betroffen sind, wenn einer aus Versehen seine Cola über den Bildschirm schüttet. Alle Gamer-Bedürfnisse werden erfüllt: Hier kann man seinen Rechner reparieren lassen, dort massiert werden und da hinten seine Eltern ausrufen lassen. Es gibt eine Halle, in die ein ganzes Metallica-Konzert passen würde, die während der Dreamhack als Schlafsaal genutzt wird. Der Saal, in dem das "Dota 2"-Majorturnier ausgetragen wird, ist seit Beginn der "Dreamhack" ein ausverkaufter Hexenkessel.

Ist E-Sport Sport?

Nach der Definition des Deutschen Olympischen Sportbundes ist E-Sport kein Sport, weil Sport nur Sport wäre, wenn man sich bewege. Weiterhin sei E-Sport kein Sport, weil es keine Vereinsstruktur gebe und keinen ethischen Wert vermittle. "Jedoch hat eine Untersuchung der Sporthochschule in Köln gezeigt, dass Computerspieler während der Wettkämpfe genauso unter Stress stehen und körperlich beansprucht sind wie die traditionellen Spitzensportler", sagt Ralf Reichert, Geschäftsführer der Electronic Sports League (ESL).

In Ländern wie China, Russland, Finnland oder Südkorea gilt E-Sports bereits jetzt als offizielle Sportart und wird an schwedischen Schulen sogar als Unterrichtsfach angeboten. Die Gaming-Community hat sich vorbei an staubigen Institutionen eine Welt aufgebaut, die bereits jetzt da ist, wo andere noch hinwollen. Und mal ehrlich: Steckt nicht in jedem von uns ein kleiner Gamer? Würden wir nicht alle gerne ohne schlechtes Gewissen Pizza essen, Cola trinken und auf einem Drehstuhl sitzen?

Beneidenswert.



insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
haifasuper 12.12.2017
1. Zitat
"Und mal ehrlich: Steckt nicht in jedem von uns ein kleiner Gamer? Würden wir nicht alle gerne ohne schlechtes Gewissen Pizza essen, Cola trinken und auf einem Drehstuhl sitzen. " Sicher, ein paar Mal. Allerdings kann man auch ohne Pizza und Cola etwas Zeit mit Spielen genießen.
haifasuper 12.12.2017
2. Zitat
"Und mal ehrlich: Steckt nicht in jedem von uns ein kleiner Gamer? Würden wir nicht alle gerne ohne schlechtes Gewissen Pizza essen, Cola trinken und auf einem Drehstuhl sitzen. " Sicher, ein paar Mal. Allerdings kann man auch ohne Pizza und Cola etwas Zeit mit Spielen genießen. Danke für den Artikel!
touri 12.12.2017
3.
Schöner Artikel, erinnert mich an meine früheren (zugegebenermaßen viiiiiel kleineren) LAN Partys. Ich finde E-Sport sehr interessant und verfolge aktuell gerne die Starcraft community. Und wer behauptet, dass Stellenweise 600+ APM (Aktionen pro Minute) kein Sport sind, der sollte mal testen, ob er auf ein zehntel davon kommt :p
homernarr 12.12.2017
4. Hö
Wieso schlechtes Gewissen? Ich zocke seit "Pong". Die Zeiten als Gaming was schlechtes war ist vorbei. Ich frage mich nur, die wievielte Gaming Generation das inzwischen ist. Ich setze mich heute Abend wieder vor meinen Monitor und zocke Rocket League. Dafür habe ich keinen Fernseher.
tottusmaximus 12.12.2017
5. Virtuelle Welt
Schöner Artikel. Seit meinem BWL Studium (und das ist bereits 25 Jahre her) spiele ich unheimlich gerne diverse Spiele. In den 90ern waren Grafik und Rechnerkapazität natürlich im Mittelalter. Heute gibts online schöne fast-reale Welten. Aber nur fast. Die reale Welt hat viel mehr zu bieten. Wir werden die Entwicklung in den nächsten Jahren mit staunen beobachten.
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