Cool Runnings in Thüringen Kenia - ein Wintermärchen

Im Thüringer Schnee träumen drei Afrikaner den großen Traum vom Wintersportruhm. Ein deutscher Trainer will das Trio zu Klasseathleten formen und Sponsoren für sie gewinnen - auch wenn sie erst seit zwei Wochen auf dem Ski stehen.

Von Christian Fuchs und Greta Taubert


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Wintersportler: Exoten im Schnee
Patrick Sang zieht seine Spur, den Blick fest auf die eisige Strecke der Skiarena Oberhof gerichtet. In dicke Schneehosen und Anorak gehüllt, versucht sich der Kenianer am Schlittschuhschritt. Seine Bewegungen sind vorsichtig, die Abläufe noch nicht völlig verinnerlicht. Aber wie sollten sie auch - der Kenianer steht seit gerade zwei Wochen auf den Brettern. Zusammen mit Titus Rotich und Daniel Bii, zwei Landsmännern, dreht Patrick jeden Tag seine Runden in den verschneiten Höhen des Thüringer Waldes. Alle drei sollen Wintersportler mit Weltklasseformat werden. Und zwar so schnell wie möglich. Sie sollen bereits beim Ibu-Biathlon-Cup im November starten - den wichtigsten Biathlonrennen nach dem Weltcup.

"Very good, man", sagt Klaus Bergmann, als die drei Kenianer an ihm vorbeifahren. "Das sieht ja schon fast wie Skaten aus." Der Trainer und Manager stützt sich auf die eigenen Skistöcke und blickt seinen Schützlingen aufmerksam hinterher. Jeden Tag machen sie Fortschritte. Jeden Tag kommen sie dem Traum vom kenianischen Wintersport einen Schritt näher. Um die Afrikaner hierher zu holen, ist Bergmann einen weiten Weg gegangen.

Der begann in Afrika. Sowohl als Langstreckenläufer als auch später als Lauftrainer kehrte Bergmann immer wieder in die kenianische Stadt Eldoret zurück, von der man sagt, sie sei ein Läufermekka. Über die Jahre lernte er dort viele afrikanische Läufer kennen. "Wer dort die 5000 Meter in 14 Minuten rennt, wird es nie ins Nationalteam schaffen", sagt Bergmann: "Da habe ich zu einigen aus der zweiten Garnitur gesagt: 'Ihr müsst die Sportart wechseln'".

Die meisten Kandidaten hatten Angst vor Rollerskates

Aber wohin? Die Antwort fiel ihm ein, als er an der Rennstrecke in Oberhof stand. Hier, wo sich an diesem Wochenende die Elite des Biathlonsports zum Weltcup trifft, fand 2004 die Weltmeisterschaft in dieser Disziplin statt. Genau wie beim Laufen kommt es auch beim Biathlon auf Schnelligkeit und Ausdauer an, dachte sich Bergmann. Nur eben auf Ski. Bergmann packte Inlineskates ins Reisegepäck, als er das nächste Mal nach Afrika flog. Er stellte sich damit an den Rand der Aschenbahn, suchte sich 20g Athleten heraus, die in Frage kamen und drückte ihnen die Schuhe in die Hand. "Wir hatten noch nie Rollerskates gesehen", sagt Patrick, "und die meisten hatten Angst davor."

Der 23-jährige Patrick hat diese Angst überwunden. Seine nächste Aufgabe: Den Schnee bezwingen. Wacklig stoppt er seine Ski mit einem Schneepflug, kann jedoch nicht schnell genug bremsen und plumpst auf die Trainingsstrecke. Schneeflocken wehen ihm ins Gesicht, er drückt sich wieder nach oben und schiebt die schwarze Wollmütze hoch. Auf ihr steht "Apoldaer Pilsner", ein lokales Thüringer Bier. Die Mütze, die Ski, die Anoraks, die Handschuhe, einfach alles haben die Nachwuchsbiathleten von ihrem Trainer bekommen. Er lässt sich das kenianische Wintermärchen bisher 25.000 Euro kosten. Die Biermarke von der Wollmütze ist kein Sponsor. "Aber ich stehe mit mehreren Ausrüstern in Verhandlungen", sagt Bergmann.

Der heutige Marketing-Berater weiß um den Exotenbonus seiner Jungs: "Egal, ob sie gleich von Anfang an vorne mitfahren, die Kamera wird sie immer filmen." Das wüssten auch die potentiellen Sponsoren - spätestens, seitdem vier Jamaikaner 1988 im Bob allen anderen Teilnehmern der Olympischen Winterspiele in Calgary hinterherfuhren. Den "Cool Runnings"-Effekt nutzte auch bereits der Sportartikelhersteller Nike, als er vor zehn Jahren mit Philip Boit den ersten Kenianer auf Langlaufskiern in die olympische Piste schickte. Er ging natürlich gnadenlos unter, startete trotzdem noch zwei weitere Male bei olympischen Winterspielen und ist seitdem ein Nationalheld in Kenia. Patrick Sang kennt ihn gut, Boit ist sein Onkel.

Erster afrikanischer Erfolg als Blondine

Andere Wintersportler kennt er bisher jedoch keine. Würde Star-Biathletin Kati Wilhelm an ihm vorbeiziehen, würde er sie nicht erkennen. Trotzdem motivieren ihn die Profis aus Deutschland, die ihn im Training immer wieder überrunden. Wenn diese Hünen an den drei Kenianern vorbeiziehen, wird ihnen bewundernd nachgeschaut. "Ich versuche dann, ein paar Meter mit ihnen mitzuhalten", sagt Patrick und lacht. Das ist natürlich noch aussichtslos. Aber es gibt etwas, dass die drei einigen anderen voraushaben: Motivation.

"In Deutschland fangen die Talente zwar schon mit zwölf Jahren mit dem Leistungstraining an", sagt Coach Bergmann, "aber die Afrikaner zeigen einen ganz anderen Willen als viele Europäer." Für sie ist der Sport die Chance, der Armut zu entfliehen. Weil Patricks Eltern die Gebühren nicht mehr zahlen konnten, musste er die Schule mit 16 verlassen und Zucker und Tee verkaufen. Seinen acht Geschwistern erging es ähnlich. Ihn zu motivieren, Kenia gegen den Thüringer Wald einzutauschen, fiel Bergmann nicht schwer.

Nach der ersten Trainingseinheit sitzt das komplette kenianische Biathlonnationalteam in der "Thüringer Hütte" und trinkt Kräutertee. Im Radio laufen Schlager, die Wände sind hinter Holzpanelen versteckt. Klaus Bergmann gibt sein Bestes, die Jungs auch kulturell an Deutschland heranzuführen. Zu Weihnachten hat er ihnen Gans und Hirsch serviert.

Auch Blondinenwitze sind ihnen nicht mehr unbekannt. Patrick Sang startete bei der Blondinen-WM, einem Gaudi-Skiabfahrtslauf in Oberhof. Er trug eine blonde Perücke - und holte seinen ersten Sieg auf Skiern.



insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
califax68 08.01.2010
1. Farbtupfer im Thüringer Wald
Find ich Super! Schon aus dem Grunde, weil sich die Dumpfbacken von der NPD sicher "schwarz" ärgern werden, wer da jetzt so in ihrer schönen "national befreiten Zone(???)" so durch den Thüringer Wald läuft. Ist doch noch gar nicht so lange her, daß die thüringischen NPD-Trottel übelst über einen "schwarzen" CDU-Politiker herzogen... Ich jedenfalls wünsche den angehenden Biathleten viel Erfolg!
eulenspiegel 47 08.01.2010
2. "Auch Blondinenwitze
sind ihnen nicht mehr unbekannt. Patrick Sang startete bei der Blondinen-WM, einem Gaudi-Skiabfahrtslauf in Oberhof. Er trug eine blonde Perücke - und holte seinen ersten Sieg auf Skiern." Na das macht uns aber froh. Schon wieder mal PR Rummel mit Multi Kulti. Hauptsache die Kamera hält drauf.
Andreas Rolfes 08.01.2010
3. Was soll der Quatsch?
Mein Kommilitone und ich haben neulich noch scherzhaft drüber nachgedacht, eine Studie zu folgendem Themenkomplex zu erstellen: "Ursachen und Gründe für die Unterrepräsentation von zentralafrikanischen Staaten bei Olympischen Winterspielen." Aber mit deutscher Sportentwicklungshilfe wird sich die Bilanz in den nächsten Jahren für Afrika wohl verbessern. Ich frage mich nur: Was soll der Quatsch? Gibt es keine einheimischen Jugendlichen mehr zu fördern? Oder werden Wintersportler jetzt auch Waren, Legionäre oder Söldner wie Fussballprofis? Und wann fällt in Afrika endlich mal wieder Schnee, um diese Sportart dort langfristig, nachhaltig und erfolgreich zu etablieren? PS: Mehr Niederländer sollten bergsteigen und mehr Grönländer Beachvolleyball spielen.
Koda 08.01.2010
4. Cool runnings mal anders
Zitat von Andreas RolfesMein Kommilitone und ich haben neulich noch scherzhaft drüber nachgedacht, eine Studie zu folgendem Themenkomplex zu erstellen: "Ursachen und Gründe für die Unterrepräsentation von zentralafrikanischen Staaten bei Olympischen Winterspielen." Aber mit deutscher Sportentwicklungshilfe wird sich die Bilanz in den nächsten Jahren für Afrika wohl verbessern. Ich frage mich nur: Was soll der Quatsch? Gibt es keine einheimischen Jugendlichen mehr zu fördern? Oder werden Wintersportler jetzt auch Waren, Legionäre oder Söldner wie Fussballprofis? Und wann fällt in Afrika endlich mal wieder Schnee, um diese Sportart dort langfristig, nachhaltig und erfolgreich zu etablieren? PS: Mehr Niederländer sollten bergsteigen und mehr Grönländer Beachvolleyball spielen.
Anscheinend wird der Trainer wohl nicht von einer in Deutschland tätigen Organisation bezahlt. Oder er macht es aus seinem Privatvergnügen. Andernfalls kann ich mir nicht vorstellen, warum er sonst Sportler fördert, die in Kenya es nicht geschafft haben.
wudi 16.01.2010
5. ?
Zitat von califax68Find ich Super! Schon aus dem Grunde, weil sich die Dumpfbacken von der NPD sicher "schwarz" ärgern werden, wer da jetzt so in ihrer schönen "national befreiten Zone(???)" so durch den Thüringer Wald läuft. Ist doch noch gar nicht so lange her, daß die thüringischen NPD-Trottel übelst über einen "schwarzen" CDU-Politiker herzogen... Ich jedenfalls wünsche den angehenden Biathleten viel Erfolg!
Ich finde es "dumpf" dies` fuer politische Zwecke auszunutzen, egal von welcher Seite. Afrikaner das Skilaufen beizubringen um NPD-Trottel zu aergern ist das Bloedeste was ich gelesen habe.
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